Olivia Wiederkehr

Schreiben über Ephemeres – Sinnvoll? Lustvoll? Nötig?
ein persönliches Statement zum Schreiben NACH der Performance
von Olivia Wiederkehr

Warum Schreiben NACH einer Performance?
Performancekunst ist nicht leicht verständlich. Jedenfalls nicht immer. Finde ich.
Sie hat ihre eigene Sprache, die Performancekunst. Diese hat sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt; unter anderem aus historischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Faktoren heraus.
Diese Sprache trägt in sich oftmals eine eigenartige Haltung des Verneinens und Abgrenzens gegenüber dem Haptischen, der Konservierung, der Dokumentation und Vervielfältigung (des Warenhaften).
Und doch will die Performancekunst gesehen, wahrgenommen und respektiert werden.
Gleicht dies nicht fast schon einem Antinomie?
Will denn die Performancekunst, dass über sie geschrieben wird? Verliert sie dadurch nicht den Wert ihres ephemeren Charakters?

Um dies zu erläutern, möchte ich etwas ausholen:
Auch wenn es oft gegenteilig erscheint, so war und ist die Performancekunst nicht das Andere der zeitgenössischen Kunst. Gerade in den Punkten der Radikalisiserung der avantgardistischen Ansätze der vergangenen Jahrhunderte, mit ihren absichtsvollen Negierungen des damaligen künstlerischen Selbstverständnisses, verbindet sie sich auf vielfältige Weise mit ihr. Das autonome Kunstfeld, was die Künstler sich im 19.Jahrhundert erstritten hatten, und das daraus resultierende freigesetzte Künstlersubjekt bildet den Nährboden für die Performancekunst. (anm.: In der Kunstsoziologie wird zur Beschreibung dieses Geflechtes des Kunstsystemes gerne der Begriff Kunstfeld verwendet, der auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurückgeht. Als soziales Feld bezeichntete er eine weitgehend autonome Sphäre des gesellschaftlichen Lebens, beispielsweise das Feld der Ökonomie, der Politik, der Kunst, usw. Jedes dieser Felder besitzt seine eigenen Spielregeln, die das Handeln der in ihm befindlichen Akteure leiten.)
Viele Performances beziehen sich explizit auf gerade dieses autonome Kunstfeld und wären ohne dieses gar nicht erkennbar noch lesbar. Dabei zielen oftmals die Performances gerade auch auf die Unterseite der Autonomie mit pointiertem Finger, um sichtbar zu machen, dass die Autonomie nicht nur als Freiheit zu interpretieren ist, sondern auch als repressive Form einer Normierung: als Sanktionierung künstlerischer Freiheit unter der Bedingung, dass die Kunst den ihr zugestandenen Bereich nicht überschreite. Um dies zu visualisieren, wurden (und werden!) banale Handlungen, die oftmals aus ihrem Kontext herausgelöst sind, übertragen in den Bereich der Kunst und in fragmentarischer Weise neu zusammengefügt. Oder aber als Stückwerk zum Ganzen – zur ganzen Handlung – transportiert. Eine Kopplung von Momenten, die in ihrer Fragmentalität wiederum eine Differenz zum Alltag bilden, als Kunst erscheinen, und wiederum vergehen durch ihre ephemere Struktur und Wirkung. Die Negation, als Inhalt der Performance, im Moment angesiedelt zu sein und diesen Moment zu füllen mit einer Aktion, die wiederum begrenzt ist in ihrer Dauer und ihrer räumlichen Ausdehnung, ist Konzept. Die Flüchtigkeit als Charakter, eingebunden in einen zeitlichen Rahmen, ist Teil der Grundstruktur.

Für den Zuschauer bedeutet dies, auf einer hohen Konzentrationsebene das Geschehen zu verfolgen, um diese sich schnell ändernden ephemeren Werte und Zustände zu erkennen. Da das Geschehen meist zusätzlich hoch kontextualisiert und codiert in Erscheinung tritt – oftmals verbunden mit der Historie des performenden Subjektes – stellt dies eine zusätzliche Herausforderung an den Rezipienten dar. Und dies braucht nicht selten Erklärung. Oder, um es mit einem Modewort zu sagen: Vermittlung.
Was genau soll dann vermittelt werden durch das Schreiben NACH der Performance? Eine subjektive Betrachtung? Eine sachliche Beschreibung, um das Gesehene ad acta legen zu können?

Ich glaube, es geht um mehr:

In der Flüchtigkeit der Performance liegt ein Wert, der unbezahlbar ist.

Das Ephemere ist nicht fassbar. Es braucht Erfahrung, den Wert des Flüchtigen wahrzunehmen, den Moment nicht zu verpassen, das dem Verschwinden Geweihte wahrzunehmen und beurteilen zu können.

Wie werden diese Momente wahrgenommen? Und wo? Wie wird ihr Wert bemessen?

Die Zeit ist ihr Wert. Die Zeit als Möglichkeit, Dinge zu interpretieren aufgrund unserer Erfahrung. Zeit als Faktor, der den Wert des Ephemeren bemisst. Oder anders ausgedrückt: die Kühnheit, in der Zeit zu sein, innezuhalten, um den Moment des Ephemeren wahrzunehmen. Jede Flüchtigkeit ist in einen zeitlichen Rahmen eingearbeitet und so in eine Überlagerung von Zeitlichkeiten.

Wie deklariert sich also ein ephemerer Wert als signifikanter Wert?

Die Spur des Ephemeren ist fragil und beruht zum grossen Teil auf subjektiver Wahrnehmung. Unsere Erfahrungen und Prägungen suggerieren uns eine Werteskala, in welcher der Wert des Ephemeren geprüft und eingeordnet wird. In erster Linie wird also ein ephemerer Wert immer in der Achse der Zeit bewertet. In der Zeitlichkeit eingebettet lässt er sich auch erst erkennen. Durch wiederkehrende Ereignisse, die einen ähnlichen Charakter besitzen, nehmen wir diesen wahr. Der Wert eines solch flüchtigen Momentes lässt sich nicht berechnen, noch kultivieren. Das spricht gegen seinen Charakter der Ephemerität. Das Festhalten eines ephemeren Momentes erfolgt also hauptsächlich auf gedanklicher Ebene. Dort bleibt er erhalten duch die persönliche Erinnerung, welche seinen flüchtigen Wert anerkennt und würdigt.

Durch das Schreiben über Performance verliert die Performance tatsächlich in gewisser Weise ihren ephemeren Charakter. Sie wird eingezwängt zwischen Buchstaben, die sie beengen und kultivieren wollen. Doch das Schreiben NACH der Performance kann ein Werkzeug sein, um diesen Wert des Ephemeren hervorzuheben.
Worte können frei machen – genauso wie sie festhalten wollen. Sie können aber eingesetzt werden als Brückenelement zwischen einem ephemeren Kunstgenre und einem Publikum ausserhalb dieses Feldes.

Denn: wer sammelt schon Performances? Ich kenne keinen Kunstsammler, der explizit ephemere Performances sammelt. Ich sammle auch keine Performances. Aber ich sammle Eindrücke, Erinnerungen, die wertvollen Momente innerhalb einer Performance. Ein ephemerer Wert in Form von Erinnerung, welcher sich auf meiner inneren zeitlichen Werteskala jederzeit wieder abrufen lässt, um darin zu schwelgen. Geschriebene Worte können in diesem Falle helfen, den Prozess des Abrufens der Erinnerung schneller in Gang zu setzen.

Olivia Wiederkehr, Oktober 2014