Markus Goessi:
Zu Stuart Brisley’s «Sound Bite/Acid Rain»

Markus Goessi schreibt zur Performance «Sound Bite/Acid Rain» von Stuart Brisley anlässlich des International Performance Art Giswil am Samstag 14.9.2019.

Der Performance Künstler Stuart Brisley wollte nicht, dass ausser den offiziellen Stellen die Performance gefilmt oder fotografiert wird. Ich dachte, so schön, ich darf meine Fotobrille absetzen und einfach hineingehen in seine Bilder- und Bewegungswelten. Auf dem Boden lag ein Stück Plastik dieser ganz dünne. Den braucht man um die Möbel abzudecken, wenn man die Wohnung neu streicht. Fast quadratisch, kleiner als ein Boxring. Darauf ein Mikrofon auf einem Mikrofonständer. Als Performer hatte ich gleich so dieses Gefühl von der Boden ist gefährdet. Der Boden muss vor Wasser, Farbe, Tinte oder was auch immer geschützt werden. Stuart kam und ging wieder zu seiner Frau Maya. Irgendwie war das Wasser nicht da wo es sein sollte. Verwirrung, Vergesslichkeit, ein hin und her. Mit einem Glas Wasser kehrt Stuart zurück. Er trinkt es, nein er spuckt es wieder aus. Ein menschlicher Springbrunnen eine kraftvolle Fontaine. Ein Wal, der an der Wasseroberfläche des Meeres ausatmet, vielleicht eine Elefantenkuh die mit ungeheurer Lust das Wasser aufsaugt und sich oder andere mit Wasser bespritzt. Der Wechsel vom auskotzen zum gurgeln. Töne, Spiele, Mundhygiene, hat er noch Zähne? Sind es die Dritten? Das Wasser zischt durch die Zähne, man hofft die Reste des Essens werden ausgespült, heraus geduscht und entsorgt. Das Gurgeln ändert sich wird zum stöhnen und ächzen. Ein Baum gefordert von Wind und Regen, ein alter Mensch dessen Rücken schmerzt. Die Hexe die sich den Rücken einverleibt, besetzt und unbeweglich macht. Arthrose, Gicht oder Rheuma? Oder ist es ein Lied der Klage über das gesehene, das ausgestandene, das verloren gegangene? Ich habe alles ausgehalten, ich habe alle Wiedersprüche akzeptieren müssen und ja ich bin immer noch da?

Stuart zieht sich einen Schuh aus und wirft ihn wütend an die Wand. Die Energie verpufft an der Weichheit des Schuhes. Keine Resonanz die Gleichgültigkeit des Raumes. Die Geräusche die Stuart weiterhin mit seinem Körper erzeugt sind es nicht. Verstärkt durch das Mikrofon werden sie lauter dann wieder leiser. Wehklagen. Schmatzen. Ein Kloss im Hals. Der Körper wirkt eingefallen, verloren langsam und alt. Schwerfällig, senil und dann blitzt ein Lächeln über mein Gesicht. «Stirb langsam aber heiter», geistert durch mein Gehirn. Dann öffnet Stuart seinen Gürtel, zieht ihn wie ein Go-Go Tänzer aus den Hosenlaschen und wirft ihn explizit hinter sich auf den Boden. Dann knöpft er seine Hose auf und zieht sie sich unter die Knie. Lasche, zerknitterte Boxershorts kommen zum Vorschein. Seine Knie erzeugen eine X-Stellung der Beine.

Abwehrhaltung. Sex? Das war einmal. Es soll mich jetzt niemand mehr Intim anfassen. Scham. Erinnerung. Verzweiflung. Darf man im Alter eigentlich noch Sex haben? Wo bringt uns das Alter hin? Pflegeheim, Psychiatrie, Demenz, Verlassenheit, Alkoholmissbrauch? Will man das überhaupt wissen?

Wehklagen und die Ahnungslosigkeit mit dem kleinen Schritt von der kleinen Ringkampf Matte. Stuart nimmt eine Ecke des Plastiks und zieht ihn langsam in eine Richtung. Das Mikrofon und die Bewegung ergeben zusammen einen seltsamen, transzendenten Ton. Es ist jetzt sehr still in der grossen Turbinenhalle in Giswil.

Aber noch schreie ich euch an, scheint sich Stuart zu sagen, noch bin ich hier, noch lebe ich.

Ich hatte meine Brille auf um alles ganz scharf zu sehen. Ich nahm eine Performance wahr, die im Grunde sicher unästhetisch aber um so echter und wahrhaftig war. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ganz nah am Leben und an der Konsequenz davon, dem Tod.

Markus Goessi, Basel Okt. 2019