Marie-Anne Lerjen:
Liquid

Marie-Anne Lerjen schreibt nach der Performance «liquid» von Christine Bänninger am Donnerstag, 30. Januar 2020, im (ort) in Emmenbrücke aus der Perspektive der Performerin.

Ich trete in den Raum. Ich stelle zwei Büchsen ab, in denen zwei Farbflaschen stehen. Ich entrolle zwei lange weisse Papierstreifen. Ich lege die Papierstreifen übereinander. Ich lege mich am Boden unter sie. Ich decke mich ganz zu. Ich liege unter den Papierstreifen. Wir sind drei weisse Streifen. Ich stehe wieder auf. Ich lege die Papierstreifen parallel zueinander auf den Boden. Ich gehe zu den Büchsen. Ich schüttle die Farbflaschen. Ich leere den schwarzen Inhalt je einer Flasche in je eine Büchse. Ich nehme eine Büchse und stelle mich an der kurzen Seite des einen Papierstreifen auf. Ich schliesse die Augen. Ich schütte die Farbe auf das Papier (oder daneben; ich sehe es nicht). Ich öffne die Augen. Ich hebe den Papierstreifen auf der Seite an. Ich lasse die Farbbächlein über das Papier fliessen. Ich hebe den Papierstreifen auf einer anderen Seite an. Ich zeichne mit der Schwerkraft. Ich hebe weiter auf verschiedenen Seiten. Ich lasse die Zeichnung schliesslich liegen. Ich verfahre gleich mit dem anderen Papierstreifen. Ich hinterlasse so zwei fliessend be-zeichnete Blätter. Ich lege mich parallel zu den Papierstreifen auf den Boden. Ich rolle mich langsam über die noch nasse Farbe des einen Blattes. Ich rolle mich langsam über die noch nasse Farbe des anderen Blattes. Ich drucke mir so ein Muster auf mein Kleid. Ich klebe die beiden Papierstreifen an die Wand. Ich stelle mich dazwischen. Wir sind drei schwarze Muster.

*Die Performerin ergänzt: «Es fehlt ein kleines Detail, nämlich, dass ich das Blatt auf der rechten Seite blind mit der rechten Hand und das Blatt auf der linken Seite blind mit der linken Hand bearbeitet habe (Farbe ausschütten). Die Farbe wirkt aufs erste schwarz, es ist jedoch ein dunkles Olive.»

Marie-Anne Lerjen
9 www.lerjentours.ch