Dorothea Rust:
Verformte Sätze im Dunstkreis von nun Gehörtem und den «kommunizierenden Gefässen».

Dorothea Rust schreibt nach «Texte aus dem Dunstkreis – nun gehört!», einem performativen Radio/Präsentations- und Produktionsformat für Texte, vorgelesen von Birgit Kempker, Lysann König, Alice Wilke, Susanne Kobler, Christa Ziegler, Lorenz Wiederkehr und Dorothea Rust, veranstaltet vom Kaskadenkondensator am Mittwoch 07.03.2018 um 19 Uhr in den Amerbach Studios Basel.

Nachlese von Dorothea

An der performativen Lesung «Texte im Dunstkreis – nun gehört!» am 7. März trug ich einen eigenen Text, «Per- und verformte Sätze im leicht gesalzenen Wasser von Friederike Mayröcker’s ‚Die kommunizierenden Gefässe’» vor und las Textpassagen aus Friederike Mayröcker’s «Die kommunizierenden Gefässe». Sofort danach, als ich nach Hause kam rief mein eigener Text mir zu: «neu schreiben, überarbeiten!». In der gleichen Nacht revidierte ich den Text am Küchentisch, nun gänzlich unter dem Einfluss der Atmosphäre aus dem ‚Dunstkreis’ der Texte, die Andere an diesem Abend gelesen hatten. Mithin beim Überarbeiten verschwand mein eigener Text. Was nun übrigbleibt ist ein Bericht zum Gehörten und Erlebten an diesem Abend in Basel in den Amerbach Studios:

Heute Abend, in der VIA, an der Amerbachstrasse 55a, in Basel im Tonstudio, das extra für «Texte aus dem Dunstkreis –» eingerichtet worden ist, habe ich viele Stimmen und Sätze von Anderen gelesen und «nun gehört!»:

Der Sohn, der leibhaft von seinem Onkel und seiner Mutter zum Tannenbaum ‚gemetzget’ wird – von Birgit Kempker gelesen. Der Name der Autorin des Texts kann auf dem Audiotrack ‚Texte aus dem Dunstkreis – nun gehört!’, sobald er öffentlich zugänglich ist, in Erfahrung gebracht werden. Ebenso können durch das Hören des Audiotracks die Lücken meiner Erinnerung im nachfolgenden Text wieder gefüllt werden.

Die Notizen aus Lysann König’s Skizzenbüchern sind ein Trip im Geschwindigkeitsrausch durch eine Quartier-Welt aus Wortbildern. Ihn im Cocktail mit Birgit’s vorgetragenem Text serviert zu bekommen, hat mir ziemlich zugesetzt, weil Lysann von einem Leben in Fahrt erzählt, in dem es viel Gin Tonic, Gin Tonic, und Prosecco gibt, in dem sich Häuser und Häuser, die vieles abbekommen haben, aneinanderreihen. Ich weiss nicht mehr, was sie abbekommen haben. Die Wörter und Sätze haben in ihrer Wucht den Inhalt solcherart verschluckt, dass meinen Ohren schwindlig geworden ist.

Der Text, vorgelesen von Alice Wilke – (und sie betont ausdrücklich!!) «nicht so wiedergegeben wie damals in der Kunsthalle von den Autorinnen Sarina Scheidegger & Ariane Koch» – handelt unter viel Anderem von karnivoren Pflanzen, die keinen Platz mehr haben, und stellt die Frage, wie es wäre, wenn Männern Gebärmütter eingepflanzt würden?

Der Text «Lesen» von Jelinek offenbart, dass Jelinek viele Kriminalromane und auch viele Trash-Zeitschriften liest, und dass Lesen für sie, Jelinek so etwas wie ein schickes Kleid anziehen sei. Dieser Text übers und vom Lesen, von Susann Kobler vorgetragen, darf hier nicht wiedergegeben werden, weil er urheberrechtlich geschützt ist, ist aber auf Elfriede Jelineks Website zu finden. (Ist da der ganze Text zu finden? Ich habe nachgeschaut und festgestellt, dass der gehörte Text in meiner Erinnerung länger gewesen ist). Gerade im Schlepptau aller anderen Texte dieses Abends, bringt er eindeutig das Politische des Lesens jetzt hier an diesem Ort aufs Tapet und sagt ungefähr so schnörkellos wie Jelinek schreibt: Politisch ist, wenn welche sich versammeln, verschiedene Stimmen hören, sich von ihnen mitnehmen, aufwühlen und wegtragen lassen, sie gelten und weiterwirken lassen, ohne in einer Dogma-Falle hängen zu bleiben; das ist krass, wenn das so möglich ist!!! (Steht das so ähnlich in Jelinek’s Text oder habe ich das gedacht (und) geschrieben?)

Der nächstfolgenden Text von Christa Ziegler aus einem Katalog der Documenta soundsoviel über??? gelesen, ist mir entglitten, ich habe ihn überhört, weil ich an den anderen Texten von vorher und noch weiter zurück im Tag an einem Interview im Radio, im Mittagsgespräch hängen geblieben bin, genau gesagt an der brüchigen Stimme des 74 Jahre alten Filmemachers, der einen Film über Flüchtende gemacht hat: damals sei das Boot voll gewesen und heute kämen übervolle Boote übers Mittelmeer; und er erzählt, wie diese übervollen Boote sich einem Rettungsschiff nähern, das Umsteigen der Menschen vom Boot auf das Schiff (am besten von der Seite gefilmt), ein ‚Gap’ eine Kluft von einer in eine andere Welt sei, und auch wie die geretteten Menschen hinterher auf dem grossen Schiff nummeriert und sich darob nicht beklagen würden.

Im Fluss der vorherigen Texte, wobei ich nicht mehr weiss, wie die Reihenfolge an diesem Abend gewesen ist, ist auch Lorenz Wiederkehr’s Lesen von Chris Regn’s Notizen, die sie 2009? während 9? Tagen in einer Ausstellung gemacht hat, weggespült worden. Auch wegen meiner Unart, dem Vorleser Lorenz Wiederkehr auf den Mund zu schauen, zuzuschauen wie er Wörter und Sätze formt, ihrem Klang nachzuhören und darob Chris’ Inhalte nicht greifen zu können.

Ich habe Textpassagen aus Friederike Mayröcker’s ‚Die kommunizierenden Gefässe’ vorgelesen. Schon seit mehreren Jahre bin ich in ihrem ‚Sog’ unterwegs. Wieder und wieder und dann wieder lese ich in Mayröcker’s ‚Die kommunizierende Gefässe’. Ihre Sätze muss ich jeweils laut ‚auf-sagen’, damit ich höre, wie sie klingen und welche Wörter auch noch mitschwingen. Sie sagen mehr als das Geschriebene. Und sie widersprechen sich, respektive Friederike Mayröcker widerspricht mir. So schreibe ich im Bett liegend, hinter meinem Rücken aufgebockten Kissen, an einem Text. Mayröcke hat mich dabei in eine Backe gekniffen. Ja sie verfolgt mich, aber eigentlich bin ich es, die ihrer Sprache folgt. Links von mir auf dem Nachttisch rinnt der Tee durch den Teebeutelfaden auf das Holzmöbel. Ich liege im Klima (m)eines Bettes: es ist stabil und unter der Decke ist es warm. Bei meinem eigenen Schreiben verkapseln sich die Sätze derartig, dass ich nicht verstehe, was sie mir sagen. Was ist dagegen zu tun, wie wäre dagegen anzuschreiben? Wohl deshalb beschäftigen mich in letzter Zeit Worthülsen wie NACHHALTIGKEIT, ZEITKAPSEL und EXEMPLARISCH. Ihnen begegne ich wiederholt in Zeitungen, in sogenannten Fach-Texten und mehr. Sie werden da eingesetzt, wo andere Worte fehlen, sie verknappen einen ganzen Kosmos von Zusammenhängen und Bedingungen. Sie sind die Müllkippen der Sprache. Die NACHHALTIGKEIT ist meistens schon verfallen, bevor sie ihre Wirkung zei(ti)gen kann, wie das heute mit den Lebensmitteln geschieht, die weggeworfen werden, bevor sie aus der Verpackung genommen worden sind. Und die ZEITKAPSEL war vielleicht schon eh und je eine Mohnkapsel, deren Zeit zum synthetischen Stoff wie der Mohn-Inhaltsstoff Morphin zur Droge wird. Das Wort EXEMPLARISCH muss immer dann herhalten, wenn etwas hervorgehoben wird, das eigentlich lieber verschwinden möchte. Und was diese Wendungen mit der Sprache in der Verkürzung und Verknappung jedes Mal machen ist ‚down-under’ oder auf der anderen Seite des Globus von Mayröcker’s kommunizierenden Gefässen.

Die unterschiedlichen, nicht verwandten Texte, gelesen gehört an diesem Abend in Basel in der Via im Dunstkreis der Wörter und Erzählungen, hatten’s in sich. Die Stimmlagen der Vortragenden kontrastierten nicht nur miteinander, sie gaben den Texten, den Geschichten, den Verlautbarungen ihre je eigene wesensmässige Grundfärbung, die in unterschiedlichen Lautstärken durchschimmerten. Kurz es war ein Erlebnis, live dabei zu sein und über den eigenen und mitgebrachten Text zu stolpern, und ihn im Gemenge der anderen Stimmen mit dieser Nachlese untergehen zu lassen. Oh weh, der Gin Tonic und Prosecco in Lysann’s Text, hatte mich betrunken gemacht und ich riskierte, am nächsten Tag und an vielen anderen Tagen mit einem Gedanken-Gewitter, das mich immer wieder heimsucht, in den kommunizierenden Gefässen von Mayröcker aufzuwachen.

Zürich, im September 2018

«Texte aus dem Dunstkreis – nun gehört!»
performatives Radio / Präsentations- und Produktionsformat für Texte, vorgelesen von lesefreudigen Künstler*innen am 6. und 7. März 2018 um 19 h mit Linda Cassens, ­ Margarit Lehmann, Daniela Brugger, Dorothea Rust, Birgit Kempker, Susan Kobler, Ariane Koch, Lysann König, Linda Cassens, Chantal Küng, Fränzi Madörin, Alice Wilke, Sabine Gebhard-Fink, Lorenz Wiederkehr.

Texte von Dorothea Rust am 7. März gelesen:
– Per- und verformte Sätze im leicht gesalzenen Wasser von Friederike Mayröcker’s «Die kommunizierenden Gefässe»
– «Die kommunizierenden Gefässe» von Friederike Mayröcker (Textpassagen)