Sibylle Omlin:
Das Wasser ist die Zeit

Sibylle Omlin schreibt im Auftrag von ApresPerf nach den Performances am Samstag 12.9.2015 anlässlich des International Performance Art Giswil 2015.

«Das Wasser ist die Zeit», sagt die Wirtin vom Hotel in Giswil am Morgen beim Frühstück, als sie uns die Maschine zum Eier-Kochen erklärt.

(Tagebuchnotiz) Samstag 12.9.2015. Über den Brünig nach Giswil ans internationale Performance Festival in der Turbine Giswil. Ich soll da Beobachterin sein. Mir fällt die Rolle eigentlich normalerweise leicht, da ich einmal Journalistin war (so das seltsame Wort für diese Profession, das auf das Journal-Führen bereits verweist) und dennoch wird sie angesichts der Erwartungen des Festival-Publikums doch auf einmal schwer, da ich diese Profession seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeführt habe und meine Beobachtungen zwischenzeitlich vor allem in privaten Tagebuchnotizen oder in eher essayartigen Texten niederschreibe. Kann ich mit diesem Zwischenbereich, zwischen Veröffentlichung unmittelbarer eigener Beobachtung und Vorstellung eines schnell zusammengeschriebenen Texts nach einer Nacht Latenz zwischen Beobachten, Verdauen und Erinnern vor einem Publikum in einer adäquaten Weise umgehen?

Der erste Versuch war, die Notizen von dem Tag niederzuschreiben. Wie immer geschieht das bei mir auf einem Blatt Papier, meist auf dem Programmzettel der Veranstaltung. Er ist hier als Bildbeigabe in den Text integriert. Aus diesem Programmzettel hatte ich am 13.9. dieses erste, kurze Feedback gebastelt, das ich am Morgen des genannten Sonntags in einer Art Aula eines Schulhauses – halb improvisiert, halb geschrieben – vortrug.

Die Festival-Leiterin Andrea Saemann wünschte sich darüberhinaus einen Text für die Website ApresPerf. Ich habe zwar am 12.9. und 13.9. viel Tagebuch zu der Beobachtung am Festival geschrieben, doch ich kam mit den Notizen auf einmal nicht mehr zu Recht. Und die Wochen verstrichen. Und nun ist schon der dritte Monat seit diesem Festival vergangen (ich setze mir nun einen letzten Termin, der 31.12.2015). Erstmals mache ich mich am 6.12.2015 daran, die Notizen aus dem Tagebuch ins Reine zu schreiben (ich sitze im Zug von Paris nach Lausanne, keine drei Wochen nach den tristen Ereignissen in der Hauptstadt Frankreichs).

(Tagebuchnotiz) Wir treffen uns am Bahnhof in Giswil. Heute geballte Ladung an Performance. Wie ich das morgen sortieren werde, weiss ich noch nicht. Auf jeden Fall habe ich bei einer Performance von Silvia Isenschmid, die mir sehr gefiel, die Contenance verloren. Die junge Frau, die am Mittag vor der Turbine Giswil in der Mittagshitze ein Loch in die Erde gebuddelt hatte – mit hochrotem Gesicht von der Anstrengung oder der Hitze –, und dann einen Luftentfeuchter in das Loch hineinbugsierte – ein absurdes Bild, das schon da meine Aufmerksamkeit beschäftigte – sass am selben Abend vor einem Industrieofen, der Wasser erhitzte und verdampfte. Das Publikum sass oder stand um diesen Ofen herum. Wie vor einem Fernsehgerät. Das Wasser hatte sie aus dem Luftentfeuchter, somit aus dem Loch in der Erde, in den Industrieofen zum Verdampfen gegeben (Nachtrag 6.12.15). Mir schoss auf einmal das Wort «nervenzerfetzend» aus dem Mund (halblaut). Dann lachte ich los und konnte fast nicht mehr aufhören, so dass ich mich in der grossen Industriehalle von dem Ort des Geschehens wegbewegte. Den Kurzschluss und die weisse Dampfwolke des verdampften Wassers bekam ich aber als Schluss der Performance noch mit.

(NAchtrag) Das war irgendwie ein Kulminationspunkt nach einem langen Tag von Beobachtungen gewesen. Diese Rolle des beauftragten Beobachters, der am andern Tag seine Gedanken einem anwesenden Publikum mitzuteilen hat, also in einer Art Öffentlichkeit des Publikums, hat mich offenbar den ganzen Tag über beschäftigt und sich abends gegen 19 Uhr in einem befreienden Lachen ausgedrückt. Vielleicht eine richtige Reaktion angesichts der Absurdität der Handlung. Später sprach ich mit der Künstlerin ob des Zwischenfalls. Sie fand Lachen eine mögliche Reaktion auf Performance-Kunst. Absurdität? Ja, die war beabsichtigt.

(Tagebuchnotiz) Angefangen hat alles sehr ruhig. Wir machen einen Spaziergang vom Giswiler Bahnhof zur Turbine. Wir gehen einen kleinen Bach entlang durch ein Waldstück. Überall Geräusche der samstäglichen Freizeitgesellschaft: Holzspalten im Garten, Kinderspielplatz, Rasenmäher. Auf dem Waldweg Gespräche über Solar- und Windenergie. Turbinen. Stollen. Auf einmal kommt uns auf dem von einem Blätterdach verschatteten Weg eine Frau entgegen. Sie trägt ein granatapfelrotes Kleid mit einer Art Flügel. Sie hat ein Muschelhorn um den Nacken gehängt. Maria dos Milagres. Der Name klingt wie Poesie. In dem Spiel zwischen Licht und Schatten schneidet sie langsam ihre Zöpfe ab und tunkt sie in ihr Wunderhorn; die Zöpfe sind nun goldgetränkt. Die Sonne hell, dieses Grün vom Blätterdach und dann dieses Rot mit schwarzen Schattensprenkeln. Die goldene Farbe tropft auf den Waldboden.

Performance als Medium, das sich mit ein paar Farben, Gesten einen Raum schafft in der Zeit. Dieses Ereignis mitten auf dem Weg zum eigentlichen Veranstaltungsort war ein einprägsamer Auftakt. Kraftvoll, einfach und in Stille. Kein Wort wurde gesprochen von der Frau. Noch nach Monaten kann ich dieses Bild abrufen. Und ich sehe, wie sie langsam ihr gezopftes Haar abschneidet, das in 10 Jahren so lange gewachsen war, wie es war. So erzählte sie mir später.

(Tagebuchnotiz) Wir erklimmen einen Hügel, auf dem eine Kirche steht und schauen voller Stolz von diesem kleinen Gipfel auf den Abhang hinunter, auf dem ein paar Ziegen weiden. Ich führe ein Gespräch mit einer Künstlerin aus Basel, die ich lange nicht mehr gesehen hatte: ihr flammend rotes Haar leuchtet wiederum gegen das Grün. Offenbar ist sie – wie so viele dieses Jahr – am umziehen, Atelier räumen. Sie wird dieses Jahr noch nach Buenos Aires reisen.

Später steigen wir vom Hügel wieder herab und spazieren über die grüne Wiese zu einer Scheune. Wir klettern eine Leiter hinauf ins Innere des Gebäudes, wo ein Video von Moritz Hossli läuft. Es imaginiert einen ehemaligen See, der einst von Giswil bis an den Fuss des Brünig gereicht haben soll. Unterwassaufnahmen vom Grenzbereich zwischen Wasseroberfläche und Unterwasser, langsame Bewegungen entlang der Horizontalen in beide Richtungen. Was ist eine Horizontale unter Wasser? Zwischen den dunklen Brettern der Scheunenwand leuchtet es Grün. Wir befinden uns inmitten des ehemaligen Aariedssees. Der See, der die imaginierte oder urgeschichtliche Verbindung zum früheren Kraftwerk Unteraa schafft.

Der Saxophonist Roland von Flüe spielt auf dem Heuboden über unsern Köpfen eine ruhige, getragene, karge Musik. Der intensive Klang des Instruments lässt eine Sehnsucht anklingen, an die Zeit, da ich selber noch viel Musik gemacht hatte.

Dui, sagen die Leute hier. Ah je, dui. So ebbis scheens.

Wir nähern uns dem Turbinengebäude. Maschinen treten auf. Silvia Isenschmid stapft an mir vorbei, ein bisschen gebeugt vom Gewicht der Luftentfeuchtungsmaschine, die sie in das vorher ausgehobene Loch in der Wiese vor dem ehemaligen Industriegebäude legt wie in ein Grab.

Doch auch Spaten und Krampen, Autos finden ihren Einsatz. Martin Blum fährt mit seinem Geländewagen auf einen kleinen Platz beim Bach hinter dem Turbinensaal. Er steigt aus und holt seine Sense hervor. Er dengelt sie. Ich sitze in der Wiese und sehe zu ihm herüber, wie er in seinem Bauernhemd am Rand der Wiese steht. Die grossen Hände an der scharfen Kante. Plötzlich vermischen sich auch uralte Bilder von agrarischen Kulturen mit dem blitzenden Blech des Fahrzeugs. Martin Blum hüllt seine Sense wieder in die alte Wolldecke, ohne einen Schnitt getan zu haben, und legt sie in den Kofferraum. Er fährt nach einem abenteuerlichen Wendemanöver auf dem engen Feldweg davon und später mit seinem Auto durch das grosse Tor in die Turbinenhalle ein wie in eine Scheune, steigt aus und zerkratzt die Motorhaube des Gefährts mit einem scharfen Gegenstand. Wieder ohne Worte. Ich juble innerlich vor Freude ob der Geste.

Viel später: Wir sind seit mehreren Stunden in der Turbinenhalle hin und her gewandert. Von einer Performance zur andern. Die eingeladenen Kunstschaffenden haben den riesigen Raum in Besitz genommen. Jeder auf seine Weise. Die Musik-Studenten der Hochschule Luzern (mit ihrem Professor Urban Mäder) haben Instrumente und Klänge durch den Raum bewegt. Eine Artistin – Daniela Ehrsam – schwebte als Schlangenfrau an einem riesigen Haken über unseren Köpfen. I am what I do. Susana Chiocca versucht sich an Gedichten und Symbolen, eine am Boden kriechende Schmerzensfrau, Deklamatorin von Texten und Bewegungen. Ich weigerte mich zu verstehen. Und Julia Geröcs zirkelt sich einen Raum ab und bewahrt ihre eigenen Erinnerungen – an was eigentlich? – vor uns in Ausweniggelerntem und tänzelnden Bewegungen auf. Sie gibt nichts preis. Auch ok.

Der riesige Raum der ehemaligen Industriehalle wird in unzählige kleine Räume zerteilt. Mit mehr oder weniger Leichtigkeit.

Ein weiterer Gast aus Portugal, dem der diesjährige Länder-Fokus des Festivals in Giswil gewidmet war, ist Gustavo Sumpta, der Rollen von weissem Toilettenpapier auf dem Boden durch die grosse Halle rollen und hüpfen lässt. Er reisst Band um Band von den Rollen ab. Die weissen Bänder bilden Bahnen, Linien, Schlaufen und Knicke. Man folgt ihren Bewegungen, sieht ihren Twist und Drall. Es ist ein langsames Weben. Man sieht die Anzahl der Rollen am Rande der weissen Bodenzeichnung stehen und erahnt schmerzlich die Zeit. Wie lange das noch dauern wird! Ich spaziere in der Halle herum, um mir etwas Erleichterung von der Dauer zu verschaffen. Doch nach einer Weile zieht es mich zurück an den Ort des Geschehens. Es scheint endlos. Doch auf einmal rafft der Künstler Zeit zusammen, bückt sich flink, greift in das Bändergewebe am Boden hinein und zieht es hoch zu einem Haken, der bereit hängt und den ich vorher gar nicht beachtet habe. Wie ein Zelt hängt das Bändergeflecht nun im Raum.

Fernando Aguiar: Sein Humor ist köstlich. Das beim Wort nehmen von Wörtern und doch nicht beim Wort nehmen (Widerspruch aus Sprache, Anspruch ans Wort). Reine Sprachpoesie. Die Handlung und das Wort sind im performativen Widerstreit. Seit John F. Austin. Die Worte fliegen auf kleinen Kärtchen durch den Raum. Klara schenkt mir später eins (Nachtrag 6.12.2015).

Es gäbe noch anderes zu erzählen. Gespräche knüpfen sich über die Tische hinweg, die vor der Halle für das Publikum aufgebaut sind. Und man gedenkt der Toten aus dem vergangenen Jahr mit Fotos und Kerzen.

In der grossen Halle ist es dunkel geworden. Nur die Kerzen flackern im leichten Windzug. Das grosse Tor nach Westen steht offen. Gustavo Sumpta steht nahe der Schwelle zwischen Innen und Aussen und klaubt aus seiner Hosentasche ein kleines Päckchen mit Zigarettenpapieren, die er enzeln herauszieht und zu Boden fallen lässt. Die Papierchen machen ein feines zischendes Geräusch. Man ahnt es wohl. Es wird wieder lange dauern. Die langsamen, segelnden Bewegungen der Papierchen. Seine Finger am Schlitz des Päckchens, wo die Ränder der Papiere gegriffen werden. Ohne Hast, und ohne Ende scheinbar. Man würde gerne eine Decke nehmen, sich auf den Boden legen und inmitten dieser feinen Papiere einschlafen.

Sibylle Omlin

→ siehe auch Text von Romy Rüegger über dieselben Performances