Jasmin Sumpf:
Act 15

Jasmin Sumpf schreibt Feedbacktexte im Auftrag der HGK FHNW und Act nach den Performances am Samstag 11.4.2015 anlässlich von Act 15 Basel auf dem Campus der Künste.

Jérémie Sarbach & Flurina Badel
«Ohne Titel»

Tack, Tack, Tack, Tack – Ratsch: Langsam und gleichmässig hört man das Tippen auf der Schreibmaschine, das zwischenzeitlich durch das Drehen der Walze unterbrochen wird. Flurina Badel und Jérémie Sarbach sitzen sich auf zwei hölzernen Hochsitzen gegenüber und befinden sich damit auf Distanz zum Publikum. Sie sprechen nicht und reagieren nicht auf Geräusche oder andere Impulse von Aussen. Ihre Blicke und ihre Aufmerksamkeit sind streng einander zugewandt, Mimik und Geste sind wie eingefroren. Physisch verbindet die Künstlerin und den Künstler eine lange, endlose Papierschlaufe, eingespannt in die beiden Schreibmaschinen vor ihnen, welche sie bedienen. Ratsch – Ratsch – Ratsch – Ratsch: gleichmässig und aufeinander abgestimmt bewegen sie die Walze der Schreibmaschine und transportieren das Geschriebene hin und her. Während einer tippt, wartet der andere, dann wird die Nachricht weitergeleitet. Die Papierschlaufe hängt zwischen den beiden Schreibmaschinen tief hinab, fast bis zum Boden. Dort erkennt man die Botschaft: Es sind rote Herzen. Auf der Schreibmaschine tippen die beiden Performer Nullen und malen diese mit rotem Filzstift zu Herzen aus. Mikrofone verstärken die Geräusche: die Anschläge sowie das Drehen der Walze. Gleichzeitig zeichnet eine Webcam die Bewegung der Typenhebel auf und überträgt das Bild auf zwei Laptopmonitore, die einander zugewandt auf dem Boden stehen.
Wiederholung, Verdoppelung, Übertragung: Eine endlose Schlaufe, die sich repetitiv zwischen Sender und Empfänger hin- und her bewegt, ein sinnentleerter Akt des Kommunizierens, der auf nichts anderes als sich selbst verweist. Von Sprache bleibt nicht viel mehr übrig als die Zeichen und die Mittel ihrer Produktion. In diesem geschlossenen System werden Sender und Empfänger eins, indem sie dieselbe Botschaft hin und her senden wie eine Art Ping-Pong.

Anastasia Kadis & Polina Skryabina
«Towards love»

Schluchzend und weinend schleppt sich eine junge Frau langsam am Rand des Publikums entlang, scheinbar angetrieben von einer unsichtbare Kraft. Sie wimmert, wirft sich auf den Boden, stöhnt auf. Qualvoll scheint sie sich mit einer dem Zuschauer unbekannten äusseren Einwirkung, auseinanderzusetzen. Sanfte Bewegungen wechseln sich ab mit ruckartigem Zuckungen und Zittern. Der Körper der schlanken Frau wirkt zerbrechlich und gleichzeitig kontrolliert.
Auf dem Boden ist eine Spirale mit Teelichtern ausgelegt, an der sie sich zu orientieren scheint. Vorsichtig entzündet sie die erste Kerze und liest einen Zettel, der darunter lag. Unter jedem Teelicht liegt eine schriftliche Notiz bereit, eine Nachricht, deren Inhalt dem Zuschauer verborgen bleibt: vielleicht eine Anweisung oder ein Befehl, dem die Perfomerin Folge leisten muss. Energisch zereisst sie den Zettel in Einzelstücke und arbeitet sich weiter vor. Jedes Licht, jede Station birgt eine neue Nachricht: Einmal räkelt sich die junge Frau auf dem Boden und schäkert mit dem Publikum, dann fällt sie plötzlich wimmernd in sich zusammen oder sie schlägt sich energisch die Hand vor den Mund. Immer weiter bewegt sie sich entlang der Spirale, hin zu deren Mittelpunkt. Im Zentrum befindet sich eine Harfe, bedeckt mit einem transparenten Schleier. Die Performerin zieht den Schleier weg und setzt sich. Sie lehnt die Harfe nach hinten an ihren Körper und beginnt das Instrument zum Klingen zu bringen. Während ich ihr zuschaue, wie sie virtuos die Saiten der Harfe zupft, denke ich über das Verhältnis zwischen einer Marionette und ihrem Puppenspieler nach.

Lou Sturm
«70 Trillion»

«Mein Grossvater pflegte zu sagen: Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschliessen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.»
(Franz Kafka, Das nächste Dorf,1916/1917)

Lou Sturm dreht und windet sich, rollt über den Boden und tanzt um das Publikum herum. In den Händen hält sie ein zu einem Knäuel verwickeltes Band, auf dem fortlaufende schriftliche Notizen aufgelistet sind. Während sie diesen Knoten entwirrt, liest sie das Geschriebene laut vor und ergänzt es gleichzeitig mit Beschreibungen ihrer aktuellen Gefühle und Eindrücke sowie den Gegebenheiten um sie herum «At the same time […] I make myself comfortable […] at the same time […] I note the laughter [..] at the same time […] I feel my cold feet.» Das entrollte Band bleibt dabei liegen, als Spur ihrer Bewegung im Raum. Repetitiv rezipiert Lou Sturm die Erfahrungen eines Moments und betont die Gleichzeitigkeit ihrer Wahrnehmung. Sie dehnt die reale Zeit des erlebten Augenblicks aus und folgt dabei einer eigenen, verzerrten Zeiterfahrung. Diese macht sie für das Publikum wiederum erfahrbar, durch die fortlaufende Auflistung der Ereignisse.
Was kann alles in einem einzigen Augenblick geschehen? Wie kann dies adäquat beschrieben, wie es erfahrbar gemacht werden?

«Mein Pulsschlag, der Schritt oder Flug meiner Gedanken ist kein Zeitmesser für andere: der Lauf des Stromes, das Wachstum eines Baumes ist kein Zeitmesser für alle Ströme, Bäume und Pflanzen […]. Es gibt also (man kann es eigentlich und kühn sagen) im Universum zu einer Zeit unzählbar viele Zeiten: die Zeit, die wir uns als das Mass aller denken, ist bloss ein Verhältnis unserer Gedanken.»
(Verstand und Erfahrung, Vernunft und Sprache, Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1955).

Patricia Murawski
«Actionpainting Performance»

Wir befinden uns draussen, auf dem Vorplatz der HGK Basel. Es ist bereits dunkel und die Szenerie wird von Scheinwerfern beleuchtet. Patrizia Murawski breitet ein grosses, handelsübliches, zur Bespannung von Keilrahmen vorgesehenes Baumwolltuch auf dem Asphalt aus, Töpfe mit Farben stehen bereit. „Actionpainting Performance“ – ist es tatsächlich das, was ich denke? Die Künstlerin legt einen bespannten Keilrahmen auf das ausgebreitete Tuch, aus den umliegenden Lautsprechern ertönt Metal Musik – kein besonders hartes Stück, eher eine melodisch, orchestrierte Form, wie sie mir aus den 90er Jahren bekannt ist. Die Performerin taucht ihre blonden, langen Haare in den Topf mit Schwarzer Farbe. Sie geht zur Leinwand und bewegt den nach vorne gebeugten Kopf im Takt zur Musik auf und ab, so dass die mit Farbe getränkten Haare auf die Leinwand klatschen: Ein hedbangender human brush! Nachdem die Künstlerin eine Zeit lang das kleine Format bearbeitet hat, stellt sie es beiseite und nimmt das riesige, auf dem Boden ausgebreitete Tuch in Angriff, welches sie fortwährend bemalt.
Action Painting und melodischer Metal – beides Formen, die in ihren jeweiligen Genres etwasüberholt sind und denen heute ein gewisser Kitsch-Verdacht anhaftet. Kitsch insofern, dass damit Emotionen ausgedrückt und transportiert werden sollen, die längst Konvention geworden sind – marktfertige Produkte, produzier- und abrufbar. Aber das sind nur die Zutaten dieser Performance und sie gehen nicht zwangsläufig mit dem Inhalt des Gezeigten einher. Trotzdem bin ich zunächst skeptisch, was den Auftritt betrifft. Aus dem Publikum ertönen einige ironisch anfeuernde Zurufe. Das ist keine destruktive Geste, sondern die Ironie dient als Möglichkeit einen Standpunkt zu demonstrieren und gleichzeitig zu vermitteln, dass man darauf keinen allgemeinen Wahrheitsanspruch erhebt bzw. das Ausgedruckte nicht absolut mit der eigenen Haltung übereinstimmen muss. Deswegen bekunden die Rufe meiner Meinung nach durchaus Sympathie für das Gezeigte, wahren aber in Form der Ironie eine gewisse Distanz. Und so ähnlich geht es auch mir. Einerseits abgeschreckt durch das viele Pathos, bin ich gleichzeitig beeindruckt vom Kraftakt den die Performerin, die ganz auf sich allein gestellt ist, leistet und auch gerührt von der Verletzlichkeit, welche sich in dieser Geste, je länger die Performance dauert, umso mehr offenbart. Eine Frage stellt sich zum Schluss: Was geschieht mit dem Nebenprodukt der Performance, den Bildern?

Maya Minder
«Say the Names»

«The title of the performance is Say the names. While you choose random slide photographs from a found archive, I will tell you a story according to the picture we see. There are limited seats provided for each performance. Please fill in your name to the according time you wish to attend». Maya Minder fordert die Zuschauer ihrer Performance auf, sich Zeit zu reservieren: 15 Minuten. Eine gewisse Exklusivität des Ereignisses wird uns durch diese Geste vermittelt. Auch die bürokratischen Begleitumstände der Performance, wie die Anmeldeliste an der Tür und die wie in einem Warteraum bereitgestellten Stühle, gehören zu dieser Form der Inszenierung dazu, womit die Künstlerin die ungeteilte Aufmerksamkeit des Besuchers fordert.
Noch ist die Tür geschlossen, ich stehe alleine im Gang und für die kommende Aufführung steht erst mein Name auf der Liste. Zum Warten mag ich mich nicht hinsetzen – ich stehe lieber und schaue mich um. In 2 Minuten wird es einen Wechsel geben. Eine dreiköpfige Gruppe schlendert den Gang entlang und liest die Anweisungen an der Türe. Sie kichern und besprechen, ob sie sich für die Performance einschreiben sollen oder nicht. Ich nicke ihnen von gegenüber zu, lächle zustimmend. Schliesslich setzt sich die Gruppe. Ich tippe auf meinem Handy eine SMS und warte. Die Tür geht auf, drei Personen kommen heraus. Die Performerin weist uns an, noch einen Augenblick zu warten und schliesst die Tür hinter sich. Unsere Gruppe wächst indes weiter an. Schliesslich öffnet sich die Türe. Die Performerin – ihr Gesicht hat sie mit einem schwarzen Seidentuch verschleiert – winkt uns in den Raum. Jemand aus der Gruppe entscheidet sich im letzten Moment anders und geht zurück. Beim Betreten des engen Raumes, die Bekleidung Maya Minders
betrachtend, fühle ich mich sofort an eine Art von Jahrmarktszauber erinnert. Versprochen wurde uns viel – das Lesen aus Bildern. In einem gepflegten, klaren Bühnendeutsch gibt uns die Performerin Anweisungen. Alles ist durchdacht und geplant, ich muss schmunzeln. Wir sollen uns hinsetzen, um einen Tisch herum mit ca. 18 verschiedenen Diaschubern. Aus diesen sollen wir einzelne Aufnahmen ziehen und damit das Diakarussell in der Mitte des Tisches füllen. Ich nehme eines der Dias, frage mich kurz, ob ich es auch richtig ausrichten soll, entscheide mit dann aber dagegen und warte auf weitere Anweisungen. Wie beim Kartenlegen einer Wahrsagerin denke ich für mich. Dann wirft die Performerin das Seidentuch zurück. Mit gespielt andächtiger Stimme beginnt sie uns eine Geschichte zu erzählen zu den Bildern, welche wir ausgewählt haben. Ferienaufnahmen, Blumen, Gebäude, fremde Menschen: Die Geschichte welche uns erzählt wird gibt eine subjektive Leseart wieder, sie ist ebenso wahr wie falsch, denn die von uns gewählten, anonymen Bilder dienen nicht als Referenzsystem zur Überprüfung eines Wahrheitsgehaltes. Kartenlesen gilt als Scharlatanerie. Bilder sagen mehr als tausend Worte, sagt man. Die Performance ist zu Ende, wir gehen wieder und die nächste Vorführung wird vorbereitet.

Erstpublikation aller Texte auf
↗ http://www.act-perform.net/2015/basel