Zita Bucher:
Gedankenskizzen über das Zuschauen während zwei Stunden

Zita Bucher schreibt nach der Performance «The Gathering extended» am Samstag 24.09.2016 im Rahmen von PANCH im Neubad Luzern.

Bereits seit vier Stunden arbeiten fünfundzwanzig Frauen und Mannen im Pool des Neubads. Ich steige die Treppe hoch, gespannt, was mich erwarten wird. Ein Pool voll Menschen. Das ist mein erster Gedanke. Er ist bereits belebt, etwas ist im Gange: ein Schaffen von vielen.

Ich sehe einen Mann mit einem Draht. Der Draht gleitet durch seine Hände, immer wieder.
Ein weiterer sitzt auf einem Badetuch, trägt eine Badehose und Badekappe.
Eine Frau und ein Mann klopfen mit Holzklötzen, es hat etwas Ruhiges, Bedächtiges an sich, die zwei begegnen sich akustisch und räumlich.
Es gibt eine Art Stickstube, zwei sitzen und besticken Stoff, der Ort strahlt Ruhe aus. Einer hat eine Kuhglocke um den Hals, sein Gang versetzt sie in Schwingung.
Eine sitzt an ihrem Arbeitstisch, schneidet Schnipsel aus Zeitschriften/Zeitungen und klebt sie in einem neuen Muster an die Plättchenwand.
Ein oranger Sitzball als Spielfläche.
Eine sitzt auf einem Stuhl, eingewickelt in Plastik, oder doch eher Papier?
Einer geht seine Runden, im Schlepptau eine Papierrolle.
Ein nackter Mann, in seinem eigenen Tanz, einer ganz eigenen Bewegungsqualität. Sein Körper ist Zentrum, gleichzeitig wird es unwichtig, dass er nackt ist, er bekommt eine neue Körperlichkeit und Form.
Dann: zwei Körper treffen sich, berühren sich, begegnen sich.

Ich nehme viele Blicke wahr: in sich gerichtete, von sich gerichtete, zu jemanden oder etwas gerichtete, Blicke, welche (ver)binden. Blicke als Form einer Begegnung, Klang als Form einer Begegnung, räumliche Positionierung als Form einer Begegnung, körperliches Berühren.

Es wird laut, es wird geblasen, eine Klangdichte erzeugt: mit Alphorn, Staubsauger, Tuba, Flasche, Rohren, Stimmen.
Gleichzeitig dreht sich eine Frau im Sonnenlicht. Sie ist nackt, die Augen geschlossen. Es scheint mir fast, sie wird von der Sonne angetrieben, bedächtig, ganz in sich und trotzdem nach aussen strahlend und reflektierend.
«Leert die Box über mir aus.», ruft einer. Zwei folgen seinem Wunsch, steigen über das Gitter beim Sprungbrett. Die Kiste wird geleert. Sehr langsam, wie Schnee oder Herbstblätter rieselt der Sagex auf seinen Kopf herunter. Jedes Stückchen wird von den zweien einzeln losgelassen, um nach unten zu fallen. Das Sagex bleibt auf seinem Kopf und Schultern liegen, positioniert sich um ihn herum auf den Boden.
Der Mann hat seinen Draht wieder in der Hand, lässt in durch die Hände gleiten, immer wieder.
Der Badegast wird zum Schwimmer, begibt sich in den Pool um seine Längen im Brustschwumm von einem Ende zum anderen in einem stetigen Rhythmus zu ziehen.
Die Kuhglocke «bimbelet» wieder, nun trägt er ein Papier am Kopf darauf steht «Free Man». Ich mache mir Gedanken, was es heisst, frei zu sein. Ich schaue in den Pool und denke mir, dass das was hier geschieht, dem sehr nahe kommt.
Der Draht ist nun aufgerollt, verschwindet in seiner Hosentasche. Er legt sich auf den Boden, vor sich ein Brett mit Miniaturfiguren.
Es wird laut, dichter, der Kontrabass steigt mit ein, ihm folgen viele Stimmen.
Eine ruft: «Alle an Board!!»,
einer spielt auf einem runden Blech,
einer singt,
eine trägt einen schwarzen Schleier, steht auf ihrem Arbeitstisch und bewegt sich, ist sie gefangen?,
eine schreit.
Für mich kumuliert sich hier das Ganze Pool-Schaffen in einen lauten, gemeinsamen Aufschrei, vom Pool und seiner Akustik verstärkt.
Mittendrin rollt einer seelenruhig eine Papierrolle auf.

Ich merke, es gibt viele kleine Dinge, die gleichzeitig passieren und grosse Dinge, die darüber gesponnen werden (Oder vielleicht sind es die kleinen Dingen, welche sich zu grossen Dingen verweben?) Es ist unmöglich alles zu fassen, aber es ist spannend es zu versuchen.

«Weder drinnen noch draussen ist es gefährlich, sondern dazwischen.», sagt einer und geht im Innenrand des Pools entlang.
Eine Mini-Plastik-Wasserpumpe macht die Runde. Er hält sie mir ganz nahe ans Ohr, wenn ich mich nur darauf konzentriere, kann ich das Geräusch des Pumpens wahrnehmen.
Das Papier ist aufgerollt, er wirft die Rolle in den Raum und sie rollt davon.
Eine Frau mit einem Koffer, sie scheint mir «dazwischen» zu sein. Wohin sie wohl will? Einer zieht ein Glas über den Plattenboden,
eine zeichnet in der Luft,
der eine steht wieder allein, nackt, nun auf seinem Kleiderhaufen.
Der Mann mit dem Draht im Hosensack, setzt sich auf den Stuhl, hebt die Papierrolle auf und wickelt sie sich um den Kopf. Vor ihm sitzt eine Frau im Fersensitz, trägt eine Sonnenbrille, schaut ihm zu. Als sein Kopf vollständig eingewickelt ist, steht sie auf, fasst ihn, den Papierkopfmann, an den Schultern. Sachte führt sie, die Sonnenbrillenfrau, ihn durch den Pool.
Eine arbeitet mit Zeitungspapier, sie kleidet den Mann ein, der auf seinem Kleiderhaufen steht. Er bekommt einen Mantel und eine Art «Krone». Ein totaler Wandel. Auf mich wirkt er auf einmal wie ein César, eine archaische, mächtige Person.
Der Schwimmer ist unermüdlich, zieht weiter seine Bahnen. Wie viele Hundertmeter er wohl heute schwimmen wird?
Die Sonnenbrillenfrau führt ihren Papierkopfmann, schwingt mit ihm, rennt mit ihm, geht mit ihm, lässt sich fallen, lässt ihn los. Sie greift in seinen Hosensack, berührt sacht mit der Hand seine Brust, hält ihn, zieht an ihm. Er lässt sich führen, die Treppe hoch, an den Poolrand.
Der César bekommt nun eine Art Stola über die Schultern, er verwandelt sich erneut und wird für mich zum Kardinal.
«The answer my friend is blowing in the wind…» erklingt auf einer Mundharmonika.
Die Robe fällt, der Kardinal ist weg.
Der Papierkopfmann und die Sonnenbrillenfrau bleiben stehen, lehnen sich ans Gitter und betrachten? hören? fühlen? was die anderen im Pool (er)schaffen.
Ich folge ihrem Blick: Das Alphorn hängt am Dreimetersprungbrett.
Langsam wickelt der Papierkopfmann das Papier ab, es rollt über das Gitter in den Pool. Die Sonnenbrillenfrau ist bereits unten, nimmt es entgegen. Die Szene erinnert mich an Rapunzel, welche ihrem Prinzen das Haar herunterlässt. Das Papier liegt nun im Pool, die Sonnenbrillenfrau hält daran fest, zieht ihre Brille ab, der Mann ohne Papierkopf, setzt sich seine Brille auf. Lange schauen sich die zwei an. Es berührt mich sehr. Ihr Blick ist intensiv, bindend, hat etwas von Zerbrechlichkeit.

Mir wird klar, dass diese Frauen und Mannen, während Zwölfstunden in ihrer Arbeit immer wieder neue, vielfältige und vielschichtige Bindungen erschaffen, eingehen und verfolgen werden, um sie dann irgendwann wieder aufzulösen. Sie müssen sich immer wieder neu mit Material, Klang, Körpern, Raum auseinandersetzten, sich einschwingen können auf Unbekanntes und Unvorhersehbares, um es nach getaner Arbeit wieder «hinzulegen», sich davon zu trennen und loszulassen. Ein stetiger Prozess von Entstehen und Vergehen von zerbrechlichen (Ver-)Bindungen. Bewundernswert.

PerformerInnen:
Beat Unternährer, Nesa Gschwend, Sascha Dikov, Parvez Imam, Gisela Hochuli, Lukas Hürlimann, Glynis Ackermann, Angela Hausheer, Leo Bachmann, Karyna Herrera Süess, Peter Aerni, Claudia Grimm, Lisa Jenny, Lilian Frei, Mirzlekid, Dominik Lipp, Joëlle Valterio, Irena Kulka, Judith Huber, Francesco Spedicato, Thomas Zollinger, Bruno Schlatter, Rolf Schulz, Jan Schacher