Urban Mäder:
Zusätzliche Ingredienzien sind zuständig für den Nachgeschmack

Urban Mäder schreibt nach einem Performanceabend und kulinarischer Kost, veranstaltet vom Forum Neue Musik Luzern am 20.04.2018 um 20 Uhr in der Werkstatt Augustin.

Die Werkstatt, frisch gemalt, lindengrün. Die alte Werkstatt, abends um sieben, lichtdurchflutet, ein früher Abend, ungewöhnlich warm, ungewöhnlich frühsommerlich leicht.

Ungewöhnlich auch der Anlass, ein Abend mit Performance und Kochkunst. Menschen treten ein, grüssen sich unaufdringlich, blicken herum, grüssen sich. Bald gibts eine Erfrischung, Bier, Wein, Wasser, Limonade, fein zubereitetes Apérogebäck. Köstlichkeiten, zubereitet durch Manuel Kaufmann, Koch und Gastronom, Ursin Duss, sein Partner an der Theke, beim Kochen, Schöpfen, Servieren.

Dinge erinnern noch an die alte Schlosserwerkstatt. Einfache schmale Tische, metallene Dreifüsse mit runder Holzsitzfläche, da und dort ein Werkzeug, Deckenschienen, eine Hubrolle.

Ein langer Tisch mit rohen ungeschälten Kartoffeln beladen, zwei Schäler liegen handlich bereit. Laura Laeser lässt sich auf ihre Arbeit ein, ruhig, konzentriert. Sie weiss, sie wird nicht den ganzen Vorrat schaffen, muss sie auch nicht, sie schält und gibt die behandelten Kartoffeln in ein Wasserglas. Ein Gestell mit Kartoffelgläsern füllt sich. Ein Bild wie Nahrungsproben im Labor. Ein kleines Mädchen, die Enkelin von bekannten Gästen, hilft mit, ist ganz in Bann gezogen von diesem sich in weiter Zeit formenden Werk, erfreut die ganze Runde.

Die exzellente Kartoffelsuppe erfreut die Gäste. Die Gäste, die da und dort stehen, vereinzelt sitzen, schauen, lauschen, sich mal was zuflüstern, sinnen, schmunzeln, geniessen.

Judith Huber erinnert an den Arbeitsraum. Sie hat sperriges Holz dabei. Über vier Meter lange Vierkanthölzer. Sie hebt das eine Holz auf die eine Schulter in Balance und hält die Balance mit ihrem guten Körpergefühl. Die Hände verschränken sich, vertrauen der Schulter. Sie weiss, dass sie sich im Raum mit äusserster Vorsicht bewegen muss, will sie nicht alles mögliche anstossen und herunterschubsen. Sie trägt das Holz mit anmutiger Ruhe und Feinheit. Das Holz bewegt sich, langsam, wie im Flug. Nach ersten ruhigen Minuten kommt das zweite Holz auf die zweite Schulter. Ein Schienenpaar, das zuweilen die gleiche Richtung einnimmt. Zuweilen die Richtung kreuzt. Judith steht im Raum, kreist langsam, sieht weit hinaus, mit einem tiefen Blick nach innen.

«www.positivkochen.org», bemerkt Jens Nielsens Stimme in die Stille hinein. Die HörerInnen werden wach, lassen den kurzen Textlaut nachwirken, denken nach, sinnen weiter. Blicke über die kantigen Hölzer zu den Kartoffeln, zum Sprecher, der lange schon dastand, die Stille und Weite musterte, um dann wieder zur Verlautbarung zu greifen: «Ich habe meine Ernährung vollkommen umgestellt. Ich esse nur noch…». Wieder nachsinnen, nachdenken, nachwirken lassen. Auch esse er immer mal wieder Vögel, alle möglichen. Er habe ohnehin zu vielen Tieren Kontakt. Nicht draussen in der Natur oder Wildnis gar, nein, Zuhaus, in den eigenen vier Wänden, Gefieder, Kriechtiere, schwere Vierbeiner. Für alle einen Platz, Zuhaus, um das Leben bei sich zu haben? Um lebendig zu bleiben? Je mehr Tiere Jens Nielsen aufzählt, umso mehr sinnen all die Gäste nach, lassen nachwirken, verändert sich der Blick über die Hölzer, zu den Kartoffeln.

«Das Leben kann man nicht essen», Spinnen ja, aber das Leben nicht. Fürwahr. «Wann kommt der Vogel!» oder «Wann kommt der Vogel?» Frage oder hungriger Imperativ? Immer wieder. Die Köche gehen wieder ans Werk, bereiten einen wunderbaren, köstlichen Teller, Risotto, Coq-au-vin am Spiessli, Minzensauce, feines Krokant. Ein Schmaus, zu einem wunderbaren Glas Wein, zu herrlichen verbalen Randbemerkungen, die zusammen mit dem Coq auf der Zunge fliessen, in die Tiefe, die Gedanken köstlich umgarnen, den Magen wohlig füllen.

Der Abend fliesst ruhig dahin, sinnlich, fein, durch schöne Impulse zum Nachdenken angeregt. Kaffe, Panna Cotta am Stück mit Rhabarberkompott und ein paar knusprige zusätzliche Ingredienzien sind zuständig für den Nachgeschmack. Ein Nachgeschmack voller feinster Bilder, Klänge, Worte, Regungen und Bewegungen.

1.5.18 Urban Mäder
www.forumneuemusikluzern.ch

Beteiligte PerformerInnen: Judith Huber, Jens Nielsen, Laura Laeser
Beteiligte Köche: Manuel Kaufmann, Manuel Berger, Ursin Duss (Gastronom)
Werkstatt Augustin, Baselstrasse 52, Luzern