Katharina Brandl:
Die Sprache der Anderen

Katharina Brandl schreibt im Auftrag der International Performance Art Giswil über die Performance «What Are We If Not Pigeons, Part II» von Ariane Koch und Sarina Scheidegger am Samstag 09.09.2017 bis Mathes.

Item wie eine Furie des Nachts die Jagd los bricht mit glasigem Geöig und Gfäss in den Händ und findet jedes lebige Getier und macht es tot. Die Spitzenhosen von den vornemen Vrouen werden brätlet am gestauten Wasserloch und es ihnen in die Knochen gfährt vom Hexenschuss, der gar nimme einläuten tut sondern ist rau wie die Schluchten tief im Tober.

Wir sitzen in einem kleinen Schlafzimmer im Stöckli eines ehemaligen Giswiler Bauernhauses, die meisten von uns gedrängt am Teppichboden; drei Sitzplätze gibt es auch auf einem Sofa in einer Ecke des Raumes. Wir wurden gestaffelt in den Raum gelassen, haben unsere vom Regen durchnässten Schuhe im Vorraum ausgezogen und haben noch die Alphörner von gerade eben im Ohr. Zwei Performerinnen, Anna Christen und Venus Electra Ryter, verlesen den Text What Are We If Not Pigeons, Part II von Ariane Koch und Sarina Scheidegger. Im Stöckli war ursprünglich das Schlafzimmer der bäuerlichen Eltern-Generation, die den Hof an die nächste Generation übergeben hatte. In der intimen Atmosphäre eines Schlafzimmers verhandelt die dialogische Textcollage die Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert in Obwalden. Der historische Ankerpunkt des systematischen Justizmordes an Personen, die der Hexerei bezichtig wurden, war eine Überschwemmung im Jahr 1629 in Giswil – in einer Zeit, die ohnehin bereits von klimatischen Herausforderungen, Missernten und Hungersnöten geprägt war. Einblick in die lokale Geschichte der Hexenverfolgung – und ihre Aufarbeitung – erhielten die Künstlerinnen durch ihren Gastgeber, der selbst in der Heimatkundlichen Vereinigung Giswil aktiv ist. Der Verein veröffentlichte zu besagtem Thema ein Buch, in dem die Verfolgung nach 1629 und insbesondere die perfide Geschichte der Familie Bergmann, die fast vollständig ermordet wurde, aufgearbeitet wurden. Dieses Buch diente mit seiner Sammlung an Verhörprotokollen, historischen Texten und deren Aufarbeitung den Künstlerinnen als Ressource für die Performance im Rahmen des Festival International Performance Art am 9. September 2017.

Tätersprache

Welche Sprache kann man angesichts der Tatsache finden, dass man sich mit Unaussprechlichem beschäftigt? Der Modus des Schreibens im Duo, dem Ariane Koch und Sarina Scheidegger in ihren Kollaborationen nachgehen, spiegelt sich in der offenen sprachlichen Form-Findung: durch ihre Methode des Collagierens, durch das Ausfransen des Textes. Bei What Are We If Not Pigeons, Part II werden Teile des Textes in dialektalem Frühneuhochdeutsch nachgeahmt – die Sprache, in der auch die Verhörprotokolle des Prozesses gegen die Familie Bergmann dokumentiert sind. Gebrochen wird dieser narrative Strang in der «Tätersprache» durch direkte, in Standardsprache übersetzte Zitate aus der Zeit der Verfolgung (etwa «Kriterien und Merkmale um Hexen erkennen zu können»). Zusätzliche Spannung erhält die Performance durch Reflexionen über narrative Versatzstücke von zentralen Motiven von Verfolgungsgeschichten: Naturkatastrophen, Bedrohung der Nahrungsmittelversorgung oder Fantasien über die Zusammenkunft mit dem Teufel.

Das Tal ist überschwemmt und ich frage mich, ob es noch mehr oder eher weniger dazu zu sagen gibt. Ob es ratsam ist, euch im Detail zu beschreiben, wie es aussieht, wenn ein Haus von Wassermassen auseinandergerissen wird oder eine Strasse oder ein Mensch.

Was ist in welcher Sprache sagbar? Und, was ist in einer Sprache denkbar? Ariane Koch und Sarina Scheidegger emulieren die Sprache der Verhöre, um durch sie einen historischen Raum zu öffnen. Sie arrangieren diesen Zug allerdings nicht mit absoluter linguistischer Exaktheit, sodass ihre Annäherung dennoch Brücken zur zeitgenössischen, deutschen Standardsprache schlägt und zur Gegenwart in Beziehung tritt.

Die Herausforderung, in welcher Sprache man der historischen Faktizität des Unvorstellbaren begegnen soll, wurde insbesondere in post-nazistischen Gesellschaften verhandelt: Theodor W. Adornos Diktum, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, oder Paul Celans Auseinandersetzung mit der Tätersprache prägten den deutschsprachigen Diskurs über literarische Ästhetik im Anschluss an den Völkermord der Shoah. Bei Ariane Kochs und Sarina Scheideggers Beitrag zum Internationalen Performance Festival in Giswil wird nicht nur die systematische Verfolgung und Ermordung von Personen, die der Hexerei bezichtigt wurden, im 17. Jahrhundert thematisiert, sondern durch die Annäherung an die Verhörsprache auch eine zentrale Frage von Geschichtsschreibung ausgegriffen: Wie kann man das Wahrheitsregime einer Zeit sichtbar machen? Sprache reflektiert durch ihren Aufbau, durch ihr Skelett an Grammatik, ihr muskuläre Syntax und die Sehnen ihres Vokabulars das, was in ihrem Rahmen ausgedrückt werden kann.

Ob so viler dunkelheyt
Ward das dorf gängstigt
Und des Dyfels der
Erschynt immer in andern Namn

Die Grande Dame der postkolonialen Theorie, Gayatri Spivak, fragte anhand der hinduistischen Praxis der Witwenverbrennung Ende der 1980er Jahre, ob die Subalternen sprechen können: Hinduistische Frauen im kolonialisierten Indien, so ihr Argument, hatten keinen Zugriff auf eine Sprache, die es ihnen erlaubte Widerstand leisten, da sie nur entweder am Diskurs des britischen Kolonialmacht oder an dem patriarchalen Diskurs der lokalen Eliten teilhaben können, der den Femizid der Witwenverbrennung erst ermöglicht hatte. Sie sind damit doppelt marginalisiert, da sie selbst keine epistemischen Strukturen, kein Wissen über ihre Situation, erzeugen können. Sie haben keine Sprache, sie können nicht sprechen. Die Unmöglichkeit des Widerstandes jener Personen, denen die Schrauben des post-reformatorischen, europäischen Wahrheitsregimes angelegt und die der Hexerei angeklagt wurden, wird gerade am Paradox der Verhörprotokolle ersichtlich: Die Rechtsstaatlichkeit steckt im 17. Jahrhundert zwar bereits in den Kinderschuhen – ohne Gerichtsprozess wird die Todesstrafe in den genannten Beispielen nicht vollstreckt. Gleichzeitig werden die vermeintlichen Geständnisse und fantasievollen Beschreibungen angefangen vom Koitus mit dem Teufel, über die Durchführung von Schadenszauber in Form von Umweltkatastrophen bis hin zur Denunziation von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft vor allem aus den Beschuldigten herausgefoltert. Und Folter ist bekanntlich nicht der beste Weg wahrheitsgemäße Aussagen zu erlangen.

Interessant an dem Setting von What Are We If Not Pigeons, Part II ist zudem die Aufführung im Stöckli – dem Ort für die Senioren-Generation im Komplex eines Bauernhauses. Die räumliche Abspaltung einer Generation nach der Übergabe eines landwirtschaftlichen Betriebs wird in dem Kontext der Performance zur Metapher gemeinschaftlicher Exklusionsmechanismen, die im Kern des Phänomens Hexenverfolgung liegen. Als Hexen wurden Personen angeklagt, welche die Gemeinschaft loswerden wollte: oftmals handelte es sich um mittellose Frauen, bei den Salemer Hexenprozessen in den USA allerdings auch vermögende Witwen oder queere Subjekte. Im Giswiler Kontext bestätigt die Beobachtung, dass es sich bei den Angeklagten oftmals um «Zugezogene» mit schwachen lokalen Netzwerken handelte, diese Herangehensweise. Hier findet sich auch der Anschlusspunkt, warum sich die Figur der Hexe in (queer-feministischen Ansätzen) der Gegenwartskunst als besonders produktiv erweist: weil durch sie sowohl Ermächtigung, als auch Unterdrückung und Gewalt – oftmals die Reaktion auf den Widerstand gegen Normalitätsregime – konzeptualisiert werden können.

Ariane Koch und Sarina Scheidegger zeigen mit What Are We If Not Pigeons, Part II nicht nur Fingerspitzengefühl im Umgang mit historischem Material, sondern demonstrieren eindrucksvoll die Produktivität der Fiktionalisierung von Unrechtserfahrungen, sowie der Verhandlung der sprachlichen Form und von Sprechpositionen durch das Medium der Performance.

Kursiv: Auszüge aus dem Text der Performance – Ariane Koch und Sarina Scheidegger, What Are We If Not Pigeons, Part II, 2017

Erwähnte Literatur

Ludwig Degelo, Urs Abächerli, Markus Liniger, Loiwi. Giswil 1629: Der Untergang der alten Kirche, die anschliessende Hexenverfolgung und der Fall der Familie Bergmann, 2013.

Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, «Prismen. Ohne Leitbild». Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S.30.

Gayatri Spivak, Can the Subaltern Speak? in: Cary Nelson & Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture, University of Illinois Press, Chicago 1988, S.66-111.

Katharina Brandl, 29.10.2017