Marcel Schwald:
The Longest Performance Day Bangalore

Marcel Schwald schreibt auf Wunsch von Andrea Saemann und Lena Eriksson nach seinem Besuch beim Performance Marathon «The Longest Performance Day (Bangalore)», kuratiert von Dorothea Rust & Irene Müller (Zurich/CH) gemeinsam mit Suresh Kumar & Smitha Cariappa (Bangalore/IN) am Dienstag, 14.2.2017 in Bangalore.

Liebe Andrea, liebe Lena
liebe Irene, liebe Dorothea

Auf Wunsch von Andrea und Lena schreibe ich meine Erinnerungen an meinen kurzen Besuch von «The Longest Performance Day» in Bangalore.
Es sind verschiedentlichste Eindrücke. Sie kreisen seit Tagen in meinem Kopf und driften eher wie einzelne Planetlein von einander weg als dass sie sich im Nachhinein verdichten und bündeln. Ich habe den Longest Day eine Stunde besucht, in Begleitung von Sandeep, einem Mitarbeiter der 1Shantiroad, wo wir – und wohl viele Pro Helvetia Residenten – untergebracht waren.

Als ich reinkomme ein dünner Mann mit einem Dhoti (auch Mundu genannt, der weisse Hüftumhang den «wir» vor allem von Gandhi kennen). Er hat ein weisses Kreiderechteck auf den Boden aufgetragen und geht dieses in Längslinien auf und ab, einen Sack tragend aus dem eckige Steinchen kullern, grau und ca. 3cm im Durchmesser. Auf und ab, auf und ab bis der Sack leer ist. Ruhig macht er es. Langsam. Mit unaufwendigen Bewegungen. So kann man gut dem Sound zuhören, den die Steine machen. Ums Rechteck rum hats auch die gleichen Steinchen aber ich weiss nicht wie die dorthin gekommen sind.

Ich suche Irene und Dorothea. Dorothea sitzt rechts nahe der Wand auf dem Boden in einer Gruppe Menschen, vor ihr ein Laptop. Irene steht im Raum, am nächsten von allen beim Performer. Sie schreibt in ein Buch. Die beträchtlich vielen weiteren Zuschauenden sitzen den Wänden entlang im gut erleuchteten Raum und verfolgen die Performance mehrheitlich ohne etwas aufzuschreiben. Irene und Dorothea konzentrieren sich dokumentierenderweise auf die Performance, was sie in eine besondere Beziehung zum Performer mit den Steinen setzt. Bei ihnen sitzt die Teilnahme an der Performance als Bewegung im Körper, macht sich das Interesse sichtbar durch ein Vorneigen oder Distanz nehmen, durch einen Positionswechsel oder einen Schritt auf den Performer zu. Ich geselle mich kurz zu ihnen, begrüsse, höre wo sie gerade stehen: Bereits 8 Stunden non-stop Rezeption.

Der Mann im Dhoti schiebt die Steine innerhalb des Rechtecks zusammen, von hinten nach vorne. Alle auf einen Haufen, am vorderen Rand. Einige Zeit bleibt er vor seinem Steinhaufen sitzen. Dann nimmt er Steine in den Mund. Isst er sie? Mittlerweile steht auch Dorothea bei mir und Irene. Man könne Steine essen. Aber der Performer spuckt sie wieder aus. Ich weiss nicht, ob ich mir das Geräusch von Zähnen auf Stein vorstelle oder ob ich es wirklich höre.

Ich schaue mich um nach Sandeep. Er hat mich auf dem Scooter durch Bangalores Rush Hour zur Veranstaltung gefahren. Kennt er Performancekunst? Natürlich. An der 1Shantiroad gibt es ständig Performance. Ich weiss nicht mehr was Sandeep dazu sagt, aber es zeugt von Erfahrung mit Performance-schauen. Ich bin ja erst 2 Tage hier. Vor meinen Augen realisieren sich Bilder, die ich in meiner Fremdheit zu Bildern mache, die ich schon kenne. Anstatt neue Bilder zu sehen. Über Wörter kann ich mehr Komplexität aufnehmen. Mit Wörtern mache ich die grösste Banalität zu etwas Besonderem, zu etwas, was ich mehrdeutig interpretieren kann und will. Von der ersten Minute an komme ich sehr weit mit reden, fragen, kommentieren, zuhören, nicht verstehen und nachfragen, reagieren. Gespräche wie Wasser, flüssig, weich, immer neues Terrain, fliessen über Ungewusstes – eigentlich stoppt es da nirgends. Keine Wände, keine Schweigegebote oder wortkarge Gesprächsverebbung. Aber die Bilder, wenn sie mir entgegenblitzen, lassen sich nur schwer verwischen, mit anderem Sinn re-konstruieren. Wie etwa der dünne Mann im Dhoti… Mahatma Gandhi.

Natürlich kann ich auch die Steine und das Steine essen nur mit meinem Bild von Indien lesen. Ich schaue die indischen Zuschauenden an, die der Wand entlang sitzen. Ich würde auch gern am nächsten Tag hören, wie die PerformerInnen alle darüber sprechen.

Nächste Performance. Ein Mann in einem weissen Gewand. Natürlich frage ich Sandeep gleich ob es sich um ein traditionelles Kleid handelt. Er hat es auch noch nie gesehen. Der Performer hat eine hübsche Wuschel-Frisur und einen trendigen Bart. Er hat sehr wache Augen, schaut sich im Raum um. (Der Performer vorher war eher introvertiert und für sich.) Es folgt eine Vertiefung mit Schnur. Ein Gewickel um Zipfel seines Gewands. Dann wirft er Schnurballen in 6 Richtungen im Raum. Nach und nach greifen sich ZuschauerInnen die Schnurbündel. Gewisse Anwesende schauen eher distanziert, wollen die Schnur nicht sofort nehmen. Eine Frau fällt auf als Facilitator, sie versucht zu ermöglichen, sich aktiv zu verhalten. Sie krallt sich ein Bündel und die Verteilung kommt in Gang. Auf ein Zeichen ziehen alle Schnur-Haltenden das Gewand auseinander und das Gewand entfaltet sich zu einem Häuschen. Oben zum Dach raus schaut der Kopf des jungen Typs. Ich lache. Die anderen alle nicht. Schliesslich zieht sich der Performer in sein Häuschen zurück und beginnt zu rufen, verschiedene Wörter die ich nicht verstehe. Er bleibt hängen bei dem Wort LOVE, welches er in seinem Häuschen wiederholt und dabei immer lauter schreit, bis zur Erschöpfung. Love Love Love. Wieder muss ich lachen, möchte ich lachen. Ich erkenne mich wieder. Sass auch schon in meinem Love Häuschen. Die Stimme, der Sinn des Worts, was ich verstehe, bringt mich dem Anliegen des Performers näher. Meine ich zu verstehen. Ich bin dabei. Der Performer geht mutig mit seiner Stimme um. Und mit seinen Emotionen. Schreit mir Bilder in den Kopf. Seine Performance dauert nicht so lange. Wie immer wenn Leute ihre Stimme strapazieren, empfinde ich Mitfühl-Schmerz. Gemischt mit Action. Emotions-Action.

Es folgt eine längere Pause. Auf dem Balkon draussen schnappen Leute frische Luft, rauchen, essen Früchte, trinken was. Langsam komme ich an. Sandeep will schon fast wieder gehen. Mein Antrag wartet – unsere Dauerbeschäftigung in Indien: einen Antrag schreiben. Solche Nerds sind Chris und ich hier. Man kennt uns schon als die, die ständig über ihrem Antrag sitzen. Aber wir bleiben noch für einen Slot.

Wieder ein Mann. Wieder ein weisses Gewand. Ein Overall, diesmal klar keine mögliche Anlehnung an was Traditionelles. Es wird eine ovale, blaue Plastikfolie ausgebreitet. Der Performer im weissen Overall legt dem Rand entlang in regelmässigen Abständen eiförmige Gegenstände hin. Ich erkenne sie nicht als Eier. Aber es sind Eier. Schwarz bemalt. Dann stellt sich der Mann hin, mit einer weissen Kappe über dem Kopf. Wir schauen. Nach einer Weile ist es wieder die ermöglichende Frau, die als erstes eines der Eier aufhebt und den Performer damit bewirft. Das Ei platzt und hinterlässt einen Farbfleck auf dem Overall. In grossen Abständen wirft eine/r nach der/m anderen ein Ei. Ich habe auch Lust eins zu werfen. Sandeep merkt es und drängt mich, einen Auftritt als Eierwerfer zu absolvieren. Auf dem Performer und um den Performer herum entsteht ein Farbbild, was mich an jenes indische Fest erinnert, wo mit Pigmenten (?) geworfen wird. Es sind dieselben Farben – kräftiges pink, gelb, blau, grün. Zufall? Natürlich verhaue ich meinen Wurf, das Ei platzt nicht. Ich bin nicht der einzige. Ein verirrtes Ei landet sogar auf einer Handtasche, die an der Wand abgestellt wurde. Bevor die Performance vorbei ist, beginnt schon eine grössere Gruppe von Anwesenden auf dem Boden um die Plastikfolie rum zu schrubben. Diese Gruppe interessiert mich. Wie so oft: das vermutlich Nicht-Intendierte fügt sich zum Geplanten.

Ich bin Gast. Ich schaue wie ein Gast. Ich zögere wie ein Gast. Ich manifestiere Unsicherheit wie ein Gast. Ich hinterfrage mein Verhalten wie ein Gast. Ist Gast das richtige Wort? Performance ist ein interessantes Medium, um die eigene Rolle zu hinterfragen und sich selbst zu beobachten. Als Anwesender. Bin ich im Gespräch womöglich ebenso «Fremder» wie in meiner Anwesenheit und Partizipation während den Performances? Werfe ich da auch mit Eiern, aber ohne es zu merken? Werden diese elegant von meinen grosszügigen GesprächspartnerInnen aufgefangen? Es fühlt sich nicht so an. Ich höre von zwei weiteren Performances: ein Mann aus Kaschmir hat mit seinem Stottern gearbeitet. Er arbeitet wohl mit heiklen politischen Inhalten und bringt diese zusammen mit seinem (echten?) Stottern. Das hätte ich gern gesehen. Eine weitere Performance von der ich höre wird prägend für den Eindruck, der sich mir manifestiert bezüglich Peformance in Indien: ein Performer hat sich Bart und Haare schneiden lassen während er mit dem Publikum eine Art Ping-Pong spielte. Bewegung, Gleichzeitigkeit, Humor, Lebendigkeit, schwer zu Vereinbarendes, kontrastierende Aktionsherde, Unterhaltung, Action. So zeigt sich mir Indien im urbanen Bangalore. Die Anwesenden sprechen anerkennend über diese Arbeit. Die Rasur und Frisur des Performers sehen hübsch aus, nicht so als hätte er Ping-Pong gespielt während dem Haareschneiden.

Ein paar Tage später sagt die Theatermacherin Kirtana Kumar, sie hätte eine Tanzperformance gesehen, wo so wenig geschah, dass sie dachte: «Only people from a first world country can afford to do so little.» Die Performances die ich beim Longest Day sah und erzählt bekam, hatten für mich gemeinsam, dass sie einen etwas höheren Anspruch an „Unterhaltung“ verrieten, als ich es gewohnt bin. Ich brachte das nicht in den Zusammenhang von First oder Second World Country – ich erklärte mir dies eher durch die üppig-pralle Bollywood Kultur oder die kristallklar ausformulierten Oberflächen der hiesigen Kulturpraktiken von Yoga bis Katakali. Eine Lust zu definieren: Bilder, Vorgänge, Geräusche. Auch bei Tanz und Theateraufführungen fällt mir auf, dass Formen lustvoll angewendet und angefüllt werden. Nun wäre ich gespannt zu hören, von Irene und Dorothea, ob es auch ausgesprochen «vage», undefinierte, Zwischenräume auslotende Arbeiten gab und sich somit auch diese Vermutung in Luft auflöst 😉 ?

Nach wie vor hangelt sich mein Gefühl, etwas zu verstehen, von Satz zu Satz. Gleichzeitig lerne ich Menschen kennen, denen ich freundschaftlich nahe komme, näher als auf anderen Reisen wo ich war. Ich erkläre mir das durch den Fakt, dass ich mich hier mit vielen auf englisch austauschen kann. Aber auch weil viele bereit sind mir zu erzählen. Endlos. Ich darf alles fragen. Ein Hostclub – Land? (1)

Liebe Grüsse – Marcel

Marcel Schwald / Gasstrasse 6 / CH-4056 Basel
www.mars2meilen.com
+41 78 764 50 65

(1) Der «Host Club» ist eine Veranstaltung, um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. In kleinen Gruppen wird in 3 x 20 Minuten anhand eines Fragenkatalogs zu einem Thema diskutiert. Dieser Fragenkatalog wird von einem «Host» verwaltet – einer Person, die der Gruppe Fragen stellt und selber etwas zum Thema zu sagen hat.

9 1Shantiroad

PDF Pressetext «The Longest Performance Day (Bangalore)»

Selbst miterlebte Performances:
Performer 1: 22. Performer an diesem Tag, von 18.45—19.05 Dhannjay Kumar
Performer 2: 23. Performer an diesem Tag, von 19.10—19.30 Bhisaji Gadekar
Performer 3: 24. Performer an diesem Tag, von 19.35—19.55 Raghu A Wodeyar

Von andern erwähnte Performances:
Performer 4, der Mann aus Kashmir: 8. Performer, von 12.55—13.15 Khursheed Ahmad
Performer 5, der sich Bart und Haare hat schneiden lassen: 6. Performer, von 12.05—12.25 Jeetin Ranger