Pascale Grau:
Das was mir zufiel

Pascale Grau schreibt anlässlich von Must or Not | Fokus Performance & Fotografie über einzelne Performances vom Samstag, 15.8.2020 im Kaskadenkondensator Basel.

Das was mir zufiel an Must or Not – Fokus Performance & Fotografie, eine Auswahl.

1. Franziska Wüsten
Den rot-gefüllten Kreide-Kreis, den kenn ich doch von 1999, da hat Franziska vor der MITTE in Basel schon einmal einen solchen Kreide-Kreis gemacht. Auch damals waren es VIELE die mitgemacht haben. Heute sind es besonders farbig angezogene Menschen. Sie schreiten, SCHRITT UM SCHRITT mit Klebebändern voran, herum und rund um den Kreis. Sie kommen aus verschiedenen Richtungen und treffen sich im Rund.
Dann stellen sie sich wie Menschen dieses Erdballs rund um diesen Erdball. Jede hat offensichtlich ihren festgelegten Platz. Manche wollen nicht aufschliessen, sie sind schliesslich keine Tänzer*innen, die geschmeidig weichen würden, nein! Sie weichen nicht, denn sie sind schon THERE, wo sie hingehören.
Später sagen sie I’M THERE und treten zum Rand des Rund. Aber vorher noch, vorher ziehen sie sich eine nach der Andern und dann manche miteinander aus. Sie tauschen mit ihren rechten Nachbarn die Kleider. GEHT DAS? Jetzt sieht man es, es geht… alle Kleider sind aus stretchigem, farbigem Stoff, die jeder passen. WOLLEN DIESE DOCH TANZKOSTÜME SEIN?

2. Glynis Ackermann
THE NUDE mit einem dezenten Schleier wartet auf der Terrasse aufs Publikum. Hat es schon angefangen? Es ist jedenfalls kein Pas de Deux. Die Beschleierte ist allein und schaut unsicher umher. Sie ziert sich, sie schaut sich unsicher um. Ist sie von der Sonne geblendet und hat es jetzt angefangen? Jetzt, wo sie zur Treppe geht, den Schleier über ihren Schultern, Brüsten und Scham, ist der Anfang getan. Sie gleitet entlang des Geländers hinab und die Schritte sind zaghaft. Unsicher geht sie zur Don Camillo Terasse. Dort gut sichtbar, posiert sie mit gestreckten Armen, den Schleier dazwischen. Ist er ein Schutz? Sicher ist Schutz. Weiter schwebt das scheue Wesen zur Treppe. Hinab, es muss hinab, immer wieder den Schleier zum Schutze hoch und um den Körper haltend. Die Konzeptkamera richte ich immer wieder auf sie. Jede Minute schiesst sie ein Bild.

3. Ariane Lugeon
Im Fotostudio im Schwarzen boxt sie in einen Sack. Interessant ist die Hose, die halblangen Beine sind mit Spitzbordüren besetzt, der gelbe Hosenstoff ist mit Schrift-Applikationen bestückt: 2 Hearts, ist zu lesen. Sind zwei Herzen in ihrer Brust? Eines das schlägt, eine anderes das Schläge empfängt. Sie muss in Zeitlupe in den Sack boxen, damit die Langzeitbelichtung des Fotografen gelingt.

4. Ursula Scherrer
Ursula sortiert im Kasko vor dem Fenster am Boden kauernd ganz kleine Sachen zu drei Reihen. Sie macht es sehr sorgfältig, sehr still und langsam. Beim näher Hinschauen meine ich tote Bienen zu erkennen. AHA, denke ich, ein Requiem für die aktuell sterbenden Insekten.

5. Claudia Brodbeck
Wieder im Fotostudio. Es wird ein Renaissancebild nachgestellt: sitzende, nähende Dame mit Hündchen. Aber Einiges ist nicht Renaissance: das Kostüm (ein farbiges Trevirakleid mit Prilblumenmuster) und das Hündchen, dieses ist eine Lampe. Aber der Gesang ist echt, echt gesungen, schön gesungen und dann schlägt das Bild plötzlich um. Die Frau flucht auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Holländisch, Spanisch, sie verflucht auf das Verderbteste irgendeinen Herrn, der nicht da ist. Ein Kippbild, wie in DES PUDELS KERN, so der Titel, inspiriert von Goethes Faust.

6. Alex Silber
Der Künstler hält inmitten von Geräten und Objekten einen kleinen Vortrag. Auf Französisch. Performance sei so etwas wie ein Panorama plus in dem der Performer zur Matrix werde. Dies geht mir zu schnell, ich verstehe nicht recht. Auf dem Monitor sehe ich eine alte Schreibmaschine und auf dem Boden breitet Silber zwei Sprachschilder aus: «Patrie 1977» und «Réduit 2020». Es geht also um Vergangenes und Heutiges, um Persönliches, soviel verstehe ich.
Weiter stehen oder liegen auf dem Boden verteilt eine Pumpe, ein Beamer, ein Stühlchen, ein Rollwagen, ein Ventilator, eine Schachtel, eine Rolle Kübelsäcke in blau und eine in schwarz, an der Wand das gebeamte Bild des Bildschirm-schoners: Das Gesicht einer Frau mittleren Alters. Unterdessen sucht Silber etwas auf dem Computer: Offensichtlich möchte er ein Video mit Ton abspielen, aber, es gelingt nicht sofort. (Technik ist so ne Sache bei Performances). Nun läuft das Video: ein junger Mann (es ist Alex Silber im Jahr 1977) bewegt sich um und auf einem Stuhl geschmeidig wie ein wildes Tier, erotisch aufgeladen. Er macht Striptease zu Ländlermusik: «uff de Alpe isch es guets Läbe, uff de Alpe sind mehr froh.» In der Jetztzeit stülpt er die blauen Säcke über den Ventilator und stellt viele blaue Ballone her, die im Raum herum wabbern. Ist es ein Kommentar auf die damalige Arbeit: ALLES HEISSE LUFT?
Nun kostümiert sich Silber vor dem Publikum mit Leopardenganzkopfmaske, Strumpfhosen und T- Shirt im Leopardendesign. Er sucht auf dem Compi das zweite Video «Réduit 2020». Darin ist Silber zu sehen, wie er schwarze aufgeblasenen Abfallsäcke wütend durch einen Raum «tschuttet», das es knallt. Später zieht er sich wieder um, räumt die Dinge zusammen und die Projektion zeigt wieder seinen Bildschirmschoner, die Frau die uns anblickt. Der Wecker klingelt und markiert den Schluss. Verkörperte Alex Silber 1977 das vitale Tier selbst, so verkleidet er sich im Heute als Leopard, der irgendeinen Luftkampf vollführt. Wogegen? Gegen das Älter-Werden? Jedenfalls, so gerahmt (Am Anfang und Ende steht das Bild dieser Frau als Projektion) handelt die Performance von LIEBE. Die Liebe ist es, die übrigbleibt, die konstant und keine HEISSE LUFT ist. Soviel habe ich verstanden. (Anmerkung: die Frau auf dem Bildschirmschoner ist seine Frau, die auch im Publikum anwesend war.)

7. Gisela Hochuli
Gisela, schwarz gekleidet, mit Tisch, längsgespaltetem Holz und kleinem Teppich, beginnt, indem sie erklärt: Sie möchte untersuchen, was anders ist beim Machen und was anders ist an der Wirkung mit und ohne Kleider .
Sie beginnt (angezogen) und platziert ihren Po auf einer Tischecke und sucht die richtige Position zum Sitzen. Sie sitzt kurze Zeit und steht wieder auf. Jetzt legt sie sich bäuchlings auf den Tisch und hält wieder inne, als überlege sie, was die nächste Position sein könnte. Von dort aus führt sie noch ca. sechs weitere Positionen aus, indem sie eine Position sucht, findet, drin verharrt und wieder auflöst. Genau durch diesen Rhythmus entsteht bei jedem Innehalten Zeit, sich ein fotografisches Bild, eine Momentaufnahme, einzuprägen. Es ist ja ein Anlass, bei dem es um Fotografie geht und die anwesenden Fotograf*innen knipsen auch genau in diesen Momenten. Ich stelle mir gleichzeitig vor, wie das Foto der nackten Gisela in einer bestimmten Position im Vergleich zur angezogenen Gisela in derselben Position aussehen wird. Und eines wird mir klar, bevor ich die Fotos gesehen habe: die Nacktbilder werden sexuell aufgeladen aussehen, die anderen nicht. Schlussendlich schaue ich dem zweiten Teil (nackt) von aussen zu, denn drinnen gibt es keinen Sitzplatz für mich. Hierbei bin ich erstaunt, wie genau Gisela die «angezogenen» Positionen vom ersten Mal nackt nachstellt: Auf der Ecke sitzend, auf dem Tisch liegend, unter dem Tisch kauernd, mit dem Teppich hantierend, das Holz bewegend und den Körper darauf aufstützend. PROBIEREN UM ZU POSIEREN ? oder POSIEREN UM ZU PROBIEREN ? kommt mir in den Sinn. Eine andere Zuschauerin, die ebenfalls draussen zuschaut meint: Gisela sei wie ein Clown ohne Nase.

8. Irene Maag
Schon zu Beginn kommuniziert Irene direkt mit den Fotograf*innen. Sie zieht sich bis auf einen beigen BH und eine beige Unterhose aus und platziert ein Ei auf ihrer Stirn. Sie versucht die Position zu halten, damit das Ei (ist es roh?) nicht herunterfällt. Genau das soll jetzt fotografiert werden und das wird auch im Paparazzi – Stil getan. Das ist eine ganz transparente Geschichte. Irene ist an den Fotografien interessiert. Dazu versucht sie verschiedene Orte am Körper auszuloten, wo sie entweder ein oder zwei Eier platzieren und balancieren kann: Statt zwei Augen, zwei Eier, ein Ei unter dem Oberarm, als umgekehrter Muskelprotz. Irene berät sich mit den Fotograf*innen: Nun zieht sie sich nackt aus. Der Kreis der Fotograf*innen wird enger, die Zuschauenden sehen kaum mehr was geschieht. Die Eier zwischen ihren Beinen wirken wie Babies, wie Zwillinge, roh und verletzlich, Ei wie Haut. Ein Ei im Mund spricht Bände: Die Drachenmama vor dem Ende der Zeit. Eier unter den Füssen, man hört es knacken. Und schliesslich, das Ei halb in der Scheide sitzend aus ihr geboren. Irene bleibt stets im Kontakt mit den Fotograf*innen. Sie hat wohl nicht ganz bewusst eine Fotoserie im Kopf, die vom Spiel mit Eiern vor dem Ende der Ovulation handelt.

9. Barbara Naegelin
Barbara, im schwarzen Deux-Piece (Hosenanzug mit Weste), steht im schwarzen Studio und wird von Helfer*innen gut ausgeleuchtet. Sie möchte etwas performen, wo sie sich so konzentrieren muss, damit sie gezwungen ist ganz langsame Bewegungen zu machen, lässt sie uns wissen. Dann entnimmt sie ihrer Hosentasche etwas Kleines, das rot und blau blinkt und surrt und dann, wie ein Käfer, von der Hand losfliegt. Eine Fernsteuerung bleibt in der Hand. Der «Leuchtkäfer» ist eine Drohne, erfährt man später, sie sirrt vor ihrem Gesicht. Aus dem Lautsprecher am Boden ertönt Instrumentalmusik. Barbara beginnt zaghaft zu singen. Ihr ist die Konzentration, beides zu tun, ins Gesicht geschrieben. Das heisst, sie kontrolliert das DING und ihre Stimme. Es ist ein Stück Musik von Henri Purcell, das schwierig zu singen ist. Ganz so, wie Klaus Nomi, gelingt ihr das nicht. Aber immerhin… es gelingt… ohne Absturz der Drohne. Die Spannung überträgt sich auf die Zuschauenden, wie bei einer Zirkusnummer. Die Fotos davon werden sicher etwas Magisches an sich haben.

Performancetexte von Pascale Grau zu Must or Not | Fokus Performance & Fotografie.