Sarah Elena Müller:
Die Sprache möchte sprechen

Sarah Elena Müller schreibt nach «Die Sprache möchte sprechen», fünf Performance Lectures von Ariane Koch/Sarina Scheidegger, Ingo Niermann, Romy Rüegger, Andrea Saemann/Dorothea Schürch und Jörg Wiesel am Freitag, 10.4.2015 zum Auftakt von ACT 2015, organisiert von Muda Mathis und Sarina Scheidegger, zu Gast im Aesthetic Practice Lab des Instituts Ästhetische Praxis und Theorie der HGK FHNW in Basel.

James Toll. Agent für Beteiligung vom Amt für Nachtritt. Heute dienstlich unterwegs im Labor für ästhetische Praxis. Oder theoretische Ästhetik. Oder praktische Leblosigkeit. Oder Schwarz und Weiss und Geruch nach Niemand.

Im Labor werden Subjekte erfunden und auch gleich Kinder daraus gemacht. Darüber wird offen gesprochen, außer man spricht vom Sprechen, dann wird geschwiegen, vor allem von den Zuhörern.
James Toll hat eine tolle Frisur, das ist normalerweise das Material, womit er sich beschäftigt, sein Haar. Er würde sein Haar mit Worten beschreiben, die hier aus Jugendschutzgründen nicht gesagt werden. So unglaublich geil, dass man darüber abspritzen möchte.

Im Labor geht es um die Sprache und was sie möchte. James aber stößt die Sprache hinterrücks von der Dachterrasse. Acht Stockwerke tief soll sie fallen. Niemand fragt sie, wolltest du das so? Wolltest du sowieso springen? Nur die Sprache weiß, dass James Toll da ist. Weil er undercover ist. Er ist sogar noch mehr unter einer Decke mit sich, als der Faun mit seiner Nymphendecke doppelt verschachtelt verdeckt ist. Das alles denkt die Sprache, während sie fällt.

Der Leib wird mit Design bestückt, der Sprache wird gesagt, wer sie ist, nämlich unser Subjektkind und den Leib muss man ihr erst erklären. Verkleidet als Sprache steigt James Toll zufrieden von der Terrasse, dem Tatort, hinunter. Doch es gibt Zeugen, berühmte Zeugen. Sie sind Metaphern von Berühmtheit und deshalb für den einfach gestrickten James unsichtbar.

Co-Agentin Ilse Abraham du service secrète de quelque chose ist derweil im Labor und fürchtet um ihre Haut. Jemand behauptet und enthäutet hier den Leib, er kennt ihn, aber wem gehört er? Ist die Sprache jetzt eine westliche Frau mit Emanzipationsgelüsten? Direkt aus dem Sterbefall abgebogen und durchs Fenster des Labors im zweiten Stock in eine Nische gefallen? Die Nische hinterliess eine verlassende Frau. Es ist die Leerstelle eines Hinterns, der sich hob, um fortzugehen und im Amazonas einen amazonischen Hintern zu lieben. Hier muss die Sprache lügen, um nicht aufzufliegen. Ilse Abraham erkennt sie, gerade weil sie sich tarnt. Von Agentin zu Flüchtlingin. Oder umgekehrt?

Wer wird hier ausgebeutet? Etwa das Blatt vor dem Mund oder die nackte, weisse, kolonialistische Papierwand zwischen Hörer und Sprecher? Referenzen marschieren unverblümt über die als flach gedrücktes Gras getarnte Sprache, die dem Tod zu entkommen versucht.

Eben von der Terrasse zurück, erklärt James Toll Co-Agentin Ilse: «Die Sprache hätte es so gewollt, Forschung ist doch unwürdig… » Sein Flüstern geht im Flüstern anderer unter. Das Flüstern und Säuseln ist Programm. «Du» und «ich» werden verteilt, James Toll nimmt «ich», Ilse Abraham entscheidet sich für «du». Noch ist die Decke nicht gehoben, unter der sie stecken. Beruhigt denkt James Toll an sein wunderbares Haar. Er fühlt damit die Schwingungen des Kehlkopfs, es weht und erschauert unter dem Raunen des Sprechers, der metallisch aus einem sehr fernen Traumzustand heraus redet. Er träumt vom Limbus, wo die Worte zwischen Tod und Tod vorbeigeistern, fast vergisst er den Mund aufzumachen. James hört mit seinem Hörhaar sofort einen narkotischen Unterton heraus.

Seelenhaft zittert die Sprache im Nacken des Publikums. Alle fühlen den sanften Luftzug, fühlen die Bereitschaft des «nichts-dazu-zu-sagen-Habens» in sich, ein wahrhaftes Publikum. Kann die Sprache sich als Kollektivdiktator noch retten? Kann eine diktierte Aussage von der Masse gehört, mit all ihren Gross- und Kleinschreibungen und dann gemacht und gesprochen werden, unisono, oder ist das der Tod?

«J’ai tué ma langue!» sagt James Toll zu Ilse Abraham. Etwas theatral allerdings. James wollte Godard zitieren, aber im Medium «Leben» nicht im Medium «Performance». Die Sprache setzt sich vorsichtig auf einen leeren Stuhl. Sie ist erschöpft. Nicht-sterben laugt aus. Zuhören ist schlimm. Forschung ist Vorwand. Schreiben ist nicht Denken. James’ Haar ist nicht bloss Haar, es ist sein Medium, sein Ohr, sein Transformations- und Spionagegerät.

«Je vous en prie», denkt Ilse, «in Genf sind die Sätze noch länger, grösser! Da kann sich die Sprache so richtig ausbreiten, statt auf einem leeren Platz platznehmen zu müssen… » Sie weiss jetzt, dass die Ausführung des Auftrags so oder so zum Tod des Subjekts führen wird. Das Amt hat alle Protagonisten gestellt. Ilse, James, eventuell sogar die Sprache an sich.

→ siehe auch Text von Birgit Kempker über denselben Anlass