Elias Kirsche: Rita Marhaug mit «Territorial»

Elias Kirsche schreibt im Auftrag von International Performance Art Giswil nach der Performance «Territorial» von Rita Marhaug am Samstag 10.9.2016.

Ein weibliches Wesen in einem kurzen Kleid, Nylonstrumpfhosen, High Heels und Ledermaske (alles in Hautfarbe) sitzt starr in einer Betongrube. Das Kleid ist durchsichtig und scheinbar selbstgenäht, die Maske bedeckt das ganze Gesicht. Es gibt Löcher für die Nase und für die Augen. Das Wesen beginnt sich zuckend, jedoch plastisch, zu bewegen. Über ein Brett klettert es aus der Grube heraus. Es geht immer wieder in die Hocke, so dass man ihm direkt unter den Rock schauen kann. Angekommen auf der Ebene der Erde, beginnt das Wesen sich in Richtung Turbinenhalle zu bewegen. Dabei lockt es das Publikum mit eindeutig einladenden Gesten ihm zu folgen. Auf dem Weg zieht es die Maske aus. Nun sieht man eine kurzhaarige Blondine. Im Gehen drückt sie immer wieder ihre Oberschenkel zusammen, geht auffällig in die Hocke. Damit gibt sie den Zuschauern zu verstehen, dass sie dringend pinkeln muss. Je mehr sie sich der Turbinenhalle nähert, desto schwieriger scheint es ihr den Urin zu halten. Sie setzt sich immer wieder hin und drückt ihre Beine noch mehr zusammen. Irgendwann zieht sie die High Heels aus, wirft sie weg und läuft barfuss weiter. Auf der Wiese beginnt sie demonstrativ die Strumpfhose auf zu reissen, ganz langsam, Stück für Stück. Es ist eine sexy Szene, die Blicke von herumstehenden Männern sind zwischen ihre Beine fixiert. Sie lässt die aufgerissene Strumpfhose neben ihren High Heels auf der Wiese liegen und betritt, den Drang zur Urination schwer beherrschend, die Turbinenhalle. Das Publikum folgt ihr.

In der Halle angekommen, stellt die Frau sich breitbeinig in die Mitte und zieht ihr ohnehin kurzes Kleid noch höher. Sie steht in der typischen Halbhocke und muss endlich urinieren. Es ist ein sehr geheimnisvoller und äusserst spannender «prolongierter» Moment, eine intensive Erwartungsstimmung ist spürbar: Wird sie nun pinkeln oder nicht? Die Augen der Zuschauer heften fest auf ihrer Figur, auf ihren Brustwarzen, ihrer halbgeöffneten Schamlippen. Sie verweilt ziemlich lange in dieser Position. Die Spannung steigt. Mein Blick schweift über die Gesichter der Zuschauer: sehr verschiedene, zum Teil gegensätzliche Eindrücke. Gesichter der Frauen spiegeln meistens Neugier wider, manche männliche Gesichter – Ekel, oder eine starke Lust. Es dauert und dauert und dauert. Aber die Künstlerin lässt es nicht laufen. Es kommt nichts raus. Irgendwann spuckt sie, anstatt ihre Blase vor uns zu entleeren. Ich verspüre eine Enttäuschung darüber.

Die Performance verwirklichte, und zwar eins zu eins, die heute unter Fetischisten stark verbreitete Phantasie: einer anonymen Frau, die pinkeln muss, unbemerkt zu folgen, um ihr schliesslich beim Urinieren heimlich zuzuschauen. Alle Positionen und Stellungen, die die Künstlerin einnahm, zeugten von der Rezeption dieser Phantasie. Auch ihre Kleidungsstücke erzählten darüber: die Maske, die die Anonymität betont, die High Heels, die die Beine länger machen, die Nylon-Strumpfhose, ein allgegenwärtiger Fetisch. Schliesslich, das durchsichtige Kleid in der Hautfarbe. Die Repetition der Phantasie gelang perfekt, noch viel authentischer als in entsprechenden Pornovideos. Leider – ohne der von einigen Anwesenden hoffnungsvoll erwarteten Kulmination.

→ siehe auch Texte von Alisa Kronberger und Bernadett Settele über dieselbe Performance

www.performanceartbergen.no
www.eliaskirsche.com


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