Heike Fiedler:
PANCH – Nairs in Movimaint

Heike Fiedler schreibt während und nach PANCH – Nairs in Movimaint, wo PANCH vom 26.11. – 02.12.2017 arbeitend und performend als P.A.I.R. im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS weilte.

Eine Text-Dokumentation

«Normal»: Im Vorfeld des öffentlichen Performance-Tages aufgenommene Sätze aller beteiligten Performer_innen
Normal: Texte zu den einzelnen Aktionen, die am öffentlichen Performance-Tag stattfanden.
Kursiv: Von mir während unseres Aufenthaltes in Nairs aufgefangene Kommentare, Bemerkungen.
Anordnung: Die Texte sind nicht chronologisch zusammengestellt, sondern durcheinander, vor dem Hintergrund des letzten Romantitels von Friedrich Dürrenmatt, den er in der nahen Umgebung schrieb: Durcheinandertal

«Ich sage dir was : Panch ist ün portavusch» (Angela)

Angela Hausheer. mi hän versucht, zwi Blöckli z’mache, mit drü Langzitperformances – Sequenz inne, Sequenz drusse, von drusse nach inne. Mi müsse fexibel si und wegge geschte abend: NAIRS ohne Küche isch nit nice. Ich verstehe nice, doch Angela sagte NAIRS. Wie immer dem sei: mit Angelas Idee der kollaborativen Kochrecherche, die sie gemeinsam mit Leo Bachmann, Judith Huber, Pascale Grau, Milenko Lazic, Irene Maag und Mirzlekid realisiert, wird aus Küchenarbeit eine Performance. Performance-Mutter, sage ich zu dir. Organisation, Ernährung, Erfahrung. Mit PANCH in Nairs vergrössern Ort und Kollektiv ihren quantitativen und qualitativen Anteil an der Performance – Geschichte Schweiz: wir sind hier, 15 KünstlerInnen am Inn.

In der Gruppenperformance am letzten Abend transformiert sich Angela in ein performatives Sprachrohr, mit Megaphon in der Hand. Ihre Bewegungen im Raum, stehend und liegend, sind verbindend. Die Verbindung von uns mit Energie, mit Ort, mit Publikum, mit dem Inn, mit den Quellen, mit dem Zentrum für Gegenwartskunst.

«Der Knall, sagst du, kommt von der Lenkung. Erst der Knall, dann der Fall, fügt Beat lachend hinzu.»

11h15 EG: Nairs wake up, Lara Stanic

Stock, Seil, Schnur, zischender Laut in der Luft, die Peitsche geschwungen, die Bewegung kreisend nach oben, eins – rechts – zwei – links – drei – rechts – vier – links, die Peitsche über den Kopf, im Schwung der Knall auf den Boden – Lara auf der Strasse, Schnee, die Kälte. Nach einiger Zeit dringt das Echo der Geräusche aus dem Haus, die Verbindung von draussen nach drinnen, wir gehen hinein in die geräumige Eingangshalle. Wieder Stock mit Seil und Schnur, daran ein Kabel, das bis in die Manteltasche reicht und das Kontaktmikrofon. Beide Hände umgreifen den Stab, mal senkrecht, mal waagerecht vom Körper weg. So wird der Raum abgetastet, von oben nach unten, gegen die Mauern, die Fenster, unter das Deckengewölbe, von unten nach oben durch die Luft geschwungen, von hinten nach vorne, Frequenzen. Elektronik und Musik. Töne reagieren auf Bewegungen, erzeugen die Laute, die aus den Lautsprechern dringen, sie füllen den Raum. In der Nische der Computer mit dem Computerprogramm. Invisible Connection.

«Etwas sagen, zu hier? Es ist ganz friedlich, aber mit sooo vielen Künstlern zusammen, das sind doch viele Ideen und Inputs, ja, und der Kopf arbeitet intensiv, weil er… man wird geweckt.» (Lara)

16h20 EG/OG : Nairs ausläuten, Lara Stanic

Auch später wieder die Bewegung von drusse nach inne, diesmal mit Tönen von Kirchenglocken, aus dem kleinen Lautsprecher heraus, der am Kabel hängt. Es wird von Lara geschwungen, dann gewirbelt über den Kopf, hinauf in die erste Etage, dort weiter, ein physischer Akt. Die Verbindung von Laras Körper und dem Körper des Raums, über Lautsprecher und das Kabel. Eine Verbindung, die die Laute der Glocken beeinflusst, sie verstärkt, Rückkopplung, Überschall, die Töne werden zu einer einzigen Lautmasse, aus der heraus man vereinzelt noch distinkte Noten vernimmt. Dann die Verlangsamung, der Ausklang. Ich denke an die Glocken, die ich knapp eine Woche vorher in den Strassen von Trivandrum hörte, als ich an einem der vielen Tempel vorbeilief.

Wir sinn immer noch am Aafang und nei, so musses nüt sei.

«Also, von Mandeln kriech ich Halsweh» (Manuela)

11h30 + 14h05 EG Ruheraum: Loop – Dauer 1 Stunde, Einlass alle 10 Minuten für 4 Personen, Manuela Imperatori

Ruheraum. Es braucht je vier Personen, die alle zehn Minuten in den Performanceraum kommen, zwei Tische stehen im Raum. An jedem Tisch zwei LeserInnnen, pro Tisch ein Text, geschrieben von Manuela, entstanden in den ersten Tagen des Aufenthaltes in Nairs, auf 30 Blättern in grossen Lettern gedruckt. Manuela die Textblätter/Blättertext-Konzeptualisiererin. Sie ist im Raum mit ihren 3 freiwilligen Blätterinnen, je zwei performen pro Tisch. Im rotierenden Wechsel wird der Text für das lesende Publikum geblättert, zwei hier, eine dort, zwei dort, eine hier, die Lesenden lesen weiter, die Blätternden blättern weiter, zwei Mal eine Stunde lang, an zwei verschiedenen Momenten. Doch jeweils Blatt für Blatt, im Tempo des Lesens gewendet, im Tempo der Worte, im Tempo der Zeit, die vergeht. Man hört nur die Blättergeräusche und die sich bewegenden Stühle, wenn sich der Platzwechsel der Blätterinnen vollzieht. Die Lesenden wechseln, der Text bleibt derselbe, die Seiten wechseln, von den Fingern ergriffen. Diese heben Seite um Seite, stets wartend, die Hand der Blätternden rechts übernimmt das Blatt von der Blätternden links, legt es auf die rechte Seite, nimmt das nächste, aufgeblätterte Blatt entgegen, die Blätterin links steht auf, geht zum anderen Tisch, führt die Blätterbewegung weiter, zu zweit nun auch hier, von links nach rechts, die Lesenden lesen im Rhythmus der wechselnden Seiten, geblättert im Rhythmus des Lesens. Looping. Und manchmal wie ein contrepoint, eine leise Störung im System, oder rinks oder lechts, ums mit Ernst Jandl zu sagen. Und die Lesenden lesen ungestört weiter.

«… und ein Bein gefroren» (Pascal)

11h00 – 18h00 EG Telefonzelle: punct, Pascal Lampert

Der rote Punkt. punct. Drinnen. Als Videoinstallation im Innenraum

11h00 Brücke: punct

Jetzt im Raum der Natur, von indoor zu outdoor. Die Brücke mit Blick auf die neue Strasse: punct. Unsere Blicke hinauf zur geschwungenen Strassenkonstruktion. Beton in der Landschaft, grau vor weiss, denn ringsherum der Schnee. Wir schauen wartend, von der Strasse nach oben nach unten hinab, in den eisigen Fluss, zurück nach oben, zum Strassengeländer. Die Spannung wächst. Da sagst du mir: «Da hängt der Punkt!» Hängt und schwebt in der Luft. Rot vor grau, der Himmel blau. Langsam schwebt er von rechts nach links im Freien, hängt an einem roten Seil, das von Pascal am Geländer abwärts in Richtung Kurve geführt wird. Entgegen der Richtung meines schreibenden Stifts von links nach rechts. Dann treffen wir uns in der Mitte. Der Punkt in der Ferne hängt parallel zum Wort auf dem Blatt. Schneepulver fällt glitzernd an den roten, parallelen Seilsträngen herab. Dahinter der Wald aus Fichten und Lärchen, die stehen in der guten Luft der Berge. Dort der rote Punkt.

Und später der punct an der alten Strasse. Von oben dicht an der Mauer herab. Rot, die Mauer grau, darauf dünner Schneebelag, weiss. Alles zu Anfang bewegungslos, dann beginnt der Punkt zu pendeln, mit einem immer grösser werdenden Radius, hinauf bis zum Mauerrand links und rechts. Und langsam ausgependelt, langsam bis zum Stopp-

Wie ein Echo, Angelas rote Mütze. Ariane isst eine Banane. So ist es wirklich, nicht etwa wegen dem Reim.

Wir gehen zur Brücke zurück. 12h30, der Fluss. Diesmal darin der Punkt. Rot. Am Seil. Rot. Das Eis im Wasser, die Temperatur weit unter Null. Der rote Punkt: rund. Wie die Null oder das O der Police Futura. Punkt, point, pont. Wir auf der Brücke, the bridge. Die Worte als Echo auf mein Gedicht (in : Sie will mehr, ed. spoken script). Das Seil in der Luft, der rote Punkt im Dunklen, im vor Kälte grauschwarzen Wasser. Dort die vereisten Felsen. Die Seile trotzen dem Gefrierpunkt, als wärmte das Rot seine nahe Umgebung. Währenddessen die Latten auf Judiths Schultern : Zweimal Fichte, zweiter Akt. Sie läuft an mir vorbei in Richtung Büvetta. Auf der anderen Seite der Brücke und weiter unten am Fluss beginnen schon die nächsten Aktionen.

Also jetzt laufen wir mal so quasi. Desch is a guete Idee.

«Also was brauchst du für ein Wort? Reicht das schon? Ich bin voll am Arbeiten.» (Beat)

13h45 UG: Ur, Beat Unternährer

Der Höhlenforscher, Grottenbewohner, das Grotteninsekt oder E.T., der Ausserirdische, hier gelandet, um Kontakt zu den Erdbewohnern herzustellen. Langsam geht Beat die Steinstufen im alten Gemäuer herab, die Augen wie rote Sensorstreifen, Klammern an den Augenbrauen und lange, feine Fühler aus Metall in der Hand, hier tastend an der Scheibe entlang, der Trennwand zwischen Beat und dem Publikum. Ein Mikrofon überträgt uns die Laute, die Töne, the mic, the sound, sensibles Quietschen, die Hände auf die Scheibe aufgelegt, mit Atem angehaucht, suchendes Klopfen. Hinter der Scheibe das Sound-Instrumentarium, sichtbar nur für die Ohren, Bestandteil des Raumschiffs vielleicht. Oder Beat als Raumsonde, wie: die Performance Art sondieren oder die Geschichte von Nairs, den Ort mit seinen jetzigen Bewohnern aus PANCH. Die Bewegungen in Zeitlupe, als seien sie der Schwerkraft entbunden, it’s so funny to see, das Schmunzeln von hier nach da als verbindende Wellenlänge.

Das hört ja nicht mehr auf.

«irgend öppis un so än glünggi» (Marion)

11h00 – 18h00 UG, EG, OG: directions # 1-4, Marion Ritzmann

Marion klebt ihre Sticker, eine der drei Langzeitperformances. Ihre Verdichtung vor Ort im Laufe des Tages, auf Treppen, den Wänden, auf dem Boden. Und irgendwann auch auf dem Stuhl. Auf einem der Stühle der blätternden Performerinnen. Die kleinen Aufkleber wie Miniaturen von Orientierungstafeln, angelegt in geometrischen Mustern und Variationen der Linien, gestrichelt, fein-, fettgedruckt, dezent die Pfeile: hier entlang, immer auf die Fläche der kleinen Quadrate bezogen, in ihrer Vielzahl letztendlich auf den Ort. Sie orientieren den Blick, die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen, insbesondere wenn unsere Blicke Marion erhaschen, die ihre Aufkleber nicht unbemerkt im Künstlerhaus Nairs installiert.

Die Zitangabe, duration, actiona durata.

«Es sind diese Eisblumen – und das Wasser, das beschäftigt – und die Himmelsausschnitte, die Gruppendynamik.» (Judith)

11h45 EG: Zweimal Fichte, Akt I, Judith Huber

Stuhl, Stuhl, Latten, Fenster. Stuhl, Stuhl, Fenster, Latten. Ariane isst eine Banane, wir warten. Der Ort: die Eingangshalle im Erdgeschoss. Judith in schwarz, weiss der Raum. Er scheint noch wie gefüllt von den vorhergegangenen Lauten, die jetzt im Inneren verklingen, im Inneren der Halle, von uns. Judith steht vor den Stühlen unter dem Fenster, auf den Lehnen die Latten. Der Rücken dem Publikum zugedreht. Sie legt die erste lange Holzlatte auf die Schulter, ich sehe all die Meter konkret: 4 Meter Länge pro Stück, 4×6 cm breit und tief. Alles Weitere ist ein Akt der Balance. Die zweite Latte kommt auf die andere Schulter. Langsamkeit, gemessen die Schritte, im Raum herrscht absolute Stille, durchbrochen vom «klackklick» der digitalen Spiegelreflexkamera. Selbst das Geräusch des schreibenden Stiftes erscheint mir zu laut. Schreitend wird mit maximaler Konzentration der Raum per Latten ausgelotet, mal formen sie wippende Parallelen, mal ein ruhiges X vor dem Hals. Die Arme in Schulterhöhe leicht nach oben angewinkelt. Folgt der Körper den Lattenbewegungen oder folgen die Latten den Armbewegungen? Langsame Bedachtsamkeit, die Zeit, duration, x Minuten. Das sich langsame Wenden, das Bewusstsein für die Körper im Raum. White and black. Dann geht Judith langsam zum Fenster zurück, legt behutsam die beiden Latten auf die Lehnen, es folgt der Applaus in die Stille hinein. Nun bewegt sich auch wieder der Stift, ohne an seine Laute zu denken.

I am ready, noch schnell einen warmen Tee in der Küche. Dort das Raspeln das Raspeln das Raspeln das Raspeln rrrasssspeln rrrasssspeln.

«Der Bär ist hier… der Bär ist hier! Der BÄR ist hier, DER BÄR ist hier, DER BÄR IST HIER, der Bär ist hier, HIER ist der Bär.» (Dorothea)

15h40 Tennisplatz: Bär + Mineral Animation, Dorothea Rust, Leo Bachmann

Aus der Weite die Töne, wir laufen der Tuba entgegen und treffen im Schneeterrain auf Leo und Dorothea, sie in Skibekleidung, den Stoffbären im Arm. Hier findet die Bärenbewegung-Begegnung statt. An einem langen, dünnen Ast viele Papierbögen aneinandergeklebt: es ist das Manifest. «Du musst den Ast richtig halten, damit ich besser lesen kann» sagt Dorothea, doch geht es nicht um Rotkäppchen und den bösen Wolf. Nein, die Bären haben sich hier herumgetrieben, haben es zu «bunt getrieben». Enumeration : M2 JJ M13 2012 ein Risikobär M 25 2015 Münstertal. Eine Eselin gerissen, ein Schaf. Dorothea, den Text lesend und die Bitte an die Anwesenden, die Beine zu bewegen: die Flussränder sind gefroren, wir stehen im Schnee. Dann weiter. Es war im Juni, es war 1932, da war ein Jäger, es war hier, es war dort und es war im Engadin. Bitte die Beine bewegen. Es ist ein Durcheinander : 2017, MJ4 JJ, Leo war 2007 hier. Jetzt hören wir die Tuba, der Bär hört keine Glöckli. Doch er hört gut und hät klini Äugli. Der Bär, wo kommt er her, der Bär, im Chor gesungen. Der Bär im Schnee, die Tuba, der Wimpel aus weissem Papier. Und mit dem Löffel schaufeln nun alle den Schnee. Dorothea hält den Bären in den Armen, mal stehend, mal liegend sich fortbewegend. Alle noch schaufelnd, bis auf den Grund, oder aus eben diesem Grund: der Bär ist hier und irgendwo verschneit der Tennisplatz. Dann zur Brücke zurück, dort die Bärenspur im Schnee und hin zum Hotel in Renovation, in dem die Gastarbeiter wohnen, ihre verwunderten Blicke. Vielleicht wegen dem Bären in Dorotheas Arm, während auf dem Bildschirm im Inneren die Baseballspielübertragung flackert, rien à cirer, comme on dit en français: t’as vu l’ours ou pas, il a passé par là, c’est sûr.

Oder vielleicht nehme ich Seidenpapier, sagt Irene, dort knistern ihre Seiten im Raum. Seiden, so sei es sei denn, oder Papier, denke ich, dann den Stift über meine Bögen aus Plastik und Pergament führend, Dimension A4. Vor Ort zurechtgeschnitten, aus meinen Papierrollen, wie eine Schneiderin.

12h10 OG: Nairs Glieder, Dorothea Rust, Lara Stanic, Leo Bachmann

2 Paar Schuhe, schwarz, braune Stöckli. Leo mit Tuba, Dorothea: barfuss – fertig – los. Ringsherum das Publikum. Schritte rückwärts, stopp, quer durch den Raum, eine Gerade laufen, zur Fensterfront hin, nach rechts, bis zur Tür: Knall. Die Tuba, getragen, noch kein Laut, nur die Füsse auf dem Parkett, die Ferse, die Zehen, Stepp bis zum Stillstand. Jetzt wird der Körper bewegt, geschüttelt, Tanz der Tarantelle. Gesteppt stepp stepp, der Sound, die Steppschuhe angezogen, die Tuba geblasen, mal laut, mal leise und Lara manipuliert ihren Sound per Handyapplications. Technik und Geometrie der performenden Körper und der Raum, der zum Lautkörper wird. Von Dorothea und Leo durchlaufen, mit parallelen Schritten oder nicht, und immer wieder der schüttelnde Tanz, mit den Händen hin gegen die Wand geknallt, der Fuss schabt über den Boden, dann der Spagat bis zum Pfeiler und so weiter: die Tuba, der Raum.

Wärmende Suppe. wärmender Tee, während draussen Eis und Schnee.

«kurz» (Irene)

13h35 UG; 14h50 EG und unterwegs: Tier B., Irene Maag

Die Verwandlung des performenden Körpers, hervorgerufen durch eine Jeans, hier über den Kopf gestülpt, in den Hosenbeinen stecken die Arme. Upside down. Umgedrehte Logik ruft Entfremdung hervor oder Verfremdung. Oder das Tier? Oder ein Insekt oder fliegen oder liegen oder kriechen oder Rüssel oder Fühler oder Antennen oder Flügel oder Amphibie oder Faultier oder Siebenschläfer oder aufrecht oder Vierfüssler oder sonstiges oder Säugetier oder Sensor or. For sure, transformation.

18h00 UG: Eisbarrenverkauf zugunsten Fundaziun NAIRS, Irene Maag

Auch hier Transformation: der Materie, wenn Irene an den vorhergehenden Tagen ihr Mini-Laboratorium errichtet, draussen in der Kälte vor der Küche, der Kälte am Tag und in der Nacht, wenn das Wasser in den vier Behältern gefriert. Wasser des Inn mit Lärchennadeln: 27.11., Wasser aus dem Inn, nada mas: 28.11., Lucius-Emerita-Bonifacius, gewonnen aus dem Abfluss der Büvetta: 29.11. und an selbigem Tag auch Wasser aus Sfondraz.

Wenn man hier hockt, hört man das Blättere und i luf in diese zit übbere.

«Funtana Lischana Funtana Sfondraz Funtana Vi, Funtana Luzius» (Leo)

12h30 Brücke: Funtana, Angela Hausheer, Beat Unternährer, Dorothea Rust, Leo Bachmann

Dorothea und Beat – Leo und Angela im vis-à-vis, dazwischen der Fluss. Darüber die Rufe, die Namen der Quellen, Bonifazius, Vi, Carola, Rablönsch, Sotsass, Suolper, Chalzina, Clozza, Lischana, Luzius, Sfondraz und so weiter, wie sprudelnde Namen, Quellen wie Wellen, Wellenlängen von hier nach da, hinüber über den Fluss, von einem Ufer zum anderen. Wir auf der Brücke hören die Worte, die Laute, Stimme solo oder per Megaphon, laut gerufen oder geschrien, dort über die verwendeten Instrumente vermittelt, in die die Worte gesprochen werden. Verlautete Worte, lauter laute Worte, Laute wie Sprudelworte.

Dann wärsch sicher ifacher. Desch is alles nur rudimentär. Und der rote Punkt von Pascal, der Vorplatz. Punkt. Un im aaschluss daran isch das Gurgelstück, danach das Blättere.

11h25, 13h10, 16h50 EG: Gurgelstück 1,2,3, Irene Maag in Kollaboration mit Angela Hausheer, Ariane Tanner, Heike Fiedler, Judith Huber, Lara Stanic, Manuela Imperatori, Mirzlekid, Pascale Grau – in Anlehnung an das Schild «Gurgelräume» in der Büvetta.

Gemeinsames Gurgeln, die Hälse gestreckt, die Köpfe nach oben, je ein Glas Wasser als Maß, das Wasser in seiner Omnipräsenz, hier aus dem Inn. (Der Inn war als Kind mein Lieblingsfluss, wegen seiner Kurzfom im Spiel Stadt Land Fluss. Dass er aus der Schweiz geflossen kommt, wird mir erst hier so richtig bewusst.) Das Gurgelstück als Lautperformance, Gurgelimprovisation. Wir gurgeln an drei Momenten, bis uns das Wasser im Halse steckenbleibt… oder vielmehr: bis das Wasser in den Magen wandert. Die Idee von Kunst als Heilung. Oder als Therapie. Wir sind immerhin in Nairs smiley.

Von drinne nach drusse, wir machen Blöcke, doch des isch echt i Problem mit den Mäntelen von den Besuchern.

«Das Schlafen hier ist schwierig. Der Fluss reisst und reisst und zerrt.» (Pascale)

13h15 UG: Was erinnert, Pascale Grau

Hinunter ins Untergeschoss, in den Raum der Erinnerungen an damals, gesungen, gesprochen, mit an die Wand projizierten Bildern: der Aufenthalt von Pascale hier in Nairs, 1997. Der Fluss war so reissend, war so laut im Sommer, damals ohne abgedichtete Fenster. Schlaflose Nächte, sich wie an die Dunkelheit klammern, um nicht hinweggeschwemmt zu werden. Gesprochene Sätze synchron zu geloopten Worten, im Echtzeitprozess aufgenommen. Und an der Wand die Diaprojektion, die Pascale + Pascal gemeinsam vorbereitet haben. Filmsequenzen von Wasser und Treibholz. Dicht das Röhricht, so viel Fluss. Hinein ins Bild, in die Vergangenheit. Dann singt Pascale m.ein Lieblings.lied von Nina Hagen: «Ich möcht ein Fisch im Wasser sein… », nimmt ihre Worte auf, gibt sie sodann im reverse-Modus wieder. Wie im Lied auf der Platte Bahnhof Zoo, während wir uns in der Nähe des Bahnhofs Scuol Tarasp befinden. An der Wand der Film: im Wasser laufende Schritte. Sie laufen zurück, rückwärts reverse auch hier, weit in die Vergangenheit ausgeholt, das Gewesene ins Jetzt zurückgebracht, vergegenwärtigt.

Küchenalphabet: abc dattle, h holunder, t trauben, e eselsohren, essig g gingimbre grüntee r rosinen p pfeffer salz und mandeln.

«Ein Momentchen… Kunst ist die neue… das neue Kur…. Der heutige Kurfaktor für NAIRS ist die Kunst!» (Mirzlekid)

14h20 UG: Lucius und Emerita. Stückweise, Ariane Tanner, Mirzlekid

Das Wasser in den langen, dünnen, schwarzen Schläuchen ist während der Vortage eingefroren, vorbereitet auf der schmalen Terrasse, der Verbindung von Untergeschoss, Ufer und Fluss. Die Schläuche wurden ständig von Mirzlekid inspiziert, seine beobachtende Teilnahme am Prozess. Heute sind die Schläuche im Raum installiert, durchhängend, die Enden nach oben oder von der Decke herab. Gefrorenes Wasser von den Quellen Luzius Bonifazius und Emerita. Die rötliche Farbe des Quellwassers in den Rohren ergibt sich aus dem hohen Mineral- und Salzgehalt. Ariane liegt auf einem nackten Bettgestell im Raum. Aus dem Transistor auf dem Tisch ihre Stimme, ihr Text über die Recherche zum Tropfbad, den lückenhaften Quellen der Historiker, dem Schmerz, der Heilung, dem historischen Kurort Nairs. Zirka 11 Minuten. Die Pausen akzentuieren die Parallelaktion von Mirzlekid. Er zerschlägt das gefrorene Wasser, zersägt das Eis in den Schläuchen zum Verteilen ans anwesende Publikum, wie Wassereis in Stabform. Eis als Kur, Eis als Kunst, Kunst aus Eis, Performance als Heiltherapie. Während dort schon der Schmelzvorgang. Es tropft auf Arianes Schläfe, tropft aus dem Loch, das Mirzlekid zu Beginn ins Eis im Schlauch bohrte. Ein Tropfen jede 8. Sekunde. « das tropf bad… be steht aus dem trop fen wei se her ab fall en den was ser.»

«Wasser Schneewasser Schneewasser Wasserschnee Schneeschnee Wasserwasser Lachen» (Milenko)

15h10 Vor der Carola Quelle: Kreisanimation, Milenko Lazic
19h00 UG: Filmpremiere, Milenko Lazic

Auf der anderen Seite der Brücke: Gruppenanimation, Performance interaktiv. Milenko im Kreis der zuschauenden Personen, fast alle mit Handy in der Hand, von ihm aufgefordert, reihum Photos zu schiessen und ihm diese alsbald zuzuschicken, für die Kreation eines Gifs. Eins zwei drei vier fünf… Nummer elf ist handylos, das ergibt später das Pixelbild im Gif. Es werden mehrere Runden geschossen, vielleicht mit Anspielung auf die funktionsfähige Patrone, die Milenko gefunden hat. «Was soll ich damit nun machen» fragst du mich. Deine Devise, denk ich mir, ist: Schiess Fotos, keine Gewehre, make Gifs, not war… Milenko dreht sich im Kreis, nimmt je andere Positionen ein. In Gif-Geschwindigkeit ergibt es dann einen Hip-Hop-Tanz, wie abends jemand bemerkt, als die Gif-Übertragungspremiere ist. Oder Tektonik (pers. Zusatz). Dann laufen alle Hand in Hand, à la queue leuleu, in Richtung Tennisplatz.

Vielleicht bei der Säule. Obergeschoss. Kachelboden. Schritte zurück. Ok, und jetzt.

«Beobachtend performen, performend beobachten schreibend beobachten, beobachtend schreiben_d performen» (Heike)

16h30 OG: Paperball and Snow, Heike Fiedler

Beamer, Computer, Sound. Die im Vorfeld aufgenommen Worte aller Beteiligten sind über ableton-live arrangiert, werden im Loop und mit Pausen abgespielt, inklusive der transformierten Geräusche der Gurgelproben. Per modul8 wird das Publikum an die Wand projiziert, darüber fliegende Worte und Buchstaben. Ich performe die Lektüre der bisher aufgezeichneten Aktionen des Tages und sonstige Notizen, geschrieben auf zurechtgeschnittenen A4-grossen Bögen aus Plastik und aus Kalk-Papier. Die Durchsichtigkeit als Referenz auf das Wasser, das Kalkpapier als Anspielung auf den Schnee. Nach dem Lesen jeweils zu einer Kugel zusammengeknüllt, mit denen am Ende der Performance eine «Schneeballschlacht» geliefert wird.

«Ein Stein kommt selten allein, das Kohlgemüse rumort in den Eingeweiden und dem Inn kommt nichts in den Sinn.» (Ariane)

16h55 UG: Das Eisbad, Ariane Tanner

Als Steigerung des Tropfbads nun das Eisbad. Die Kälte ist im Titel angesagt. Ariane erscheint im Badeanzug, vollzieht pantomimische Ansätze zum Sprung ins Eis. Da wird von hinten die Tür geöffnet, Mirzlekid erscheint mit einer Trainingshose, schwarz. Sie hängt starr vom Schlauch herab. Auf dem dunklen Gewebe sehen wir Zeichen von Frost. Der spontane Anblick bestätigt sich zugleich: die Hose ist gefroren, da gilt es nun hinein. Ein Bein nach dem anderen. Mirzlekid als Diener, wie Ariane es später lustig benennt. So dient er auch hier, das Eis zu brechen, damit der Fuss durch das Eis im Hosenbein stösst. Nun ist die Hose an. Die Tür öffnet sich wieder. Mirzlekid bringt den schwarzen Pullover hinein, auch er hängt ausgebreitet vom Schlauch herab. Vielen wird es vom Zusehen kalt, nur Ariane scheint wie unberührt, als berühre sie die Kälte nicht. Die Arme in die Ärmel, wo ist Mirzlekid? Ohne seine Hilfe geht es nicht. Und nun der Kopf, das Hemd wird nach unten gezogen, begleitet von vor Kälte klirrenden, knirschenden Lauten. Ariane steckt in den Kleidern drin. Es erfolgt der Übergang von der Starre zur Bewegung. Die mittlerweile getauten Kleider hängen nass am Körper, der graziös und auf der Stelle tanzend durch die Idee von Eis schwimmt, bis zum Performance-Ende, dann ab unter die warme Dusche. Das bekommen nur die Insider mit smiley.

11h00 – 18h00 drinnen und draussen: Literaturtelefon, Milenko Lazic.

unter der Nummer 0900 900 123, 1.23 Fr/Anruf

17h30 + open end Veranstaltungsraum UG: PANCH-Präsentation der Online-Plattform panch.li und Diskussion, Nachtessen und NAIRS Eisbär-Bar

Panch-Kollektiv: Performance; Panch: Performance kollektiv.
Das Sprachrohr, wie gesagt, die Papierrolle, die Schrift, das Tier, das Eis, das Spinnengewebe aus der Klebe-Pistole, eine Tasse Eis wird von einer zitternden Hand gehalten, die Laute der Instrumente, ein quietschender Turnschuh-Song, das Miteinander.

Zum Abschluss des Tages die Panch-Videodokumentation, das Vorstellen der Webseite, der Austausch von Erfahrung und Gedanken in Bezug zu unserer erlebten, gelebten Residenz. Christoph Rösch ist vom Performance-Tag sehr positiv angetan, verweist auf kommende Pläne, den Ausbau der Trinkhalle, des Hotels, alles im Zeichen der Gegenwartskunst.