Dorothea Rust:
Zu Tisch im Labor einer Open Session

Dorothea Rust schreibt nach einer Open Session anlässlich von «Kunst der Begegnung VII» im Kaskadenkondensator Basel am 5.10.2018.

Ich schreibe viele Monate später, was soviel heisst wie grobes Transkribieren meiner Notizen, die ich während der Session gemacht habe, und statt Zeichnungen, Fotos und Videos eben Sprachliches: Ich fotografiere nie, ich schreibe immer, versuche meinen Gedanken während der Performance hinterher zu hecheln und auch Instant-Assoziationen — oder vielleicht sind es eher Instant-Zustände — automatisch und blind sprachlich zu skizzieren. Dann sitze ich später vor diesen transkribierten Notizen, die nun Anker sind und mich zur Winde zurückführen. Diese lässt dann die Performance vom Stapel. Nicht die gleiche Performance wie damals. Die Zutaten haben sich erweitert. Das was hier serviert wird, ist ein neues Menü und muss von den Leser*innen (wieder) gekostet werden.

Was sagt sie, was schreit sie gegen das Fenster? Schreit sie etwas Schlimmes, beschwört sie einen Fenstergeist? Sie hat ein Textblatt in der Hand. Bevor die Session begonnen hat, habe ich Ting Liping aus Taiwan mit dem Blatt am Boden sitzen gesehen? Wegen der fremden Sprache verstehe ich nicht, was und warum sie schreit. Ich/wir? verstehe/n, dass sie schreien muss, denn sie hört nicht auf. Die Stimme und der Körper, aus dem die Stimme kommt, bringen sozusagen jede Faser im Raum zum Vibrieren. Gerade weil ich keine Worte verstehe, versuche ich nicht erst die Schreie zu verstehen. Ich beobachte die Anstrengung in ihrem Kopf-Körper und höre den Schrei-Strömen zu.

Dawn Nilo ist zuerst vor Ting Liping gestanden und dann sehr, sehr langsam zur gegenüberliegenden Wand gelaufen. Da wo ich sitze, steht sie jetzt neben mir.
Performer*innen und Zuschauer*innen flocken herein. Die Menschen im Raum, was verbindet sie? Die Abmachung, diese Open Session abzuhalten und zu besuchen, dabei zu sein? Und was noch? Die meisten Performer*innen tragen dunkle bis schwarze Kleider. Ist das auch eine Abmachung, eine wortlose? Ich erinnere mich, dass die Performer*innen in Sessions von Black Market meistens schwarze Kleider getragen haben. Stellen sie so eine Neutralität des Körpers her? Weil die schwarze Farbe persönliche Merkmale absorbiert und auch Eleganz und Noblesse ausstrahlt und Respekt verschafft und so die Handlung apportiert, untermalt, sichtbar werden lässt? Weil alle anderen Farben, die im Raum vorhanden sind, sich vom Schwarz abheben? So die knallroten Wollfäden, die die Performer*in mit Perücke und die mit Apfel im Mund in den Händen halten. Ich weiss ihre Namen (noch) nicht. Ich hole nach, lese nach: es sind Pattree und Chakkrit Chimnok aus Thailand. Ich habe im Hinterher erfahren, dass die beiden ein Duo/Paar sind und oft in Performances zusammenarbeiten.

Einige Performer*innen kennen sich schon ziemlich gut, so das Team von PAersche, einem offenen Aktionslabor aus dem Rheinland und Ruhrgebiet, das wiederum Performer*innen aus Asien, die erst wenige Tage hier sind, kennt. Alle treffen sich jeweils in der Orangerie des Kasko, im Warteck und essen am langen Tisch und tauschen sich kreuzweise aus.
Der Kasko-Ausstellungsraum ist zweigeteilt, aber nicht durchgehend, also vorne, zur Eingangtüre hin, offen. Je nach Winkel, wo ich mich hinsetze, ist der Blick in beide Räume gleichzeitig möglich. Im anderen Raum poltert es Apfel-mässig. Dann sehe ich das Apfel-Rot rollen, kugeln, holpern. Der Mann mit dem Hut, Rolf Hinterecker heisst er und hat einen weissen Bart, schreitet barfuss, die Fersen fallen nachdrücklich auf den Boden, von einem Raum in den unseren, da wo ich mit anderen bin. Bereits vor der Session, als noch keine Zuschauer*innen im Raum gewesen sind, hat er das gemacht. Diese Schritte schreien auch, werden, müssen und wollen (ich kann mich nicht für ein Hilfsverb entscheiden) gehört werden.

Im anderen Raum sehe ich immer wieder kurz Chakkrit mit Langhaarperücke und schwarzem elegantem Mantel mit Vogelfedern an den Mantelsäumen. Ihre* Beine-Füsse stecken schwarz bestrumpft in schwarzen Highheels. Sie sind offensichtlich sehr billig und zu gross, denn die Absätze sehen nicht sehr stabil aus. Sie* ist stark geschminkt und würde als transgender oder transsexuell oder transident oder trans? bezeichnet. Wie gehen wir mit diesen Zuschreibungen um, wie bezeichnet sie* sich selber? Ich habe sie* nicht gefragt. Der Umstand der Zuschreibung wird hier nicht verhandelt. Er wird vom Labor-Charakter der Veranstaltung aufgesogen, deren Lampen auf die ‚sensiblen Nerven’ der einzelnen Handlungen gerichtet sind. Sie fügen sich mehr oder weniger sichtbar in das grössere Ganze ein. Ein unausgesprochener Konsens ist da, wenn auch zeitweilig eine Aktion lauter ist, eine andere still die Aufmerksamkeit herausfordert, zwei Handlungen sich überkreuzen etc.
Auch diese, ihre* Schritte mit Highheels hören wir. Chakkrit mit der Perücke beisst in den Apfel, der im Mundrund von Pattree, der anderen Performerin, steckt und kommt dann in unsere Raumhälfte und lächelt. Sie* zeigt sich meistens von vorne, habe ich den Eindruck, obwohl die Zuschauer*innen in unterschiedlichen Winkeln zu jedem Geschehen sitzen, es also keine einheitliche Blickrichtung gibt.

Gisela Hochuli trägt eine rote Tucheinkaufstasche als Rucksack und tritt zu Liping, die das Fenster immer noch mit Worten ‚beschwört’ oder nach draussen spricht, ruft, schreit. Gisela bleibt im Profil beim Fenster stehen. Später tritt eine andere Performerin, Christiane Obermayer, auf der gegenüberliegenden Seite dazu. Beide rahmen Ting Liping vor dem Fenster.
Das Klack-Klack auf dem Kasko-Holzboden der Highheels von Chakkrit ist zu hören. Nun atmet Liping rhythmisch vor dem Fenster auf den Knien. Markus Goessi schiebt sich fast unbemerkt schon seit längerer Zeit auf einem Tuch auf dem Rücken liegend, mit nacktem Oberkörper, mit den Füssen abstossend durch den Raum. Sein kugeliger Bauch ist markiges Hügelland. Rolf macht ‚Action’: mit Wucht schiebt-wirft er eine Holzbank in den Raum, sie donnert auf den Boden. Das hat gesessen! Unterdessen stehen vier Frauen-Gestalten vor dem Fenster. Sie sind Erscheinung und Gemälde im Hintergrund, weil ich vorne bei der Türe sitze, das Fenster in meiner Fluchtlinie.

Noch mehr Zuschauer*innen sind gekommen, andere gehen nach einer Weile wieder. Augenblicklich finde ich mich wieder in einer speziell e-labor-ierten Präsentation einer Messeveranstaltung: gestreute Aufmerksamkeit und Präsenz bei den Performer*innen und bei den Zuschauer*innen.

Pattree mit dem Apfel im Mund hat noch Nadeln in die Äpfel gesteckt. Diese Äpfel sie sind jetzt ‚gepierct’!

Was sich in der Tendenz als Muster ausmarchen lässt: sich wiederholende Gesten enden in Schlaufen und führen mehr oder weniger schlüssig in etwas Anderes. Das kann in Momenten redundant wirken aber auch für feine bis blendende bis spektakuläre Überraschung gut sein. Wie bei Markus. Er hat sich auf seinen kugeligen Bauch gedreht, er liegt auf seinem eigenen Hügel! Jetzt steht er auf und zieht am Tuch, sein i-Phone liegt inzwischen darauf. Ein anderer Performer, Michael Barrett (er fotografiert und filmt zwischenzeitlich und sein Name steht nicht auf dem Programm) gesellt sich später zu ihm. Zusammen werfen sie das i-Phone auf dem Tuch in die Höhe. Eine Feuerwehr-Fest-Übung ist das, eine prekäre, weil das i-Phone in der Luft gefährlich neben das Tuch gerät; einmal wird es knapp von Markus’ Brustkorb aufgefangen und wieder ins Tuch katapultiert. Das wirkt sehr verwegen und fussballerisch-akrobatisch.

Rote Wollfäden sind visueller Trigger: Das eine Ende in der Hand von Pattree, das andere in Rolf’s Mund, dem Mann mit Hut, mit seinen Zähnen gehalten. Sie werden in einem Faden-Fingerspiel bearbeitet und von den Beiden zu einem spinnenartigen Gewebe auseinandergezogen. Liping hat ihre Stimme erschöpft oder sie hat sie ins Flüstern gewandelt. Sie schiebt sich der Wand entlang. Ich kann nicht sagen, ob sie ihre Zunge jetzt schon einsetzt. Ihre Performance ist vor allem Mund-Körperwerken. Ihre Zunge sticht prominent hervor, wie die Zunge beim neuroanatomischen Homunkulus. Da sind Kopf-Mund-Zunge und Hände am grössten, weil diese Körperteile feinsensibel und –motorisch funktionieren und eine grosse Hirnrindenfläche besetzen. Liping’s Muskelkörper züngelt in kleinsten Bewegungen um die Apfel-Nadeln und dann weiter in die Luft. Eine andere Performerin, Anja Plonka ist auf den Knien und haucht in den Raum.

Beine stehen vor mir, es ist ruhig geworden. Der Performance-Labor-Raum taucht ein in erholsame Erschöpfung und Neuorientieren. Er öffnet sich mit allem Drum und Dran für Übergang und Neukonstellation.

Der Mund-Zungenkörper ist nun Kopf, der sich über den Boden schiebt. Eigenes Mittel und eigene Mitte — die Performer*in rotiert um ihren eigenen Kopf. Fast gleichzeitig wirbelt Gisela wie ein Kreisel/Hurli eine Weinflasche aus ihrem roten Rücken-Sack auf dem Boden. Wein-Wirbel-Flaschen-(geist)-Klang.
Äpfel und Tuch: einer, Rolf oder Michael, steht auf der Leiter und ist Standbild. Wohin will er? Höher hinaus geht es nicht. Anja oder Christiane steht in ihrem Fadenkreuz, das von ihren Händen gehalten wird und sie rahmt. Sie steht in Da-Vinci’s vitruvianischem Menschenbild, Symbol für die Symmetrie ihres! Körpers.
Steigerung: Gisela wirbelt zwei! liegende leere Flaschen um die Flaschenachsen. Das Wirbelgeräusch spreizt in den Raum und dringt ein. Ich sitze jetzt in der anderen Raumhälfte vor einer wirbelnden Flasche und kann den Blick (eine Weile) nicht von ihr lassen.

Wer reagiert auf wen? Michael auf Markus? Michael will unter Markus’ Tuch, Markus akzeptiert und bietet Hand. Sandra Knecht, Zuschauer*in wie ich, sitzt neu neben mir. Wir schwatzen und kommentieren halb flüsternd. Es tut gut, sich einander mitzuteilen, beim Zuschauen vom Rand aus. Der Raum ist inzwischen so imprägniert von Geschehen, Präsenz und Aufmerksamkeit, dass ich nicht mehr klar unterscheiden kann zwischen Performer*innen und Zuschauer*innen, alle sind mit im Boot. Unser Gespräch gehört auch dazu, mittendrin am Rand. Wir meinen, eigentlich sollten wir mitten in den Raum sitzen und weitersprechen.
Markus hat die Bewegung von Michael, der ihn verlassen hat, via Tuch aufgenommen und angefangen sich zu drehen. Er ist Derwisch, er kann gefährlich um seine eigene Achse drehen und endlos in den Raum und zu den Zuschauer*innen hin rotieren. Das katapultiert mich stillsitzend mit ins Drehen.

Kunst der Begegnung VII
Performance Art aus Asien, der Schweiz und Deutschland
im Hafenareal und im Kaskadenkondensator (Warteck PP)
3.—10. Oktober 2018

Open Session vom 5. Oktober 2018
mit Dawn Nilo (CH), Ting Liping (TW), Chakkrit Chimnok (TH) und Pattree Chimnok (TH), Anja Plonka (D), Christiane Obermayer (D), Rolf Hinterecker (A), Markus Goessi (CH), Gisela Hochuli (CH), Michael Barrett (USA) und Gian-Cosimo Bove (CH)

Bericht von
Dorothea Rust, Tänzerin, Künstlerin, Kulturtheoretikerin, Zürich