Huber | Scherrer | Hochuli:
Im Dreieck

Huber | Scherrer | Hochuli schreiben nach ihren gleichzeitigen Performances vom 27.05.2020 in Luzern | Schaffhausen | Ruppoldsried.

Konzept

Performance: Judith Huber, Ursula Scherrer, Gisela Hochuli
Zeit: Mittwoch 27. Mai 2020, 18h
Dauer: so lange wie es geht
Orte: Judith Huber im Atelier / (ort) in Emmenbrücke, Luzern; Ursula Scherrer in ihrem Haus in Schaffhausen; Gisela Hochuli auf dem Baum in Ruppoldsried, Bern
Abmachung: diejenige, die ihre Performance beendet hat, schreibt den anderen eine SMS schreibt. Wenn alle fertig sind treffen sich alle zu einem Videochat.
Dokumentation: Jede schreibt selber einen Text zu ihrer Performance und wählt 1-2 Bilder aus. Die Dokumente werden zusammengeführt und veröffentlicht auf www.diezukunftkuratieren.ch

Judith Huber

Es fing mit einem Mail von Andreas Weber an, kurz danach folgte eine Mail von Peter Fischer. Sie haben zusammen die Webseite  www.diezukunftkuratieren.ch gegründet. Anlass war die Corona-Situation, die sie nachdenklich machte. Ich habe mir die Webseite angesehen und wusste zuerst nicht recht was ich jetzt machen soll. Ich habe dann Ursula Scherrers Beitrag gelesen und fühlte mich angesprochen. Mir gefiel die Idee des unspektakulären, des Suchens, des offen lassens.

Ich kannte sie nicht und freute mich, sie auf diese Art kennen zu lernen.
Ich nahm mit ihr Kontakt auf, wir haben länger telefoniert und entschieden am Mittwoch 27. Mai um 18h eine Performance zu machen, jede an ihrem Ort, der Ort , der für sie am Dringlichsten war. Wir entschieden uns, noch Gisela Hochuli anzufragen. Ich wusste, dass, wenn sie Zeit hat, sie sicher interessiert ist. Sie hatte Zeit.
Die Abmachung war, nicht explizit Publikum einzuladen.

Mich interessierte sehr was dann passiert, da ich bis anhin die Meinung vertrat, eine Performance wird zu einer Performance wenn sie Publikum hat. Ich vermute, sie wird auch zur Performance wenn sie nach der eigentlichen Performance, Publik wird, d.h. Publikum bekommt aus der Erzählung.

Ich fing an mich zu beobachteten. Ich war erstaunt: Am Mittwochmorgen, auch schon die Tage davor, spürte ich eine Art Nervosität, eine Anspannung positiver Art, die ich auch sonst kenne vor einer angesagten Performance. Es gährt etwas in mir, es braut sich etwas zusammen. Ich gab mir das Konzept, am Mittwochmorgen noch nicht genau zu wissen was ich am Abend machen werde. Ich machte die Videokamera bereit und das Zoomgerät für eine Audioaufnahme. Ich «spürte» dass mich mein Gefühl in eine Klangperformancerichtung führte.

Ich besprach mit Christoph ob er filmen sollte oder fotografieren, aber ich merkte, dass ich es eben genau interessant finde kein Publikum zu haben und zu beobachten was passiert. Christoph stellte mir dann die Kamera ein und kam nur einmal ein für eine Kontrolle. Sonst war ich alleine im Raum.

Ich habe den (ort) als Ort gewählt für die Performance, da ich während dem Lockdown vor allem zu Hause gearbeitet habe. Ich war kaum im Atelier. Die Performance am Mittwochabend 27. Mai, war für mich eine Art Rückeroberung des (ort)es, wie ein Start für «Danach», eine Rückeroberung des Performanceraumes, innerlich wie äusserlich.

Judith Huber, im Juni 2020

27. Mai 2020 18h
Ich stehe da und höre dem Raum zu – Motorengeräusch draussen– der Kühlschrank – der Raum selber – meine Gedanken gehen zu Gisela und Ursula – die auch jetzt grad eine Performance beginnen – an ihrem dringlichen Ort – Ursula in Schaffhausen – Gisela in Ruppoldsried – ich in Emmenbrücke – ich nehme zwei Blatt Papier und schreibe «Gisela» auf das eine – «Ursula» auf das andere Papier – ich klebe die beiden Blätter an die Wand – ich stelle mich zwischen die beiden Blätter – ich betrachte das eine – dann das andere Blatt – meine Gedanken sind bei ihnen – wir sind zu dritt.
Ich nehme einen hellgrünen Metallstuhl – stelle ihn auf den Boden – schiebe ihn auf dem Boden – das Geräusch – wie . . . – könnte auch etwas von einem Schlagzeug sein – ist aber Boden – Stuhl – Raum – Geräusch – Klang – ich lasse mich führen vom Klang – vom Stuhl – was er will – klingen – tönen – sich schleppen lassen – auch an der Wand entlang – wie zeichnen – tasten – der Ton – der Klang – der Raum ist voll – Hall – laut und leise – ich stelle den Stuhl weg.
Ich summe.
Ein Suppenlöffel – er schwingt in meiner Hand – berührt sanft den Boden – tac – tac – tac – der Stiel wie ein Zeiger drehen – ein neues Geräusch – ein Schleifen – wackeln lassen bis er nicht mehr wackelt – ich höre nichts mehr.
Ein kleiner Suppenlöffel – tönt feiner – subtiler – das wackeln ist kürzer – er bleibt still liegen.
Ich nehme die Spaghettikelle – lasse sie durch die Luft schwingen – es tönt – schschsch – schschsch – schschsch – mein Körper gibt Kraft in die Bewegung – ich spüre die Luft – den Wiederstand – ich gehe an die Wand mit der Kelle – das Geräusch rieselt den Rücken herunter – es fröstelt mich – ich schleife der Struktur der Wand entlang – ich höre die Struktur – die Kelle fällt mir aus der Hand – landet am Boden – wackelt hin und her – ich schaue ihr zu bis sie sich nicht mehr bewegt.
Ich nehme den Schwingbesen – knete ihn in der Hand – lasse ihn auf den Boden hüpfen – dong – dong – dong – es grooooved – das mache ich lange – dong – dong – dong – ein wippen – so leicht.
Die Kunststoff-Schöpfkelle – ein dumpfer Ton – ganz anders – wie ein Pingpongball – spickt mir aus der Hand – sie liegt da – ich schaue sie an. Ich nehme die Schaumkelle – betrachte sie – sie wird zur Maske – ich werde nachdenklich – ich lege sie auf den Boden.

Dauer: ca 25 Minuten

Ursula Scherrer

Judith nimmt Kontakt mit mir auf. Wir telefonieren.
Wir sprechen über die Idee einer Form von Performance in Corona Zeiten.
Sie sagt, sie hätte am Mittwoch Zeit. Ich bin frei. Es ist Sonntag.
Und, dass sie Gisela einladen würde.
Drei Frauen, eine gute Zahl.
Welcher Raum war gleich klar für mich. Die Form noch nicht.
Was geschehen wird, wusste ich erst am Mittwoch selbst.
Ich war aufgeregt und freute mich etwas im Geheimen zu machen. Niemand wusste davon, nur Judith und Gisela.

Ursula Scherrer, Juni 2020

2 x 2 Meter

Beginn
18 Uhr
27. Mai 2020
3 Frauen auf Distanz
Emmenbrücke
Ruppoldsried
Schaffhausen
gleichzeitig
miteinander
weit entfernt

die Idee kam
was geschehen wird
elterliches Haus
früheres Wohnzimmer
nun ist es bewohnt
auf dem Boden ist eine 2 x 2 Meter grosse Fläche augelegt
mit Klappmetern markiert
Fuss vor Fuss
einmal herum
Dauer
2.5 Stunden
niemand weiss davon
ich denke an J und G
alle zusammen
gleich jetzt
eine Momentaufnahme
1 Stunde für die ersten 2 Meter
Kirchenglocken
es passiert etwas
das Unsichtbare verbindet
Ferse vor Zehen
dann
eine halbe Stunde für 2 Meter
in meinem früheren Leben mass man mit Füssen
Zeit
sie kam rasant
die Krise
Lupen
zeitlich verschoben
Tempo
manche Väter sind Architekten
Massstäbe
Ferse vor Zehen im Quadrat
die Schatten werden länger
das Verschwinden in der Dunkelheit
unaufhaltbar
zu Hause
abgewetzte Teppiche von Grossmüttern
das Verlangsamen
das, was man im Elternhaus vorfindet
überstürzt
massloses
wiederentdecken
das Drama der Bewegung in der Ruhe des kaum Beweglichen
auch nicht inne halten
das Brechen dessen was passiert ist
unwiderruflich
das Grün vor den Fenstern
vorüberziehend
auch das
Ungetüme der Wahrscheinlichkeit
Rolltreppen

Gisela Hochuli

Gestrig (1h 30min.)
eine Performance von Gisela Hochuli

Judith Huber rief mich an und fragte mich, ob ich zeitgleich wie sie in Emmenbrücke und Ursula Scherrer in Schaffhausen am 27. Mai 2020 um 18h bei mir in Ruppoldsried performen würde. Ich sagte zu und wusste gleich, dass ich die Performance bei den abgestorbenen Bäumen machen würde.

Ich performte frei aus dem Moment heraus und liess mich von allem was da war leiten. Dies waren meine innere Stimme, mein Körper, die abgestorbenen Bäume mit den vielen Ästen, die ausgediente Kofferraum-Abdeckung, der veraltete Computer, der Lärm der Nachbars-Baustelle, die Stimmung, der Wind, der unebene Boden, das Gras, die Weite.
Es gab drei Zuschauende: Maribél Jakober fotografierte, Bruno Jakober filmte und Bianca Franchetti Jacober schrieb.

Gisela Hochuli, Juni 2020

Text von
Bianca Franchetti Jacober

Hineinkriechen in den Baumstrunk,
Zaghaft oder doch eher unerschrocken? Es schwindelt mir in der Nichthöhe. Meine Hände suchen den festen Stand, Balance meldet sich unerbittlich, obwohl ich doch die körperlose Freiheit suchte. Dabei wollte ich doch nur die Grenze ausloten, am Ast rütteln, bis der Schwindel in die Harmonie des Körpers gelangt, Spannung aufbauen in der Unbeweglichkeit, die Finger, sie entziehen sich meinem Diktat, bewegen sich selbstbestimmt, nehmen sich ihre Unabhängigkeit. Auch ich will ungebunden sein, und rüttle und schüttle wie die Goldmarie am Baum, verändere die Position, die Beine bleiben standhaft, und ich tauche in die Niederungen der tiefsten Ebene, der Boden trägt, die Wurzeln darunter verheissen Resistenz, und ich erhasche einen Schimmer davon in meine Seele. Und ich versuche den Stamm wegzudrücken, er lässt sich nicht beiseiteschieben, keinen Millimeter, und ich schiebe das Unerbittliche fort, auf, hinaus und stürze in den Mahlstrom des Aufbruchs. Mein Körper bildet eine Dreieinigkeit, Kopf und Fuss am Boden und die Hände weggesperrt, sie segnen den Baum und lassen seine Jahresringe wachsen. Baummeditation, nichthandelnde Position. Dann der Rückschritt um hinzuschauen, die Gebetshaltung einnehmend, Ortung meiner inneren Kraft, Zellulose gestärkt und sehend. Die flammenden Haare schenken Pause im endlosen Suchen, ich streiche die Locken zurück und die Sonne nimmt die Farbtherapie auf. Das Gesicht eine Feuersäule ohne Rauch und ohne Hitze. In sicherer, gebückter Haltung nähere ich mich dem Horizont. Die Sichtgrenze erweitert sich zum ewigen Silberstreifen. Ein Kraftakt. Die gewaltige Anstrengung zeigt sich im Fuss, er tastet in die Leere und erstaunt tritt er auf die Festigkeit der Materie. Will ich das überhaupt? Egal, ich spiele im Kopf weiter und bewege mich auf dem dicken Seil, Schritte hintereinander wie aneinandergereihte Nähstiche. Der Grat ist schmal, meine Knie kommen endlich zum Einsatz, die Äste brechen lautlos aber schmerzvoll und diese Überlegenheit gibt mir neuen Elan. Schick und gefällig sitze ich in der gefühlten Baumkrone und breche aus in die lebenssprühende Unsicherheit, weitertasten mit Kopf nach unten, den Abgrund erspähend. Rückzug in die Behütheit mit beiden Händen, ruhend und nicht untätig, die Haarsträhne liebevoll aus dem Gesicht gewischt. Embryohaltung, Hineinkuscheln ins allumfassende Luftbett. Posierliche Pause, dem Leben zugewandt, reglos, fast schüchtern, Spiegelung einer unleserlichen Mimik. Veränderung will ich, auch ohne Wind. Abkehr vom Losen, Zuwendung zum Festhalten, Gebrochener Ast in meiner Hand. Rückzug, Liegebett auf dem knorrenden Ast, mahnendes Echo vor dem zweiten Sündenfall. Ich verändere die Balance, nach aussen bedrohlich, nach innen bestimmt. Rückenansicht, nicht kniggekonform, gesichtslose Kontur, neuer Perspektive erhaschend. Ich schaukle das vergessene Kind, zart und fest, die Mutter wehrt sich und das Machtspiel im Baum zeigt die ungleiche Kraft. Ich werde an den Rand gedrückt, stürze auf die Seite, krieche umher im Kreis und lass mich auf den Rücken fallen. Es ist unbequem und kein Gästebett, der Kopf hängt hinunter und die Arme baumeln wie beim bevorstehenden Boxkampf. Die Arme greifen zum höher gelegenen Ast, der Haltegriff am Krankenbett. Beide Arme recken sich dem Ast entgegen, ein Arm will loslassen und die Finger spielen lassen, der andere klammert auf Leben und Tod. Mal rechts, mal links, die Hirnhälften verweigern sich der Taktik, Abwechslung ist das Zauberwort. Das Kopfspiel ermüdet, hüpfend wird der endlose Rückzug zelebriert, hüpfend, verneigend, erbarmungsloses Wegkommen. Ich stehe aufrecht, das Rückgrad gerichtet am hölzernen Pfeiler.

Materie
Sperrig, schwarz, leicht
Dem Zweck entfremdet
Leichte Kopfbedachung
Fällt schwer
Flucht in die Bauminstallation
Mensch kämpft gegen Plastik
Der Baum schenkt
Friedensstiftenden Rahmen
Das Rumpelstilzchen tanzt um das Feuer
Mal Tier, mal Kobold
Immer die nutzlose Trophäe
In ruhelosen Händen
Sturz beendet diese Raserei
Rolle auf dem Boden
Gestreckte Beine gegen Himmel
Das zweckentfremdete Nichts
Schleicht sich ins Bild
Wird hinaufgeworfen in das Stammhaus
Und bleibt wider Erwarten
In den Ästen hängen
Bereits beim ersten Mal
Seilakt, Balance finden
Empfangen mit offenen Händen
Hoch oben der darunter liegende Schein
Kuhherdizide
Drehen um Balance zu üben
Konzentriert, schnell zum Begierdenrätsel
Hoch hinaus, Ausschau haltend
Leerer Blick, alles sehend
Schild vor meinen Augen
Emporgehoben mit ausgestrecktem Arm
Verlängert den Körper in der Vertikalen
Hinauswachsen
Über sich und seine göttliche Wenigkeit hinaus
Gegen Himmel
Schutzlos und sichtbar
Planarer Umbruch in die Waagrechte
Sichtschutz, Sicht versperrend
Wohltuend
Langes Verharren
Bis zum wütenden Abwurf
In die Äste
Sitzen auf dem Baumstamm
Wie bei einem Picknick
Ohne Essen
Schaukeln im Ursprung

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