Maren Rieger, Dramaturgin, Dozentin, Bern

Über meine Verantwortung als Augen Zeuge
Ein statement für das Schreiben mit Performance Kunst

„Ich fuhr hin im unausgegorenen, aber ernsthaften Glauben, du müsstest in der Lage sein, dir alles anzusehen: ernsthaft, weil ich’s ausführte und fuhr, unausgegoren, weil ich nicht wusste, dass Performance Kunst einen lehren würde, genauso verantwortlich zu sein für das, was man sah, wie für das, was man tat. Das Problem war, dass du nicht immer wusstest, was du gesehen hattest, bis später, vielleicht Jahre später, obwohl dir vieles nicht in den Kopf ging, es doch in deinen Augen erhalten geblieben war. Zeit und Information, Rock`n Roll, das Leben selbst, nicht die Information ist erstarrt, du bist es.
Manchmal wusste ich nicht, ob ein Vorgang eine Sekunde oder eine Stunde dauerte, ob ich ihn träumte oder nicht. In der Performance Kunst weißt du noch weniger als im normalen Leben wirklich, was du die ganze Zeit tust, du verhältst dich bloss, und nachher kannst du dir jede Art Kacke, die du willst, darüber ausdenken, sagen, du fühltest dich gut oder schlecht, mochtest oder hasstest es, tatest dies oder jenes, das Richtige oder das Falsche: trotzdem passierte, was passierte.“

Ich zitiere Michael Herr, weil er die Verantwortung benennt, die wir haben als Zuschauer wie als Künstler, für das was wir sehen. Der heute Mitte 70jährige schreibt als einer der ersten „embedded journalists“ Reportagen über den Krieg in Vietnam. Gelesen habe ich sein Buch „An die Hölle verraten“ in den 80er Jahren. Im oben stehenden Zitat habe ich zwei Mal das Wort „Krieg“ durch „Performance Kunst“ ersetzt. ..

Und ich möchte hier ausführen, dass wir in der Performance Kunst auch nicht blosse Zuschauer oder Beobachter sind, sondern aktiv Beteiligte: Zeugen. Verantwortlich zu sein für das, was ich sehe, bedeutet in der Konsequenz, dass ich mich auseinandersetzen muss über den Zusammenhang von Ethik und Ästhetik.

Hier zeigt sich die gesellschaftliche Relevanz des Schreibens über Performance Kunst: ich muss eine Haltung einnehmen, vergleichbar dem Zeugen einer Strassenszene bei Bertolt Brecht, der von seinen Schauspielern forderte, das sie das Gesehene als das Fremde wiedergeben und sich nicht damit identifizieren. „Glotzt nicht so romantisch“ – fordert Brecht auch die Zuschauer zur kritischen Betrachtung auf.

Performance Künstler heute zeigen und lehren uns, was es heisst Augen Zeuge zu werden. Da sehr viel von unserem Wissen über die Welt von anderen Augen Zeugen stammt, ist es zentral unsere Rolle als Augen Zeugen zu reflektieren.

Wenn ich über Performance Kunst schreibe, so muss ich meine Verantwortung reflektieren und das Spiel der Wörter gleicht der Arbeit des Verschiebens und Verdichtens der Künstlerinnen und Künstler. Ich kann die Wörter nicht einfach als Instrumente zur Abbildung der Realität verwenden. Das Wirkliche ist nicht darstellbar… Meine eigene Position in einem Ereignis reflektierend macht mich das Schreiben über Performance Kunst zu einem aktiven Zeugen, ich kann nicht aufhören zu denken, zu reden und zu berichten, was ich gesehen habe…

Bern am 30.9.2014