Mirjam Bayerdörfer:
Neue alte Landschaften

Mirjam Bayerdörfer schreibt auf Einladung der Kuratorinnen anlässlich des Performancetages ÜBER/BRÜCKEN am Samstag, 13. Juni 2020 bei Nairs im Unterengadin einen Nachklang, der sich auf mäandernde Wanderschaft durch begriffliche Landschaften begibt.

Fetzen von Grünem und Abschüssigem, von Schweiss, Gesprächen, Sounds, Windungen eines Wegs. Ja ich war da. Beim Performancetag. Habe alles erlebt. Aber was kann ich darüber sagen?
Es ist eine Sache, Setzungen mit Wörtern zu machen und Dinge in Aussicht zu stellen, bevor etwas passiert. Es ist eine andere, hinterher, nach dem Erleben etwas zu formulieren. Da wehrt sich die Sprache – oder ist es das Erlebte, das sich wehrt?
Ich versuche, der Sache von vorne her näher zu kommen; von dem was in Aussicht gestellt wurde. Brücken sind Wege in neue Landschaften.(1) Neue Landschaften. Was kann das sein? Was wäre eine alte Landschaft?

Landschaft. Ich denke an Ölgemälde, Kaspar David Friedrich, Ausflüge ins Gebirge, das Fotoalbum; visuell gerahmte Natur, die richtige Perspektive ist vorgegeben, jemand muss von hier schauen. Ufff. Ich befrage Wikipedia. Das hilft. Ich lerne:

Landschaft ist eigentlich endlos.(2) Und nicht zweidimensional. Der Begriff dient unterschiedlichsten Disziplinen, seine Bedeutung ist extrem wandelbar und umgeben von einem recht unüberschaubaren «semantischen Hof». Inmitten von diesem semantischen Hof stosse ich auf eine alte Landschaft:
Vor circa 1000 Jahren stand Landschaft für die sozialen Normen, die ein Gebiet prägen: -schaft (von schaffen) bezeichnet auch heute etwas, das durch menschliche Tätigkeit zusammengehörig geworden ist; zusammen mit Land – ursprünglich Brachland – meinte Landschaft einen politisch-rechtlichen Raum, in dem bestimmte Verhaltensweisen Gültigkeit haben; ein Raum, in dem politisch Handlungsfähige, Akteur*innen, sogar über eine gewisse Autonomie verfügen.

Der Gedanke macht mir Spass: Dass das Gebiet, durch das die Wegkarte von Scuol nach Nairs führt (3), eine vorübergehende Autonomie hatte; als Landschaft, bestimmt durch künstlerisches Handeln. Nicht zweidimensional, eher unüberschaubar. Als Besucher*in von ÜBER/BRÜCKEN gab es diesen einen Standpunkt sowieso so gut wie nie – die eine Perspektive, die Überblick erlaubt, Ganzheit und Erhabenheit suggeriert. In den meisten Fällen war man mittendrin, oder zu spät, oder einen Schritt nebendran.

Zum Beispiel:
Auf dem Finnenbahn-Parcours der Ü-Techniken arbeiten wir uns schrittweise vor – zusammen mit dem Kollektiv DARTS. Die gar nicht da sind; sie haben ihre Mission frühzeitig als beendet empfunden und sind abgereist; zurück bleibt ein verschlungener und lückenhafter Bericht von Claudia Grimm über Übungseinheiten, der sich zu gleichen Teilen mischt mit dem Gefühl der künstlichen Holzspäne unter den Füssen, dem Schattenwurf durch das Blattwerk, Insekten, einem Video von einem tropfenden Wasserhahn, einem imaginären roten Faden.

Weiter unten:
Die scheue Brücke von Ortreport. Statt einer gebogenen Holzkonstruktion aus Dachlatten stehe ich einem Gefühl gegenüber: dem Sich-Winden. Diese zutiefst menschliche Regung Holz geworden, befindet sich zwischen mir und dem Fluss. Sie steht im grössten Gegensatz zu dessen zielsicherem Pragmatismus. Der Fluss bahnt sich seinen Weg; wo etwas nachgibt, da fliesst er durch; kein Zögern, keine Bedenken, ob ein anderer Weg besser wäre, ob sich der Aufwand lohnt, ob das Ziel erreicht werden kann. Die Brücke: macht kehrt, nach einem zaghaften Versuch, und bleibt am gewohnten Ufer.

Direkt daneben:
Rahel Kraft, die im whitespace unter der Brücke baumelt; einen Raum auslotet, zwischen dem von Menschen für Menschen Gemachtem; unwirtlich. Sie ergänzt konventionell sinnhafte Konstruktionen um weitere – sinnhaftere oder -losere? Eine Hängematte, ein Hörrohr, eine Sitzbank, ein Teppich. Flussrauschen, das Schwanken der Brücke, von der Sonne aufgeheizte Holzplanken, Schritte von Wandernden. Stehe ich am Ufer neben der Brücke, höre ich nicht, was Rahel Kraft spricht; stehe ich auf der Brücke, sehe ich sie nicht; Annähern geht auf Kosten des Überblicks.

Brücken. Ein schnelles Fazit. Brücken führen vielleicht gar nicht in irgendwelche Landschaften. Sie gehören zu ihnen, zu neuen alten Landschaften: zu sozialen, immateriellen, identitätsstiftenden Zusammengehörigkeiten, deren Gesetze und Regeln und Bestandteile es zu erkunden gilt; indem ich mich selbst bewege, schwitze, Wege suche, teste, ausrutsche, Sonnenbrand bekomme, nicht verstehe und mit dem Gefühl einer unerklärlichen Verbundenheit mit Grünem und Abschüssigem, Handbewegungen, und diversen Windungen nach Hause gehe.

1) Vgl. 9 Ankündigungstext zur Veranstaltung (PDF)

2) Landschaft, Land von mittelhochdeutsch lant, germanische Wurzel evtl. analog zu neuschwedisch linda, «Brachland»; ‑schaft von indogermanisch scapjan, «schaffen», Vgl. Wikipedia

3) Vgl. 9 Wegkarte zur Veranstaltung (PDF)

Zum Anlass:
ÜBER/BRÜCKEN
kuratiert von Angela Hausheer und Julia Wolf
im öffentlichen Raum zwischen Chasa Ajüz (Scuol), Vulpera, Fundaziun Nairs (Nairs)
Beteiligte Künstler*innen: Olivia Abächerli, Bettina Diel, Antonia Erni, Asi Föcker, Claudia Grimm, Jörg Köppl, Rahel Kraft, Ortreport (Fabian Jaggi/Katrin Murbach), Porte Rouge (Joa Iselin/Christoph Ranzenhofer), Christian Ratti

Zur Autorschaft:
Mirjam Bayerdörfer, Künstlerin und Kuratorin, Zürich
mirjam.bayerdoerfer(at)gmail.com
9 outsidesundays.com