Olivia Jaques:
Internationale Performance Art Giswil 2018 – Gedanken und Rückblick

Olivia Jaques schreibt im Auftrag von International Performance Art Giswil zu den Performances des Festivals am Samstag 8.9.2018 in Giswil.

Gedanke eins beginnt mit dem Flyer von der Internationalen Performance Art Giswil 2017

Ein Flyer vom Vorjahr, Poster auf der Vorderseite, Programm und Landkarte auf der Rückseite, erzählt bereits von dem Zugang, den die Internationale Performance Art Giswil über die vergangenen Jahre entwickelt und sich dabei jährlich neu erfindet. Ich bin so sehr auf den Landkartenteil fixiert, dass ich das Bild der Vorderseite vielleicht zum ersten Mal betrachte. Auch wenn sich hier die Verkettung der performativen Ereignisse und ihr geographischer Zusammenhang wiederfinden als Linien, Punkte, Zahlen – gesprayt und gezeichnet auf einem Asphaltboden. Darüber steht «Dorfpromenade Giswil», das Motto des Vorjahres. Zwischen 11 und 22 Uhr wurde das Dorf am 9.9.2017 begangen.

IPAG findet seit 1998 jährlich in der am Rande von Giswil gelegenen Turbinenhalle, dem ehemaligen Kraftwerksraum, statt. 2017 verlagerte sich dabei erstmals der Festivalschwerpunkt von der Turbinenhalle ins Dorf und widmet sich dem Alltag der Dorfbewohner*innen. Dazu übernahmen 9 Giswiler*innen die Gastgeber*innenschaft für lokale Aktionen und Performances, an 9 verschiedenen Orten, für 9 orts-/situationsspezifische Arbeiten. Schon in ihrer Ankündigung zeigt sich die enge Verstrickung zwischen Ort-Gastgebende-Künstler*innen.

Ist das Motto des IPAG 2017 «Dorfpromenade», so wird daran genau ein Jahr später mit «Wanderlust» angeschlossen. 2018 finden insgesamt vier geführte Wanderungen und Spaziergänge im und um das Dorf statt, auf denen frau auf Performances und perf. Interventionen trifft. Das Verhältnis zwischen Festival und Dorf von 2017 wird 2018 gewissermaßen gespiegelt, denn 2018 laden die Gäste/Künstler*innen die lokalen Bewohner*innen zu Wanderungen und dem Erleben der Landschaft und der Giswiler Umgebung, zu neuer Perspektive ein. Die Spaziergänge / Wanderungen werden geführt von den Kunstschaffenden selbst, sowie von dem Landschaftsexperten Peter Lienert. Die Besucher*innen können sich entscheiden für eine Teilnahme an einem der vier verschiedenen Wanderungen.

9 Nicole Buchmann («Unschuld») & Karin Dähler («Das letzte Geläut der alten Kirche») & Peter Lienert
9 Milena Buckel («gesagt, getan»)
9 Eliane Rutishauser & Beat de Roche («Nachhallzeit»)
9 Tina Z’Rotz & Markus Schwander & Rahel Kraft («Wunder & Wasserfall»)

Zum Finale treffen sich alle abends in der Turbinenhalle: Es ist ein Widerhall, ein Echo, des auf den verschiedenen Spaziergängen Erfahrenem, zusammengefasst oder übersetzt für den White Cube und eine Performance einer kleinen Gruppe von lokalen Kindern initiiert von Imran Nafees Siddiqui, Habib Afsar und Mara Züst.
Traditionell findet am Tag nach dem Festival die Resonanz statt. Ein ganzer Tag wird somit dem Diskurs gewidmet. Dieser Tag dient auch 2018 einem gemeinsamen Denken-über, vielleicht mehr denn je aber auch dem Austausch, dem sich gegenseitig berichten des «Verpassten», weil parallel Erlebtem – unter anderem fassen Pascale Grau und Claudia Grimm hierzu ihre Eindrücke zusammen. Die Abendschule (Lena Eriksson, Rahel Lüchinger, Elia Malevez, Samuel Herzog) führen, kulinarisch begleitet, den gemeinsamen Austausch fort. Zudem erzählt Imran Nafees Siddiqui von der (Performance-) Kunstszene in Pakistan, der dort stattfindenden Biennale, der traditionellen Straßenperformance Behrupiya, Dhamal (vielleicht für das unerfahrene Auge vorstellbar als cross-dressing Tanzperformances im öffentlichen Raum), truck art und von seiner eigenen künstlerischen Praxis.

Ebenso gekoppelt ist das Festival an das am dritten Tag stattfindende Netzwerktreffen. Es steht in Kooperation mit PANCH (Performance Art Netzwerk CH). Performance Veranstalter*innen treffen sich so jährlich in Giswil zu einem bestimmten Thema, Gäste werden eingeladen und es gibt Raum für Austausch. 2017-2018 beschäftigt sich das Netzwerktreffen mit dem «Kuratieren im öffentlichen Raum» und präsent sind die Erfahrungen der beiden Jahre in Giswil, in denen Performance sich einmal verschränkte mit dem Alltag der Bewohner*innen, einmal das Umland thematisiert und begeht. Zudem teilen die eingeladenen Gäste Véronique Ferrero Delacoste (far – Festival des Arts Vivants, Nyon) sowie die Künstler*innen Zita Bucher und Nicolas Engel (Performance-Kollektiv Instrumots, Luzern) ihre Erfahrung und Andrea Saemann liest einen Brief von Parvez Imam (Srinagar Biennale Basel) und Simone Etter (Kunst Club Dübendorf). Besonders in Erinnerung bleibt mir dabei Véroniques dezidierte Abkehr von der Themasetzung als Kern des Kuratierens, dem Zeitnehmen in der Vorbereitung als Teil des Prozesses, dem gemeinsamen Erarbeiten in einem kleinen Team, einer mehrtägigen Retraite als Arbeitsweise innerhalb von far; sowie ein Einblick in ihre Research-Arbeit in Chile, bei der sie klar (selbst-)reflektiert hinsichtlich post_kolonialer Strukturen und nach alternativen Handlungsmöglichkeiten sucht, dabei stets das soziale und politische Potenzial von Kunst- und Kulturarbeit im Auge behält. Sie spitzt das Thema des Kuratierens im öffentlichen Raum zu indem sie danach fragt wie das Projekt das Publikum trifft und wie sich teilen lässt (hinsichtlich des Prozesses ebenso wie im Sinne von Zugänglichkeit).

Gedanke zwei, um eine Videoaufnahme einer Performance anläßlich der Internationalen Performance Art Giswil 2018

Soeben entdecke ich eine beinahe verlorengegangene E-Mail mit Videoanhang: Kurze Aufnahmen mit Smartphone der «Bibliothek Wanderlust» von Imran Nafees Siddiqui, Habib Afsar und Mara Züst an der Internationalen Performance Art Giswil 2018. Mir wurden die Aufnahmen geschickt, damit ich sie an die Künstler*innen weiterleite. Ich hole das nun endlich nach und schicke es auch Andrea Saemann, einer guten Freundin und der Organisatorin und Kuratorin des Internationalen Performance Art Giswil. Sie ist selbst Performancekünstlerin und ihr künstlerischer Ansatz, ihre Neugierde und ihre Sensibilität Freiräume und Räume des Diskurses zu kreieren, finden sich in der konstanten Weiterentwicklung des Konzepts des Festivals.

Es sind insgesamt drei Videos, jedes erscheint in der E-Mail als Bild und ich erinnere mich an diese spannende Koproduktion. Ich erinnere mich auch an mich selbst während dieser Arbeit, wie ich daneben kniee, lausche, mich auch wirklich auf den partizipativen Teil der Performance einlasse. Eine flüchtige, lebendige Bibliothek aus phantastischen Geschichten, die von Kindern nach Vorzeigen einer ihrer Zeichnungen erzählt werden. Dazu die feine Feder von Mara, Habib und Imran, welche den Kindern die Bühne überlässt, die sich den Raum mutig, fast selbstverständlich nehmen – selbstbewusst, aufgrund des gegenseitig erarbeiteten Vertrauens als Grundzutat in den vorangegangenen Workshops. Ich erinnere mich, wie ich mir dachte, da ist etwas, da passiert etwas, mit den Kindern, mit dem Ort, mit den Besucher*innen, mit dem Performance-Verständnis, mit den Selbstverständnissen, aber auch: da irritiert mich etwas, da wird (wortwörtlich) mit etwas gespielt. Die Aufführung ist hier weit mehr als nur Produkt des vorangegangenen Workshops. Sie ist Teil des künstlerischen Prozesses, sie ist eine relevante Schraube in der Zaubermaschine. Die Künstler*innen/Workshopleiter*innen erzählten mir im Anschluss, wie für die Ausstellung einiges kumulierte, direkt davor entwickelt wurde oder sich spontan ergab. Die Aufregung verwandelte sich in Energie. Begegnungen wurden durch das minimalistische Setting aus mehreren gegenüberstehenden Sesselpaaren initiiert, waren aber dann ganz real. Das Publikum war eingeladen teilzuhaben an dieser Welt der Märchen.

Die Performance lässt mich anders denken, fühlen und handeln. Sie hat nicht den Anspruch zu informieren. Sie ist nicht leicht einordbar. Sie zieht einem in ihren Bann und widersetzt sich gleichzeitig mit ihren Rätseln dem Konsumieren. Hier bin ich nicht als Betrachterin, sondern als Mensch gefordert. Sie ist Poesie in einer ungewöhnlichen Form. Die Performance wirkt nach. Ich nehme etwas von ihr mit und bin mit ihr jemand anderes.

Das Ansehen der Videoaufnahmen sowie das Schreiben dieses Textes dienen mir als Momente der Erinnerung und Denkanstoß – das Nachleben der Performance. Doch ich komme beim Nachdenken nicht weit genug und verharre genau deshalb. Es ist das Wissen darüber, dass hier noch Wissensschatz vergraben ist, oder anders formuliert: Arbeitsmaterial, zum Weiterdenken, zum Teilen mit anderen.

Ich schicke die Videos also weiter an Andrea Saemann. Sie antwortet binnen kürzester Zeit und fragt um die Bestätigung der Angaben der Frau, welche mit ihrer Handykamera die Aufnahme gemacht hat (Autor*innenschaft), denn die Videos werden in das Internationale Performance Art Giswil Archiv aufgenommen. Das fragt mich Andrea, und sitzt doch gerade in Buenos Aires, wohin sie als Performancekünstlerin eingeladen wurde für eine Residency. Und was bedeutet das, frag ich mich wieder, dass Andrea, die ja selbst Performancekünstlerin ist, in ihrer Residency-Zeit in Buenos Aires sitzt und Videos «archiviert» (weil wir nennen das mit einem Selbstverständnis «archivieren», wie das nur Künstler*innen können, wenn sie ihre eigenen Archive führen). Sie macht das mit der Selbstverständlichkeit und Sorgfalt, mit welcher die Kinder ihre Geschichten erzählten, mit selber Motivation, vermute ich (und schliesse von mir auf sie), mit der sie ihrer performativen Praxis nachgeht. Beides ist ihre Arbeit oder ihre Praxis, wie es so schön heißt. Beides folgt einer Wichtigkeit.