Pascale Grau:
Sie

Pascale Grau schreibt auf Anfrage von Panch nach der Performance von Claudia Bucher am Freitag 23.09.2016 im Rahmen von Panch im Neubad Luzern.

Ein Seilzug zwirbelt von Oben in das ehemalige Schwimmbecken. SIE kommt mit Schubkarre und gekleidet in weiss mit Gummistiefeln. Ein dünner Mull-Stoff (ist es ein Käsetuch?) wird von dem Seilzug aus der Karre gezogen. Darin zeichnet sich ein weiches ETWAS ab. Es tropft laut, es tropft aus dem Beutel in die Karre, es tropft beständig. Dann steht SIE lange da und schaut dem Tropfen zu. Ein erstes ästhetisches Standbild in schwarz und weiss bleibt stehen. Sollen jetzt Fotos gemacht werden?

SIE knüpft das Seil vom Seilzug in einer Art Liebesknoten an die Griffe der Karre und steigt hinein. Es tropft auf den Kopf – verschluckt wird der Ton von Haut und Haar. Ihr Mund wird zur Klangschale – daraus spuckts und gurgelts. Das weisse Kleid wird nass und zeichnet ihre Konturen. Das Bild, das stehenbleibt ist Dulden, Schweigen. Wieder klickt die Kamera.

Als SIE aus der Karre steigt, tröpfelts wieder ins Becken – diesmal aber leiser und weniger. Mit Kraft kämpft sie sich mit der Schubkarre weiter in den Raum, geht auf uns zu. Der Seilzug soll das Bündel weiter hinaufziehen. Es hängt oben und baumelt. Schnell ist ein Messer ausgepackt. Das Sägen am Seil dauert und lässt die Fantasie darüber frei wie es wohl tönen wird wenn der Beutel auf die Kacheln prallt. Dumpf und leise fällt er zu Boden. Was sich darin wohl verbirgt? SIE öffnet den Beutel, zieht zuerst am einen Ende des Stoffes und dann am Anderen. Es wabbert ein weicher Teig wie eine Seehundrolle vor und zurück. Ein graubrauner Sandschlammkuchenteig! Wieder dieses lange Stehen, Innehalten oder Warten. Dieses dritte Standbild weicht einer weiteren Aktion.

Aus den Gummistiefeln geschlüpft stopft sie die freigelegte Masse in diese bis sie überquellen und quetscht in den Dreck ihre Füsse hinein. Es quatscht. Jetzt geht’s ans Waschen des Käsetuchs. Der Mullstoff verfärbt sich vom Lehmwasser braungrau. Das nasse Tuch soll zum Kleid werden. SIE zieht es sich über Kopf und Körper und innehaltend wird sie zum vierten Standbild.

Der im Schmutzwasser gewaschene Stoff wird zum Leichentuch zum Ganzkörperschleier den sie von innen bei den Augen aufreisst. Niqab-Augen schauen uns lange an. Das fünfte Standbild.

Wieder gezogen am Stoff hin und her und halb am Boden wird dieser zu einer zähen Schleimspur zu einer Nabelschnur weiter über den Kopf gezogen zum Tschador. Am Schluss steht sie verwandelt in eine irre Kämpferin da. Das sechste Standbild.