Mechtild Widrich:
Strukturverwaschung

Mechtild Widrich schreibt nach dem performativen Spaziergang «Looking for Fritz» von Ariane Koch und Sarina Scheidegger am Samstag 28.3.2015 in der Stadt Basel.

Die Ordnung

Wo ist der Start? Nicht nur ich stellte diese Frage, auch diverse FreundInnen und Bekannte, mit denen lose ausgemacht war, «Looking for Fritz» gemeinsam zu besuchen. Vorab also der Versuch, Ordnung in ein unbekanntes Projekt zu bringen. Wie funktioniert die Struktur? Es geht, soviel wissen wir, um Überlagerungen, um das Zusammenkommen von Text, Erleben, und Erinnerung. Thema ist die Stadt. Das Durchwandern der Stadt. Sind wir alle auf der Suche nach Strukturen? Wo sollen wir uns treffen? Wo treffen wir die PerformerInnen?

Wo ist der Start meiner eigenen Erinnerung, mein Beginn der Narration dieser Performance? Schreiben über Performance ist immer auch eine Entscheidung, welche Struktur ich über eine Kunstform lege, die so sehr auf Anwesenheit setzt. Was kann ich erzählen, zu welchem Zeitpunkt, und wieviel davon ist «so gewesen», wieviel erinnert, erwartet, diffus gefühlt? Immerhin, ich war dabei. Ist das wichtig?

So ist es gewesen. So schreibe ich, sei es gewesen: Ein kühler, zunächst freundlicher Tag. Wir treffen uns an der Grossbasler Seite der Dreirosenbrücke, und gehen los, um die Voltamatte herum. Wir unterhalten uns, aber wir halten auch Ausschau. Eine ältere Dame kommt auf uns zu und fragt, ob wir wissen, dass heute eine performative Stadtwanderung stattfände? Als wir nicken, beginnt sie Geschichten zu rezitieren, von Menschen, die aus anderen Ländern kommen. Ein Mädchen aus Kuba. Einige Personen bleiben stehen und schauen zu, oder sie gehen langsam an uns vorbei. Sie erzählt aber auch von sich, auf Nachfrage, ihre eigene Biografie (sie ist nicht aus Kuba) und warum sie sich für das Projekt interessiert. Sie erklärt uns die Struktur: Ein Text, produziert von unterschiedlichen AutorInnen, als ein gemeinsam erstelltes Dokument (Über das Format google.docs, das wiederum erfahren wir von den KünstlerInnen), entstanden in Zusammenhang mit Stadtspaziergängen. Unterschiedliche PerformerInnen greifen einzelne Textteile auf und tragen sie in den urbanen Raum zurück. Klarheit. Aber nur kurz. Wie wählen die PerformerInnen aus, wer koordiniert, inwieweit werden Strukturen vorgegeben, wie autonom sind die PerformerInnen? Sind die Künsterlinnen lediglich Kommunikatorinnen oder führen sie Regie?

Die Performance

Auf der einen Seite das Novartisgelände: Industriearchitektur und Stararchitekten, Baustellen. Auf der anderen Seite Basel: hübsch und sauber, ordentlich. Mehrere Menschen, manche mit Megaphonen ausgestattet, rezitieren Texte, interagieren, auch spontan, so scheint es, aber vielleicht ist alles einstudiert. Einige fahren mit dem Velo die Brücke auf und ab. Die meisten haben sich kleinere Stücke zurecht gelegt. Warum kann ich mich an die Geschichten so schlecht erinnern, aber an die Farbe des Mantels der Frau mit dem Megaphon, an das Fahrrad, das an mir vorbeifährt, an die Wolken, die unerwartet kommen, an den Beginn des Regens, an den Mann, der mir einen Regenschirm in die Hand drückt? Die vorhandene Narration verläuft sich, und wird überlagert durch meinen eigenen Spaziergang, mein Erleben in der Stadt. Das Visuelle dominiert. Die Sprache dringt nur schlecht durch den Wind, die Umgebung, durch die Stadt. Ich kann die Stadt dadurch wahrnehmen. Dann spüre ich meinen Körper. Ich friere. Das Wetter ist gekippt.

Die Brücke

Die Dreirosenbrücke mag ich, sie ist doppelstöckig, meiner Meinung nach architektonisch ausgesprochen gelungen. Wieder mein Interesse für Strukturen, aber nun an der architektonischen Form, die so dominant diesen Teil der Stadt bestimmt. Die meisten Autos fahren auf der unteren Ebene, eine Seite ist auf dieser Ebene verglast und gibt der Konstruktion eine ungewöhnliche Leichtigkeit. Bei Nacht leuchtet dieser Teil, der wie der Bauch einer langen Kreatur wirkt, wunderschön, so erinnere ich mich. Auf der oberen Ebene (vor allem benutzt von der Strassenbahn, Velos, Fussgängern) wirkt die Brücke weit, es gibt viel Platz zum Spazieren. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, das ist klar. Auch ich gehe manchmal über diese Brücke, obwohl sie für meinen Nachhauseweg nicht die nächste ist, um dieses Gefühl der Weite zu erleben. Die mittlere Ebene hat eine Kreuzstruktur (Fachwerkstruktur sagt man, auch bei Brücken!), die mir speziell in Erinnerung bleibt. Woher das Bedürfnis, über die Brücke zu schreiben, anstatt die Performance «nachzuerzählen»? Warum steige ich in «mein» Erleben ein – Basel ist nicht meine Stadt, wie so viele andere mache ich nur Zwischenstation. Hätte ich diese meiner Meinung nach eleganteste Brücke der Stadt ohne die Performance so deutlich wahrgenommen, hätte ich sie beschreiben wollen? Was hat das zu tun mit dem Akt, der mir «dargeboten» wird? Vielleicht liegt darin die Kraft dieser Performance, dass die Umgebung so gut spürbar wurde.

Die Struktur

Vielleicht ist «Looking for Fritz» ein Paradigma für Performance. Notation (Text) – Aufführung – Wahrnehmung – nachträgliche Narration und schliesslich Mythenbildung. Jeder Teil besteht, jeder Teil ist wichtig, und alle Teile verknüpfen sich zu einer ineinander verschlungenen Erzählung, zu einem Mythos. Welcher Mythos aber? Der von Urbanität? Von Stadtleben? ? Vielleicht von meinem Leben in dieser Stadt, die so schwer zugänglich bleibt.

Konzeption: Ariane Koch, Sarina Scheidegger
Autorinnen und Autoren: Fabian Grossenbacher, Ulrike Kiessling, Ariane Koch, Fritz Rösli, Sarina Scheidegger, Andreas Thierstein, Barbara van der Meulen-Kunz
Performer und Performerinnen: Anna Christen, Sima Diabar Zadegan, Chantal Dubs, Elke Füllhaas, Raphaela Grolimund, Lucien Haug, Svenja Koch, Sibylle Mumenthaler, Johanna Raimund, Norwin Tharayil u.a.
Unterstützt von: CMS Basel, Kultur Kanton Basel-Stadt, Werkraum Warteck pp, Ernst & Olga Gubler-Hablützel Stiftung, Futurum Stiftung

→ siehe auch Text von Emily Eliza Scott über denselben Anlass