Irene Müller:
Martina-Sofie Wildberger – You’ve got the power!

Irene Müller schreibt im Auftrag vom Kunstbulletin nach der Performance «Speak Up!» von Martina-Sofie Wildberger im November 2017 anlässlich ihrer Ausstellung im sic! Elephanthouse Luzern.

Text und Gesprochenes, körperliche Präsenz und Bewegung sind die Parameter, die Martina-Sofie Wildberger in ihren Performances, Lectures und Ausstellungsprojekten einsetzt. Dem Klanglichen, der Artikulation von Worten und den im Sprechakt konstituierten Bedeutungen sowie der poetischen Qualität von Sprache kommt dabei eine zentrale Rolle zu.

Manchmal fallen im Kunstbetrieb Anlässe zusammen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Erst bei näherer Betrachtung enthüllt dieser vermeintliche Zufall seine Bedeutung, entfaltet eine Wirkungsmacht, die über das unmittelbare künstlerische Geschehen hinausgreift. Die aktuelle Ausstellung von Martina-Sofie Wildberger und der zum Erscheinungsdatum dieses Textes bereits entschiedene US-amerikanische Wahlkampf stellen eine solche Situation dar, in der künstlerische Arbeit und politisches Geschehen eine Engführung erfahren, aus der eine Schärfung von Aufmerksamkeit und (gesellschafts-)politischem Bewusstsein resultiert. Und dies gilt auch für die im Dezember anstehende Bundespräsidentenwahl in Österreich, woraus sich für die Schreibende als Wählerin eine persönliche Relevanz ergibt.

Performing the sentence

Vier Performer/innen, unter ihnen auch Martina-Sofie Wildberger, haben im ansonsten leeren Ausstellungsraum ihre Positionen bezogen. Sie blicken einander an, dann erhebt eine die Stimme, beginnt prononciert zu sprechen, die anderen fallen ein. In rhythmisierter Wechselrede entrollt sich der gedichtähnliche Text in den Raum, der Satz «I want to say something» schwingt zwischen den Personen hin und her. Das Ich wechselt ebenso konsequent seinen Platz wie die gegenseitige sprachliche Adressierung, wodurch sich auch die Syntax des Satzes verschiebt und bspw. in ein «Say! / Say!» oder ein «I want / something» mündet. Zwischen dreissig Sekunden bis hin zu sieben Minuten spielen die Performer/innen einander Wörter wie Bälle zu. Alternierende Rhythmen und Betonungen, echoähnliche Wiederholungen und Mo-dulationen der stimmlichen Intensität verleihen dem Gesprochenen eine temporale, aber auch dezidiert räumliche Präsenz, die jedoch nicht an einen Ort gebunden ist, sondern immer in Bewegung, in Verhandlung bleibt.
Für ‹Speak Up!›, ihre Ausstellung in Luzern, hat Martina-Sofie Wildberger ein Set von Texten und Bewegungsmustern entwickelt, die jeweils in variierenden Abfolgen und Kombinationen performt werden. Strukturelle Stütze bietet eine Art Regelwerk, das ebenso zeitliche Anhaltspunkte wie räumliche Positionierungen umfasst.

«En m’intéressant à la communication, à la compréhension et aux questions de traduction et traductibilité, je tente d’observer les prémisses de la transmission d’un texte, d’un message, de l’élaboration d’un langage personnel, de la dimension politique du fait de parler une langue plutôt qu’une autre.» Martina-Sofie Wildberger

Während dreier Stunden «vermessen» die Performer/innen den Ausstellungsraum, spannen zwischen ihren Körpern und Stimmen, teilweise auch unter Einbezug des Publikums Zwischenräume auf, die immer wieder aufgelöst oder, besser gesagt, aufgegeben werden, um an anderer Stelle anhand eines neuen körperlichen oder sprachlichen Impulses wieder eröffnet zu werden. Während die Performer/innen das Instrumentarium des Stimmlichen in seiner ganzen Bandbreite ausschöpfen, bleiben ihre Körper statisch, kaum eine Geste unterstreicht die Rede, die Mimik ist unverändert freundlich-aufmerksam. Als wären sie «Lautsprecher», aus deren Körpern die Stimmen den Text in den Raum entlassen, in immer neue Bedeutungen katapultieren und zu Klanglichem wenden.
Dass diese Verwandlung, dieses leibliche Erfahrbarwerden von Sprache überhaupt gelingt, verdankt sich aber insbesondere den Texten, in denen Wildberger literarische Stilmittel wie Alliteration, Ähnlichkeit von Laut- und Sprachbild bzw. assoziative Wortketten einsetzt, die in der Performance dann ihre lautliche Wirkung entfalten. Auf inhaltlicher Ebene wiederum bewegen sich die «Sprach-Sequenzen» zwischen den Polen des quasi Abstrakt-Behauptenden und der knappen Schilderung von Situationen und Gegebenheiten, in denen aber auch immer wieder das Medium selbst, Sprechakt und Kommunikation, Autorität und Identität reflektiert werden.

Kaleidoskopische Situationen

Die genuine Bedeutung von Sprache und Text für die Performance muss nicht extra hervorgehoben werden. Wildberger ist sich der Möglichkeiten und Mittel ebenso bewusst wie der in die Anfänge dieses Genres zurückreichenden Traditionen. Was ihre künstlerische Position so erfrischend, zeitgemäss und auch politisch aktuell macht, ist ihr informierter und präziser Umgang mit aktuellen Formen von sprachlicher Artikulation und sozialer Interaktion. So umfasst ‹A Duet Between Projection and Immediacy›, 2016, nicht nur drei kurze Duo-Performances, die in unterschiedlichen Ausstellungsräumen ohne Vorankündigung stattfinden, sondern auch einen Stapel bedruckter T-Shirts, die das Publikum unter der Bedingung, sie auf der Stelle anzuziehen, mitnehmen darf. Während die Performerinnen ihre lautstarken Wortgefechte, unbeirrt von Anzahl und Reaktion der Anwesenden, in jeweils andere Räume und Situationen tragen, verschiebt sich auch das Gefüge im Publikum: Es entstehen zwei distinkte Gruppen, diejenigen mit T-Shirt und diejenigen ohne. Dazugehören aufgrund eines Statement-T-Shirts, dessen Message durchaus Rätsel aufgibt: Solche Mechanismen kennzeichnen Aktivitäten von (Net-)Communities und Flashmobs, wobei der Ein- und Ausschluss der Personen sowie Merkmale der Gruppenzugehörigkeit mit einer selbstbewussten Sichtbarkeit über den Körper oder dessen mediale Avatare verhandelt werden. Es ist insofern nicht vermessen, zu behaupten, dass am Abend der Performance das Haus Konstruktiv, aber auch der ganze Eröffnungsanlass ständigen Wandlung unterworfen waren, die ihren Impuls aus Wildbergers Performance gewonnen und sich dann verselbständigt haben.

Gewandtheit der Sprache, Macht der Worte

Häufig erleben Texte in den Arbeiten von Wildberger eine unmittelbar physische Präsenz. Diese «transitorischen Objekte», zu denen neben den erwähnten T-Shirts auch die Scripts der immer neu variierten Performances ‹Re-›, 2015, zählen, agieren im Wechselspiel zwischen Notation und Mündlichkeit ebenso als Multiplikatoren wie als Trigger eines medialen Transfers. Geschriebenes wendet sich in körperliche Bewegung, der textuelle Raum schreibt sich in den Realraum ein, sprachliche und leibliche (Selbst-)Ermächtigung reiben sich aneinander. Momente und Praktiken des Rhetorischen geraten unvermittelt ins Strudeln: Was ist Slogan, Statement oder Appell? Was ist poetische Form? Inwieweit lassen sich diese Sphären scheiden, und wie wirkt sich diese erlebbare Ambivalenz auf die Konstitution von Bedeutung aus? Diese Gemengelage lotet die Künstlerin aus, indem sie den Text eindringlich als Ort von vielschichtigen Machtkonstellationen befragt, die sich im Sprachlichen und Räumlichen, zwischen Anwesenheit und «Vakuum», Konkretion und Assoziation ereignen.
Ein Nachtrag nachdem die US-Wahlen nun entschieden sind: Der eingangs angesprochene politische Bezug von Wildbergers Performance ist ein mehrfacher, der sich über das aktuelle politische Geschehen hinaus auf eine allgemeingültige zivilgesellschaftliche Ebene übertragen lässt. Auch wenn der Amerika-Aufenthalt der Künstlerin und die dort erlebte propagandistische Sprachkultur konkrete Anregungen für die Textgestaltung der Performance in Luzern geliefert haben, greift die inhaltliche Aussage ihrer Arbeit(en) weiter aus und stösst ein persönliches Bewusstsein an: hinsichtlich der Mechanismen von agitatorischer Meinungsmache, der Prozesse von Gruppenbildung und kultureller Zugehörigkeit und der individuellen Verantwortung gegenüber Sprache und Identität, artikulierter und stillschweigender Macht.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. irene.mueller1@gmx.ch

Erstpublikation des Textes im Kunstbulletin 12/2016, Fokus // Martina-Sofie Wildberger