Mechtild Widrich, Research Fellow bei Eikones/Universität Basel, Assistenzprofessorin für zeitgenössische Kunstgeschichte an der School of the Art Institute in Chicago, und Autorin von Performative Monuments (Manchester, 2014), Basel

Schreiben über Performance hat meiner Meinung nach zwei Komponenten. Die eine ist die analytische: als ausgebildete Kunst- und Architekturhistorikerin ist das Schreiben für mich eine Art des Denken mittels Schrift, eine Klärung – zunächst für mich selbst – von Eindrücken; ein Versuch, Sinn zu machen, aus Fragmenten, die sich in meinem Kopf zusammenfinden. Denn, die Wahrnehmung von Performance, so meine Ansicht, setzt sich nur teilweise aus dem direkt Erfahrenen zusammen. Zum Gesehenen, Gefühlten, Gehörten, Gerochenen, Ertasteten gesellen sich – und Wahrnehmungstheoretiker vertreten diese Meinung vermehrt für die Erfahrung unserer Umgebung, beziehungsweise unserer fassbaren Realität im Allgemeinen – Erwartungen, spezielle Interessen, Erinnerungen, Vorlieben und Abneigungen. All diese unruhigen, manchmal divergierenden Komponenten machen zunächst „meine“ Performance in „meiner“ Wahrnehmung aus, die ich versuche, mittels Schreiben zu bändigen, oft durch das Stellen in einen Kontext (historisch, theoretisch), aus dem andere (LeserInnen) diese abholen können.

An dieser Schnittstelle aber kommt die zweite Komponente des Schreibens hinzu, nämlich, dass Texte über Performances das Ereignis nicht nur nacherzählen, sondern sich in gewissem Sinne an die Performance heften. In diesem Sinne ist das Schreiben selbst performativ, ein Versuch der Behauptung und Festsetzung einer ephemeren Situation. Die Meinung, dass Texte die Performance ersetzen, halte ich für übertrieben, aber die Texte werden doch in gewissem Sinne Teil der Performance, so wie die Geschichten und Mythen, so wie die Fotografien, die Videos, die Reperformances wiederum einerseits Fragmente dessen sind, auf das sie verweisen, und sich andererseits irgendwie zusammenfinden in unseren Köpfen, als Teil der Performance, zusammengeleimt durch gemeinsame Übereinkünfte, über eine (vielleicht minimale) Essenz, auf die wir uns alle einigen können: so ist es passiert. Nun könnte man puristisch das Auseinanderhalten des Ereignisses und seiner Nacherzählung, des Ereignisses und seiner Dokumentation, des Ereignisses und all dessen, was danach kommt, einfordern – doch wo beginnen, wo aufhören, wenn doch der Prozess unserer eigenen Wahrnehmung bereits – wie anfangs erwähnt – in die Vergangenheit und (erwartend) die Zukunft weist? Präsenz, dieser schwierige Begriff, bildet sich immer wieder, wenn wir uns erinnern, schreiben, lesen, fragmentieren, hinweisen.

Verfälschung? Vielleicht. Aber wo ist die Wahrheit, die Authentizität, der „echte“ Moment, welche Bedeutung hat das Vorher und das Nachher? An der Schnittstelle von Realität und Repräsentation stellt Performance diese Fragen, die ebenso für die textliche Nacherzählung gelten. Die letztlich Fragen des Lebens sind. Elementare Sehnsüchte, Momente der Vergangenheit aufbewahren zu wollen, Sehnsüchte, die auch mich beschäftigen, und zu denen die Texte nicht nur als Teil der Rezeption, sondern als Teil einer Produktion der Performance in der Zukunft beitragen.