Susanne Kudorfer:
Im Sitzen

Susanne Kudorfer schreibt nach der Performance «In deinen Schuhen» von Marie-Anne Lerjen am Donnerstag, 24.9.2020 im (ort) – Raum für Performance in Emmenbrücke.

Die zweite von drei Performances an diesem Abend im (ort) von Judith Huber. Zuerst erzählte Michael Hiltbrunner von seinen Bewegungen in der Schweiz. Anhand von drei selbst erstellten Karten auf vergilbtem Transparentpapier. Verortungen wurden sichtbar, eigenartige Überlappungen, Koinzidenzen, Begegnungen, Verdichtungen von Reisen in unterschiedlicher Absicht. Danach:

Marie-Anne Lerjen weist mir beinahe wortlos einen Platz im Vorraum zu. Grober Estrich oder Betonboden mit Spuren früherer Nutzung. Flecken, ein Kreis, Abstufungen im Grauton. Hier nimmt jeder einzeln Platz, jede hat ihren Stuhl aus dem anderen Raum dabei. Marie-Anne zeigt, wo jeder absitzen soll. Geht`s um den Corona-Sicherheitsabstand für das Folgende?

Der Hocker, auf dem die Künstlerin Platz nimmt, stand schon da. Als alle anderen sitzen, nimmt auch sie Platz, konzentriert sich, hält inne. Wir sehen ihr zu. Knapp 20 Personen unterschiedlichen Alters, nicht wenige selbst Performerinnen. Marie-Anne bindet ihre Schuhe auf, zieht sie aus, stellt sie neben sich, hält inne.

Sie bückt sich, zieht die Schuhe wieder an, bindet die Bänder, hält inne.

Sie erhebt sich, wendet sich der Person neben ihrem Platz zu, kniet nieder, öffnet die Schuhe ihres Gegenübers, zieht sie von den Füssen, stellt sie neben die Sitzende. Diese Handlung wiederholt sie bei jeder Person im Raum. Ich sehe zu und komme irgendwann selber dran. Auf meinen Socken steht L und R. Jemand hat Klettverschlüsse. Eine bekommt kalte Füsse und stellt die Schuhe wieder unter ihre Fusssohlen. Als alle in Socken da sitzen nimmt Marie-Anne wieder Platz, hält inne.

Sie bückt sich, zieht ihre Schuhe ab, platziert sie neben sich, hält inne. Wendet sich erneut ihren Füssen zu, zieht die Schuhe an, bindet sie, hält inne, steht auf.

Vor der ersten von uns Teilnehmenden kniet sie nieder, zieht Schuh für Schuh wieder an, bindet Bändel, schliesst Reissverschlüsse und die Klettbänder. Gar nicht so leicht, die Füsse anderer in ihre Schuhe zu bekommen. Nicht zu locker, nicht zu fest zu binden.

Jetzt stehen alle Beine wieder vom Sitzen abgewinkelt auf dem Boden. Alle Fusspaare in ihren praktischen und modischen Bekleidungen. Marie-Anne nimmt Platz, zieht ihre eigenen weichen – sind es Barfusschuhe?– ab und wieder an. In derselben Ruhe und Konzentration, die ihr Tun von Anfang an beherrschen. Rituell und spielerisch wirkt es auf mich. Dass man das gleichzeitig hinbekommt. Ich war schon bei Spaziergängen der Künstlerin dabei. Da habe ich nie so auf die Füsse geachtet. Im Innenraum arbeitet Marie-Anne mit dem für das Gehen essentiellen Instrument. Und dem womit wir es bekleiden, womit wir seine Funktion unterstützen oder unserer Individualität Ausdruck geben. Da haben wir alle etwas gemeinsam und sind dabei ganz verschieden.