Raphael Schmid:
Act 15

Raphael Schmid schreibt Feedbacktexte im Auftrag der HGK FHNW und Act nach den Performances am Samstag 11.4.2015 anlässlich von Act 15 Basel auf dem Campus der Künste.

Simone Steinegger & Marisa Meier
«Sichtbar, Unsichtbar»

Ebenerdig, dem Hof zu, machen sich zwei an den fassadenbildenden Glaspanelen zu schaffen. Die Proportionen des gesamten Baus entsprechen in etwa der Breitseite jener Scheibe, die in den Raum – es ist ein Gangartiger, der sich zum grosszügig dimensionierten Entree hin wendet –, mit blauem Klebeband nach innen gezogen ist.
Ich bin noch allzu sehr mit dem Denken beschäftigt, hänge dem Versuch nach eine spezifische Architektur mittels Licht in eine andere, diese Architektur zu überführen und ertappe mich rechtzeitig, wie ich darüber ins Stocken geraten will und abzuschweifen drohe, weil ich dem Wort Fluchtpunkt nachzuspüren beginne: Es gibt auch Menschen auf diesem Platz!
Ein letzter Nachhall des Abschweifens, dieses Mal anderer Art, ereilt mich; eine Gedichtzeile überführt mich in gewissem Sinne doppelt und weil ich recherchemüde bin, schreibe ich jene mal einem Österreicher zu: «Schau’ ich aus dem Fenster in mein Weltenstück».
Da wir dem Geschehen uns zugewendet haben sehe ich nicht, was einem diese Bühnensituation spielend zeigt. Klar, den blauen Rahmen lese ich als weitergedachten Raum, aber die Performerinnen – ausgestattet mit Leiter, Malerklebeband und Bordmarker – stehen in ihrem abgesteckten Flecken, hinter ihnen Türen die wohl Gebäudetechnik verbergen und stellen auf die Scheibe einzeichnend nach, was sie draussen an Menschen-Massen-Umrissen sehen. Je nach je – und also doch: Fluchtpunkt! – verzieht und dehnt sich was sie an Silhouetten dergestalt hinter das Glas übertragen: Manches wird da verdoppelt, anderes, nächste Motive, sind schon beim ersten Ansetzen des Stiftes wieder weg. Bald schon kommen – um das Vergängliche festzuhalten? – weitere Utensilien zum Einsatz: Mit einem Wasserzerstäuber wird der Bildträger benetzt und wie das rezyklierte Japanpapier zum Übertrag auf die Scheibe angeklopft wird, überkommt mich wieder ein Denken.
Ich halte ferner fest: Es ist erträglich Wetter und wäre das Wetter besser, so würde es euch ganz schön blenden, du! Und das ergäbe an einem bestimmten Ort diese bunten Reflexionen auf der Scheibe und deren Geometrien, jene die für gewöhnlich gestaffelt auftreten, die haben auch wieder etwas architektonisches an sich, nicht?

Beat Unternährer
«Drehung»

Der Platz wird mehrmals von einem Schwarm durchschritten und ich verpasse nur knapp den Anfang. Das heisst nur aufmerksam sehend bin ich nicht: Dafür höre ich einen Kreis sich bilden, höre die Ruhe einer Gruppe und das Getippel eines Einzelnen, höre ein lippenloses Gelüftel, fein. Währenddessen jedenfalls starre ich auf den ausgetretenen Kaugummi auf dem Asphalt und versuche, immernoch auf den klebrigen Punkt starrend, das eben gehörte einzuorden.
Es war eine absonderliche Wortkombination die zu mir hingetragen wurde; die ich da ablauschte und mich nachdenklich stimmte: Gewiss, ich habe eine zusammenstehende Familie belauscht, das gehört sich nicht, doch «Lob-Preis-Tranche» zu vernehmen lässt einem nicht einfach so gehen. Und wenig später – ich bin wieder aufnahmefähig – trete ich hin, zum eigentlichen Ort des Geschehens.
Was ich bisher hörte sehe ich nun. Aber beispielsweise die präparierte Posaune mit vielen technischen Beschreibungen aufzuladen, das Umstehen dieser Klang-Sphäre aus Zisch- und Pumplauten, den schlurfenden Rhythmus der Drehtanz tragenden Schuhe weiter zu erörtern, bin ich zwar geneigt – doch gebe ich an dieser Stelle lieber meine einzig übriggebliebene Notiz wieder: «Hexenkreis austanzen».
Als sei dies ein verständlich’ Verdikt – ich nehme hierbei heftigen Widerspruch des Künstlers in Kauf – kann man dem Erleben von Klang und Bewegung eine mystische, rituelle Komponente nicht absprechen. Wofür soll ich das Walzen, das Blech und das Innehalten zu benamsen versuchen? Es wäre bloss das Nacherzählen einer schon ausformulierten Stimme die mein Versagen allzu deutlich zeigen würde.

Ephraim Meister
«Controlling Crowds»

Wie ich als Kind im elterlichen Garten sitzend, im Beet
Engerlinge mit der Hacke zerteilen konnte, ohne
mit der Wimper zu zucken, um dann
erklärt zu bekommen, dass die bunten aber,
die sich an den Blättern zu schaffen machten und ohne zu graben sichtbar sind,
schützenswert seien,
befremdete mich.

Wie sich mein Aktionsradius erweiterte, tat sich
dies auch mit meiner Wahrnehmung: Ich sah
Raupen sich verpuppen und unser Keller war mehr als einem Zitronenfalter
Winterquartier.

Andere seien so schon einmal erstickt, sagte man mir,
wie ich vor dem Spiegel stand,
meinen Oberschenkel
mit Frischhaltefolie
zu einem Unterschenkel zu formen suchte;
eine Schulter auf Bauchnabelhöhe versetzte,
indem ich mir den Oberarm um die Brust band.

Ob es stimmt, dass einer dabei erstickte, weiss ich nicht.
Vielleicht wusste ich da schon was eine Mumie ist
(das Hirn durch die Nase zu entfernen hätte mich wohl erinnern lassen),
bestimmt aber konnte ich Metamorphose noch nicht buchstabieren.

Christoph Studer-Harper
«Backstage»

Er wirkt aufgeräumt, trägt Schaftstiefel und eine starke Hose, hörbar eine Lederjacke. Fast liebevoll, möchte ich in Anbetracht der Militaria anmutenden Erscheinung vermerkt wissen, platziert er seinen Seesack vor sich. Erst entnimmt er dem Packen eine weisse Rolle, dann entledigt er sich seiner Kleidung bis auf die Unterwäsche und schlüpft in eine weisse Tracht – ein ebenso uniformes Gewand – die gleichsam folkloren wie sportiven Ursprung zu haben scheint. Er geht auf die Knie, entfernt seinen Schmuck, verstaut alles.
Das sorgsam in ein Tuch eingeschlagene Besteck rollt er aus – es sind gedrechselte Holzstangen, die an einem Ende um eine Hand breit und einen Drittel tief ausgenommen sind. Ebenso kommt ein Zinnblechuntersatz, sowie ein vergilbter Würfel zum Vorschein.
Das gemahnt mich an den hierzulande grassierenden fernöstlichen Hankwerkszeug-Fetisch. Das notiere ich. Ebenso: Die Schwarze See in der Schwarzen Kiste; Pirat. Hm. Als ich wieder aufsehe spinnt der Würfel.
Die gewürfelte Zahl gibt wohl an, welchem Stecken sich zu bedienen sei, vermute ich. Wie der Performer hinter den Vorhang tritt, höre ich jene Geräusche, die zuweilen beim Sport zu vernehmen sind: Ein Schläger der in die offene, flache Hand fällt, der Unsicherheit des nächstkommenden Angriffs wegen. Bald ein ungleich rhythmischeres Klopfen. Ich werweise mit meiner Nachbarin per Handzeichen: Hören wir, wie ein Bein, ein Arm malträtiert wird? – ich glaube Brustresonanz zu hören. Es ist beklemmend da zu sitzen und zum Zuhören verdammt zu sein. Wie die Schläge enden fehlt dennoch etwas im abgedunkelten Raum.

Jürgen Bogle
«Studies 7 with kind permission of Annie Sprinkle»

Mir war das Ganze ja, dem Titel nach, suspekt. Bald aber sympathisch. Ich besann mich – es wurde ein persönliches Anliegen. Da setzt sich einer ein für eine Sache. Und keiner kann das besser, als ein Sympathieträger.
Nach einer kurzen Einführung, bei welcher zum einen auf das Einverständnis der Urheberin der folgenden Performance, zum anderen auf eine städtische Einrichtung für SexarbeiterInnen hingewiesen wird, wogt ‹Die Schöne blaue Donau› von Johann Strauss Sohn, wo doch gemeinhin vom Qualensee – geografisch haltbarer – vom Peinknie gesprochen wird. Dieser Umstand alleine öffnet schon eine hintersinnige Falltür: Ich bin eingenommen und weiss nicht, ob von der Person, oder vom Programm. Schlichtweg zu wenig weiss ich, das beschämt.
Mit der Musik verfliegt meine Bitternis, auf der Bühne paart sich Varietee-Geschmack mit der Dekadenz eines Wiener Balls beginnender Gründerzeit. Eine anspruchsvolle Kombination. Genauso wie es sich anfühlen soll, denke ich beim Schreiben nun: Sind doch alle Gesellschaftsschichten gemeint und die Präferenzen verschieden: Es dürfen – ein politisches Anliegen wahrlich! – keine stigmatisierenden Unterschiede, weder in Belangen Sehen und Denken, noch in Sachen Liebe und Körper gemacht werden. Und das muss, gerade mit allegorischem Männer-Titten-Schaukeln, wieder und wieder gesagt werden! Danke, nehmt einen Talon mit und helft.

Erstpublikation aller Texte auf
↗ http://www.act-perform.net/2015/basel