Gisela Hochuli:
Jürgen Bogle

Gisela Hochuli schreibt nach der Performance «Bosom Ballett» von Jürgen Bogle am Samstag 5.12.2015 anlässlich des Festivals für Aktionskunst BONE 18 im Schlachthaus Theater Bern.

Ich schreibe aus der Erinnerung. Jürgen Bogle stand da in einem schwarzen Abendkleid, das an ein Tutu erinnerte, schwarze, enge Handschuhe, auf dem Kopf ein passender Kopfschmuck. Der Scheinwerfer war auf ihn gerichtet, kegelförmig. Ein Blatt Papier in der Hand, als Vorlage zum Ablesen oder als Gedankenstütze, ich weiss es nicht mehr, erzählte er von seiner Begegnung mit Annie Sprinkle und seiner grossen Bewunderung für sie und ihre Arbeit: Er hätte die Erlaubnis von ihr erhalten eine Performance von ihr zu zeigen und das werde er nun tun. Dann steckte er das Blatt Papier weg und zog das Kleid so zu recht, dass seine Brüste zu sehen waren. Der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss, welcher auch als Hymne Österreichs bezeichnet wird, wurde eingespielt. Er nahm je eine Brust in die Hand und bewegt sie im Rhythmus der Musik. Die Brüste hüpften – ein Brustballett. Als der Walzer zu Ende war, liess er die Brüste los und lud das Publikum ein, seine Brüste berühren zu kommen. Einige gingen hin und fassten seine Brüste an oder drückten das Gesicht an sie. Danach ging Jürgen Bogle von der Bühne ab.

Diese Performance berührte mich besonders. Jürgen Bogle strahlte eine Ruhe, Weichheit und Grossherzigkeit aus. Ich betrachtete seine Brüste und realisierte, wie sanft und weich sie sind. Wie sie da hüpften und tanzten im Tackt des Walzers, hatte etwas Absurdes, Lustiges und auch Brüskes. Sie schienen eigenständige Wesen zu sein, die fröhlich und elastisch, mal gleichzeitig, mal asynchron sich bewegten. Zugleich wurden sie manipuliert durch die Hände, die genau wussten, wie sie zu tanzen hatten. Später wurden sie dem Publikum zum Anfassen präsentiert. Dieses zur Schau stellen der Brüste, das bei Annie Sprinkle stolzer Ausdruck weiblicher Erotik ist, bricht bei Jürgen Bogle. Der bei Annie Sprinkle so wichtige Aspekt der Emanzipation weiblicher Sexualität und ihr Engagement für die Sichtbarmachung und Anerkennung weiblicher Prostitution vermochte die Travestie nicht zu transportieren. Es blieb diesbezüglich bei einem tun als ob. Ansonsten, fake is fabulous inc., so wie Jürgen Bogle sein Format selbst bezeichnet.

30. März 2016 – Gisela Hochuli

→ siehe auch Text von Pascale Grau über dieselbe Performance