Dorothea Rust:
2 x 2

Dorothea Rust schreibt zu zwei Performances von ALMA und Anne Käthi Wehrli / Ingrid Käser am Sonntag, 12.7.2020 im Rahmen der Ausstellung «GrossArtig» von ALMA im Kunstraum Hochdorf im Kanton Luzern.

Die im KUNSTRAUM hochdorf aktuell realisierte Ausstellung ist dem Vergrössern von ALMA-Werken gewidmet. Ausgehend vom für ALMA üblichen A6-Doppelformat realisierten die beiden Künstler Vergrösserungen, die sie als Bildteppich am Boden auslegen und somit die Ursprungsbilder verfremden und in neuer Sicht quasi aus der Vogelperspektive dem Publikum zugänglich machen.
Die Ausstellung ist auf Expansion angelegt. Das A6-Format als Reihe miteinbezogen, diskret an der Hauptwand präsentiert, erfährt durch den Bilderteppich am Boden eine provokative Erweiterung und findet in einem überdimensionierten Wandbild einen räumlichen Abschluss.
Die Installation im Kabinett mit einem «endlosen Seil» öffnet den Weg in die performative Umsetzung von Malerei. Der performative Aspekt im Werk des Künstlerpaares, das Existenzialistische, das Suchen nach Selbstdarstellung, die NICHTKOMMUNIKATION in ihren Auftritten und die Überwindung der NICHTKOMMUNIKATION, das Aufzeigen von Sinnlosigkeit und von Leere kommt in der «Doppelperformance 2*2*» zum Schluss der Ausstellung zusammen mit dem Künstlerinnenduo Anne Käthi Wehrli / Ingrid Käser zum Ausdruck.

(Auszüge aus der Ankündigung von ALMA, Max Frei und Alf Hofstetter zu ihrer Ausstellung und der Performance an der Finissage)

Zwei ‘Scheichs’, ist mein erster Gedanke, sind Max Frei und Alf Hofstetter. Weisse Tunika und ebenso weisse Hose, farbiges Gurtband-Tuch. Sie haben etwas im Sinn: ihre horizontale Bilderausstellung Abbauen und hinter den Zuschauer*innen, vor einer Wand wieder in der Vertikalen Aufbauen, wie wenn die Bilder grosse Jass-Karten wären. Eine wacklige Angelegenheit. Obwohl sie oft im Gleichschritt die Bilder wegtragen, gerät der eine aus dem Tritt und steht dem anderen im Weg, jeder mit (s)einem Bild in den Händen, am Körper oder auf den Rücken gehalten. Momente, die die Zerfahrenheit des einen und die dramatische Entschlossenheit des anderen ausstellen. Und Momente die sofort wieder in sich zusammenfallen. Eine endgültige Rolle kann weder dem einen noch dem anderen zugeschrieben werden. Hier spekuliert evtl. jede*r Anwesende* – es sind derer viele, den Wänden entlang aufgereiht oder in Trauben auf dem Boden sitzend, fast alle mit Maske –, wohin die Unternehmung dieser beiden in weisser Kluft führt, und welche Insassen von was sie sind. Sie entziehen sich einer klaren Benennung wie Wissenschaftler, Ärzte, Scheichs, Hippies, Laboranten, Mitglieder einer esoterischen Bewegung und mehr …

Unterdessen treten zwei Andere, Ingrid Käser und Anne Käthi Wehrli, ganz beiläufig in den Ausstellungsraum und gehen einer Raumseite entlang – die eine trägt eine ‘Chratte’ auf dem Rücken, beide auch noch anderes kleinteiliges Material, das aus dem Stegreif zu benennen, ja aufzuzählen überfordert –, wie wenn sie auf ihrem Weg unbedingt hier durchgehen müssten, um woanders hinzugelangen. Ebenso beiläufig legen sie hier, an einem Ende von ALMA’s Bilder-Flachware, eine Pause ein.

Was und wer sind sie? Ich nenne sie die ‘Zwei’. Sie tragen ‘Dächlimützen’ mit aufgeklebten Willisauerringli. Diese ‘Ringli’, eine traditionelle Leckerei aus dem Luzerner Hinterland, nicht gerade um die Ecke von Hochdorf aber immer noch im Kanton Luzern, die Willisauerringli kennt sozusagen jedes Kind. Schon mancher Zahn hat an ihnen Schiffbruch erlitten, denn diese Kekse oder ’Guätzlis’ sind sehr hart aber auch lecker. Ein Hinweis, dass dieses Duo kein leicht zu lösendes Kreuzworträtsel darstellt, eher samt und sonders eigentümlich harte Tatsachen schaffen möchten, indem dass sie sich ebenso wenig benennen lassen wie die beiden ALMAs. Ich könnte sie ‘Gärtnerinnen’, ‘Markfahrerinnen’, ‘Urlauberinnen’ auf dem Weg zum Strand und in einen verwunschenen Garten nennen. Beide widmen sich nach und nach mit dosierten Prisen an Aufmerksamkeit ihrem mitgebrachten Material. Jetzt gerade zerreisst die eine der ‘Zwei’ geräuschvoll weisses Papier. Wohin dieses Manöver führt, ist so offen, wie ihr Weg, der aus diesem Raum hinaus noch woanders hinführen könnte. Was für mich mit der Zeit zum Hinweis auf eine bestimmte Strategie ihres künstlerischen Um-Tuns wird. Inzwischen haben sich die ‘Zwei’ hier festgesetzt, sind die Platzwartinnen dieses Ortes, dieses ihres Spielfeldes geworden. Hier breiten sie sich aus, geniessen den herrlichen Tag und suchen nach den Spiel-Regeln ihres mitgebrachten Materials. Eins ums andere probiert die eine an der anderen das Mitgebrachte aus, wägt ab, beäugt und testet.

Die beiden ALMAs bringen jetzt gezielt ihr Vorhaben zu Ende: Ihr letztes Doppelbild – alle Bilder auf dem Boden sind doppelt vorhanden, ‘handgemalte’ Kopien ihrer A6-Bildformate, in der Übersetzung für diesen Ausstellungsraum auf unterschiedliche Formate gedehnt und aufgebläht – auf dieses je ihr letztes Doppelbild, es könnte eine Landschaft sein, legen sie je eine geometrische Passform, und schneiden damit Bildteile aus. Das erste Set geben sie in einer Geste, einer Übergabe ohne Grenzüberschreitung, den ‘Zwei’. Dies bleibt die einzige direkte Kontaktnahme ohne Wort zwischen den beiden Duos. Auch wenn niemand ein Wort spricht, sind die beiden Duos nicht sprachlos. Das Sprechen liegt in Gesten und Tun und wird hier so umständlich-selbstverständlich vollzogen, wie wenn Vögel ihre Nester bauen.

Inzwischen haben sich die beiden ALMAs in den hinteren abgetrennten Teil des Ausstellungsraumes zurückgezogen – neugierig gehe ich ihnen nach, den grossen Raum teilweise noch im Gesichtsfeld. Aber die ‘Gärtnerinnen oder die ‘Zwei’ kann ich getrost ihrem Tun überlassen: sie tauchen selbstgebastelte grosse Stempel in farbige Flüssigkeiten — was sind das für Säfte? Organische aus Beere und Gemüse oder Giftiges? — die sie einander unbestimmt wo auf die Haut mehr tupfen als drücken; definitive Stempelzeichen sind nicht zu erkennen und sind wahrscheinlich auch nicht gewollt. Während die beiden ALMAs im hinteren Raum zwei 30 m lange Seile, die sich den Wänden entlanghangeln – von Frei nach einem ausgeklügelten Algorithmus und von Hofstetter auf der Basis von Kunstpostkarten bemalt – wie Taue von den Wänden ziehen.

Die Duo-Performer*innen und wir das Publikum schwitzen, an diesem heissen Tag hier versammelt, zwischen Überforderung und leichtem Schau-Spiel hin- und herschaukelnd. Nachdem die Bilder-Flachware von ALMA vollständig verräumt und die Bodenfläche der klaren Setzung ihrer Bilder entleert ist, zeigt sich der Boden vom anderen Duo mit Papierfetzen übersät und von diversen Materialteilen bedeckt. Z.B. stehen knapp vor der einen Zuschauer*-Reihe zwei Blechdosen, die lose mit einer Schnur verbunden sind, ein superanaloges Telefon, das jede*r aus ihrer*seiner Kindheit kennt.
Für eine gezieltere Show-Einlage ist nun genug Platz: Die ‘Zwei’ fächern sich mit schwarzen Papptellern zu, eine kecke Geste, mit der sie sich nahezu selbstsicher vorwärtsbewegen. Der wonnig-lächelnde Unterton dieser Geste tut seine Wirkung; wie sich die beiden hier in fast schon uniformer Choreografie zeigen, kann jeden Moment wieder abbrechen und tut es auch. Wir bekommen nicht serviert, was wir hätten erwarten können.

Die ALMAs sind in den grossen Raum zurückgekehrt. Von ihren Seilen umwickelt, bei Max um den ganzen Rumpf und bei Alf um den Kopf, stehen sie zuerst und sitzen dann, bis Anne Käthi Wehrli / Ingrid Käser mit ihrer Performance-Runde fertig sind.
Die ALMAs sind mit Haut und Haaren an ihr Malerei-Arbeitskonzept gebunden, das sich zuletzt mit den Seilen und während der ganzen Performance um sie selbst gewickelt hat. Diese malerisch-performative Verwicklung habe ich bei ALMA schon in anderen Performances im öffentlichen als auch im Kunstraum gesehen. Sie überrascht jedes Mal, zu was für Expeditionen der Überforderungen ihr Material sie verleitet.

ALMA hat sich nicht nur in der Ausstellung mit ihrem Werkkatalog-Komplex vielfach vergrössert, auch mit dem Performance-Happening, indem sie das Künstlerinnen-Duo Anne Käthi Wehrli / Ingrid Käser eingeladen haben. Dass die ‘Zwei’ sozusagen das Gegenstück von ALMA ‘performen’, passt ins Programm der künstlerischen Haltung von ALMA, das Widerspruch und Ungereimtheit aktiv duldet.

Die beiden Paare könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier der Strenge dem Material verpflichtete ALMA-Duktus: Zwei malerische Figuren, die in der Performance Querschläger ihrer eigenen künstlerischen Strategien sind, sich in den Spagat begeben, ein künstlerisches-Vorhaben zu erfüllen und dabei ihre je persönlichen und eigen-artigen Haltungen in der Performance immer wieder neu auf die Probe zu stellen. Dort Wehrli/Käser: Ihrem Material nicht verpflichtet, denn ob es überhaupt eingesetzt und somit be-griffen wird, ob es sie anspringt oder unberührt liegen bleibt, ist offen. Wir beschauen die feinen manchmal neckischen Gesten der ‘Zweien’, die für bestimmte Untersuchungen im Laboratorium ihres Spielfeldes nicht ganz nötig sein könnten. Deshalb, welches Experiment sie in dieser Improvisation ausprobieren, erschliesst sich ziemlich sicher weder ihnen noch den Zuschauer*innen. Dieser Haltung habe ich bei Wehrli/Käser in ihrer Performance während der LÄNGSTEN NACHT 2019 im Kunstraum Walcheturm morgens um 4 Uhr genüsslich zugesehen.

Bei den beiden Duos ist denkbar Gemeinsames auszumachen:
Sie haben ihren Einsatz geplant und sich darauf vorbereitet. Sie wissen, was für Material sie vorfinden und mitgenommen haben. In der Situation der Performance hier im KUNSTRAUMHochdorf entdecken sie es, was die unterschiedlichen Anwesenheiten der beiden Duos noch einmal verstärkt hervorbringt. Mit Herzblut und Verve stellen sich beide Duos quer zu Erwartungen und gängigen Modi des (performativen) Tuns, wagen es, so Raum miteinander in der Performance zu teilen. Hat das eine Duo vom anderen gewusst, was sie im Sinn haben? Oder ist dieses Zusammentreffen auch nach den Regeln von ALMA, die sich mit den Regeln von Wehrli/Käser decken, abgelaufen? Nämlich getrenntes Agieren und Entwickeln, ohne Wissen von- und Einflussnahme aufeinander? So wie diese beiden Duos in ihrer (Nicht-)Performance Gender und künstlerische Praxis neben einander (nicht ganz) ausagieren, wie sie mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen Raum teilen, einander aushalten und leben lassen, ist heute mit Blick auf die Politiken, die tag-täglich am Werken und in den News am ’Performen’ sind, ein Zug, der Performance per se ‘que(e)r macht.

© Dorothea Rust, 15. September 2020