Romy Rüegger:
Performancefestival Turbinenhalle Giswil 2015

Romy Rüegger schreibt im Auftrag von ApresPerf nach den Performances am Samstag 12.9.2015 anlässlich des International Performance Art Giswil 2015.

Spätherbst, eigentlich noch Sommer. Samstag. Ein Ausflug. Landschaften sind besetzt. Mit Geschichte, Ideologien manchmal, oft auch persönlicher Erinnerung. Und nicht immer gelingt es, sich auf die Lesarten anderer einzulassen. Die Sonne scheint und heute fällt es mir schwer.

Wir spazieren einem begradigten Bach entlang, Andrea hinterher. Sie hat die Besucherinnen des Festivals zuvor begrüsst und abgeholt am Bahnhof, etwas zur Auswahl der Performerinnen gesagt, denen aus Portugal und denen von hier.

Eine Figur in einem Wäldchen ist die erste Szene, die uns auf diesem Spaziergang entgegenkommt. Die Figur – Maria dos Milagres in roten Kleidern – tunkt ihre graumelierten Zöpfe in eine Muschel. Die Muschel ist voller Goldfarbe. Die Zöpfe jetzt auch. Es riecht nach Nitroverdünner. Die rote Figur schneidet sich den vergoldeten Zopf ab und läuft auf dem Kiesweg weiter, durch das spalierstehende Publikum hindurch. Das Publikum bestaunt den liegen gebliebenen goldenen Zopf und überlässt die Verdauung der Chemie der Natur, geht weiter.

Um die Kirche herum. Herunter zu einer Scheune. In den Heugaden der Scheune gelangen wir über eine Leiter. Das Performancepublikum wird als fit eingestuft, eine Schwangere lässt es dann aber doch lieber bleiben. Eine Unterwasseraufnahme, projiziert auf einen grossen Screen zu sphärischen Klängen und den Geräuschen von einem Blasebalg vom oberen Heugaden her über die Köpfe des Publikums hinweg Richtung Screen gespielt. Die Kamera ist hier die Performerin. Sie schwebt im Wasser, gleitet mit dem Treibholz durch milchig-grünlich-blaue Flächen. Es riecht nach Stroh. Moritz Hossli erklärt dem Publikum, dass die Scheune auf einer Matte stehe, die früher ein See war, bevor man den See entwässert habe. Das Video, in der Nähe des Wohnorts von Moritz Hossli gedreht, stellt vor wie es wäre, wie es aussähe, wie es klingen würde: wie die Drones von Roland von Flüe – Borduntöne, irgendwo in Indien, wie er später erklärt. Sie sagen es nicht, aber es scheint mir, als könnte ich diese innere innerste Schweizer Landschaft als Konstruierte wahrnehmen, die auf keinen Ursprung verweist, sondern aus lauter Eingriffen und Übergriffen hervorgegangen ist.

Der Ablauf führt uns an der Turbinenhalle vorbei. Am Wegrand gräbt Silvia Isenschmid ein Loch. Wir bleiben stehen, werden aber von Andrea zum Weitergehen aufgefordert. Dass dies noch nicht die Performance sei, eher eine Art Vorschau.

Weiter führt der Spaziergang in ein Tobel, das in einen Wasserfall übergeht. Wir drehen uns um und schauen nun auf Giswil. Martin Blum, als Landwirt gekleidet, kommt uns mit einem gemieteten Auto, wie es Landwirte so haben entgegen. Er wendet das Auto, zieht aus einer Wolldecke eine Sense hervor, wetzt sie. Die Sense ist das einzige an seiner Ausstattung, was nicht neu aussieht. Ob man so eine rostige Sense überhaupt noch gebrauchen kann? Der mittelalterliche Sensenmann bestimmt, der sich in jeder Gestalt verbergen kann und jederzeit auftaucht, wenn es ihm gefällt. Ein kurzes Auftauchen, das Aufrufen von Handlungsabläufen und schon fährt Martin Blum wieder davon, lässt einen stehen mit dieser Andeutung. Ich tue mich schwer mit der Konzentration, würde jetzt lieber im Gras sitzen und das eben aufgerufene Bild noch etwas vor mir haben, statt zum nächsten zu gehen. Die Sonne scheint, alle sind gut gelaunt, alle kennen sich.

Wir kommen zurück zur Turbinenhalle. Diesmal gehen wir hinein. Die Halle ist sehr weiss ausgemalt, die Klos sind neu, Museumsstandard. Während der Art Basel im Sommer zeigen hier grosse Galerien grosse Werke, die Käuferinnen werden mit dem Helikopter eingeflogen, um grosse Summen auszugeben, während sie auf die Heugaden, die kleine Kirche, das Tobel von Giswil schauen. Vom Helikopter aus sieht man sicher die ganze Alpenkette.

Es klingelt, es klingt als käme eine kleine Gruppe Schäfchen um die Ecke gebogen,– es ist aber eine Gruppe von Studierenden aus Luzern. Sie werden jetzt die Halle queren. Mit sich tragen sie eine Arbeit, die sie für das Alpentönefestival Uri entwickelt haben: einen Holztisch, Stühle, Kiessäcke, Steine, Ketten, Körbe, kleine Glöckchen. Auf einem rollbaren Sideboard haben sie einen Beamer dabei, eine kleine Soundanlage. Langsam und in unterschiedlichen Formationen verschieben sie sich durch den langgezogenen Raum und verschieben dabei die Halle. Der Hall wird willkommener Mitspieler und plötzlich fängt dieses Überbleibsel der Industrialisierung mit seinen riesigen Metallträgern und Kranen zu berühren, zu klingen an. Das legende, schleifende, tragende, werfende, rollende Fortbewegen der Gegenstände erzeugt einzelne Klänge und Geräusche und diese unter- und miteinander Rhythmen, Klang- und Tonteppiche. So fein ist das Zusammenspiel der Performerinnen, dass die klanglich-räumlichen Bilder die entstehen spontan wirken, überraschen, sich wie Fotografien im Kurzzeitgedächtnis übereinander legen. Als weitere Elemente kommt eine Geige, die Stimmen der Performerinnen dazu. Über den Beamer wird ab und zu Text auf Leintücher projiziert, die die Performerinnen kurz hochheben, während sich der Rest der Gruppe bereits an ihnen vorbei weiterverschiebt. Ich folge ihnen mit dem Hören so lange ich kann, ich höre sie noch immer. Später wird eine Freundin sagen, dass ihr die Performerinnen zu schwarz gekleidet waren, dass dieses Schwarz die Körper einebne, sie zu Interpreten mache. Ich habe die Körper nicht losgelöst von ihren Instrumenten gelesen, sie eigentlich als ganze Gruppe zusammen mit der Turbinenhalle als Klangkörper verstanden und mir eher gewünscht, die Performance in einem anderen Gebäude noch einmal zu sehen, um zu hören, nochmal und vermutlich anders.

Während der Pause stellt Silvia Isenschmid einen Entfeuchter in das Loch, dass sie in die Wiese vor der Turbinenhalle gegraben hat.

Martin Blum kommt zurück, man denkt er kommt zurück auf seine Andeutung von vorher. Im selben Auto wie davor fährt er in die Turbinenhalle, diesmal als Geschäftsmann gekleidet. Mit dem Autoschlüssel ritzt er «Take me to my Land in your Rover» in den silbrigen Lack der Motorenhaube und fährt davon. Das Geräusch des Ritzens des Schlüssels in den Lack. Ich weiss nicht, wie der Künstler das mit dem Auto jetzt macht, aber er hat sicher eine gute Abmachung mit der Leihfirma oder seiner Versicherung.

Die nächste Performance beginnt mit dem Aufeinanderschichten von Klorollen zu kleinen Türmen in der Hallenmitte. Rolle für Rolle rollt Gustavo Sumpta danach strahlenförmig von der einen Hallenseite auf die andere aus. Wird er wirklich alle Rollen zu Streifen rollen? Ja!

Wir schauen also recht lange zu, wie Gustavo Sumpta: Rolle für Rolle. Zwischen den schon gerollten Papierstreifen hüpft er herum um an die verbleibenden Rollen zu kommen, seine Gesundheitsschuhe rollen mit. Ob es ein Kommentar ist, zu den portugiesischen Gastarbeitern, das Reinigungspersonal in Mitteleuropa? Saisonniere gibt es nicht mehr, bald wieder – ich denke darüber nach, über die Rolle Portugals, das Personal, das man aus Portugal weg spart und die Kunst die das kommentiert, weil ich mir vorstelle, dass sie das tut. Und dass es kein Zufall ist, dass der eine WC-Papiere rollt, während der andere zuvor, gerade einen teuren Autolackschaden verursacht hat. Und plötzlich bin ich froh, dass mir die Performance Zeit lässt dafür, über die Wörtlichkeit dieser Arbeit nachzudenken, während sie sich Streifen für Streifen in der Halle ausbreitet.

Julia Geröcs performt das Austauschprogramm. Eine Arbeit, die sie bereits als Video gezeigt hat. Nun performt sie selber: eine Geschichte, Raumelemente, Bewegungen dazu. Es geht um kulturelle Klischees und das Gefangensein darin, um Geschlechterstereotypen, Ost- und West und dem was man sucht bei einander.

Es ist nicht so einfach Fernando Aguiar’s Performance zu erinnern, auch wenn ich einen seiner Riesenbuchstaben nachhause genommen habe. «The Poem insisted in not to be». Es sind mehrere kleine Performances, die Fernando Aguiar aneinander hängt. Über das Spiel mit dem Zischen von S-Lauten, kommt er dazu den Satz «crambled and put offside» mehrmals zu lesen und dabei das Blatt, ab dem er liest zu zerreissen. In einem anderen Teil heftet er sich die gelesenen Buchstaben an die Weste. «This is more and more difficult», sagt er zu zugespielten Rhythmen in die Halle hinein. Das glaube ich auch. Er liest Gedichte auf Portugiesisch vor. «To be or not to be». Nun wirft Fernando Aguiar grosse Kartonbuchstaben ins Publikum. Wir stecken ein paar davon ein. Zuletzt kommt er noch einmal zurück darauf, Worte und Gegenstände wörtlich zu nehmen und fängt an frei zu kombinieren. An den Mond denken wenn man einen Apfel sieht und während er das tut, dunkelt es ein.

Nun benutzt doch noch jemand einen der grossen Deckenkräne in der Halle: Daniela Ehrsam hängt einen Zirkusring daran. In einem Catsuit, mit rotem Licht und kleinen Kerzen auf dem Fenstersims im Hintergrund, mit Fotos dazu. Sie setzt sich hin, erzählt wie sie trainiert, sich vorbereitet habe auf die Performance. Sie lässt es dabei offen, ob sie das Tagebuch einer Kunstturnerin wiedergibt, oder ob sie es ist, die spricht. Eine Art Filmmusik, die im Loop läuft. Dazu turnt Daniela Ehrsam am Ring. Unter ihr die orangen und blauen Turnmatten, so wie solche Turnmatten halt sind. Es riecht nach Magnesium, fallen wird sie wohl nicht, mir ist trotzdem nicht so ganz wohl beim Zuschauen.

Silvia Isenschmid stellt eine Mikrowelle auf einem Tischchen in der nun dunklen Turbinenhalle auf. Sie stellt die Mikrowelle auf 30 Minuten ein und lässt sie laufen. Ich stelle mich darauf ein, dass es also dreissig Minuten dauern wird und setze mich gemütlich auf den kalten Boden. Die leer laufende Mikrowelle fängt an zu stinken, es raucht. Die Künstlerin öffnet eine kleine Öffnung oben auf der Mikrowelle, die jetzt aus dieser Öffnung raucht. Jemand sagt «Idylle» und Silvia Isenschmid schaltet das Licht an, öffnet die Mikrowelle und beendet den kleinen Slapstick, der auch mich zurück in den Abend holt.

Zu einem Gedicht von Antonio Variaçōes und einem Liedtext von sich selbst trägt Susana Chiocca eine Europafahne durch die Halle. Sie putzt damit den Boden. Sie ist nackt, bis auf eine Unterhose. Vielleicht weil es im Gedicht heisst «Mein Name ist Niemand». Die Worte und die Symbole wörtlich nehmen. Das Gesicht hat die Performerin golden geschminkt. Sie holt Knochen, frische Tierknochen, wirft sie auf die Europafahne, packt sie darin ein und trägt sie vor sich her.

Gustavo Sumpta wird für eine zweite Performance angekündet. Weil ich aber den Zug nicht verpassen will, und davon ausgehe, dass es länger dauern wird, gehe ich bevor er beginnt. Ich lasse mir diese letzte Performance später nacherzählen.

Dass die Erinnerung verblasse? Gerade bevor ich den Erinnerungsbericht zu Giswil nochmal durchgehe, lese ich einen Nachruf auf Chantal Akerman, in dem Carlo Chatrian schreibt: «Wenn ihre Filme fertig sind, fangen sie an in uns zu arbeiten.» Dass die Erinnerung in mehrere Richtungen gehen, sich auch anreichern, ausbreiten kann.

→ siehe auch Text von Sibylle Omlin über dieselben Performances