Christoph Schuller:
Gemeinsam vor einem Scherbenhaufen

Christoph Schuller schreibt nach der Performance «Scherben» von Çigdem Üçüncü und Steffi Weismann am Mittwoch 26.8.2020 in der Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten, Berlin-Moabit.

Innen und außen – Zwei Perspektiven: Die Performance «Scherben» von Çiğdem Üçüncü und Steffi Weismann fand in der Galerie Nord, einem Kunstraum mit großen Glasfenstern in einem belebten Wohnviertel in Berlin-Moabit statt. Zu einem großen Teil spielte sich die Performance draußen auf dem breiten Fußgängerweg ab.
Die Schnittstelle nach innen ist eines dieser großen Schaufenster. Auf der Außenseite schreibt Çiğdem Üçüncü Aussagen von Angehörigen der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau mit einem weißen Stift auf das Fenster, während ihre Stimmen von Lautsprechern an der Gebäudewand auf die Straße schallen. Von innen fährt Steffi Weismann mit einem mikrofonierten Glasstück diese Zitate nach und überträgt die Sätze von wütenden und trauernden Menschen in schneidenden und kratzenden, teils schmerzhaften Klang nach außen. Dazu hören wir die Geräusche und den Lärm Berlins am Abend.

Von außen nach innen: Wir betreten die Galerie und setzen uns in Abstand zueinander an eine lange Tafel auf der zerbrochene Teegläser, Scherben und Röhrchen aus Glas liegen. Die Performerinnen animieren das Publikum, die Scherben zu berühren, mit ihnen Klänge zu produzieren, zu experimentieren, aktiv zu werden. Es gibt nun keine bloßen Zuschauer*innen oder Zuhörer*innen mehr. Wir werden zu Teilnehmer*innen. Çiğdem Üçüncü gibt einen Text herum, der ausschnittsweise von uns vorgelesen wird. Es ist ein persönlicher Text, der rassistische Erlebnisse aus der Perspektive von Einwandererfamilien in Deutschland schildert. Wir geben ihnen eine Stimme und nehmen selbst ihre Positionen an: Empathie. Währenddessen der kratzende, klirrende und klingende Sound von Glasscherben.

Glasscherben: Zerbrechlich, fragil, schön, Kristall, gefährlich, scharf, nicht wieder reparierbar? Es ist der Stoff dieser Performance, der den Sätzen, den Ereignissen eine klangliche Entsprechung gibt: «Ich bilde mir dann ein, dass ich Glasscherben im Auge habe», heißt es an einer Stelle.
Wir werden allmählich still und die Performerinnen übernehmen wieder nach unserer Improvisation. Sie betreten mit nackten Füßen zwei auf dem Boden liegende große Glasplatten, unter denen kleine Bruchstücke liegen. Das Knistern des Glases wird immer wieder von ohrenbetäubenden ‚Schüssen‘ unterbrochen, die entstehen, wenn durch den Druck des Körpergewichts die kleinen Glasstücke unter der großen Platte bersten und diese auf den Boden knallt. Im langen offenen Raum hallen diese Klänge weit nach.

Geschichte: Nun beginnt Çiğdem Üçüncü frei zu erzählen. Selbst aus Hanau stammend, nimmt sie in großem Maße Anteil an den Geschehnissen. In Hanau fordern Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, dass man doch endlich mit dem Thema abschließen müsse. Üçüncü wirft daran anknüpfend die Frage in den Raum, welcher Bevölkerungsteil diesem Land wirklich ‚fremd‘ sei. Wer lebt in einer Illusion und wer ist von der harten rassistischen Realität dieses Landes betroffen? «All die Jahre dachte ich, dass du dich mit dem Stacheldraht vor uns schützen wolltest. Doch nun ist klar, dass die Gefahr von dir ausging», lautet eine Zeile aus ihrem Text.

Gesellschaft: In mir entstehen das Gefühl und die Erkenntnis, dass das Bild unserer funktionierenden Gesellschaft ein zerbrechliches ist. Und ist es einmal zerbrochen, so stehen wir gemeinsam vor einem Scherbenhaufen, den man nicht reparieren kann. Nacheinander wird uns angeboten, die Namen der Opfer nun selbst vorzulesen. Dazu stets die Klänge von schneidendem Glas auf Glas.
«Wer tötet? Nicht die Ferhats, sondern die Tobiasse! Es gibt noch hundert Tobiasse! Niemand wird als Rassist geboren!», heißt es in der Aufnahme und nun an der Fensterwand außen. Es geht nicht um einen Täter. Es geht generell nicht um Einzelne. Es geht um das, was im Inneren einer ganzen Gesellschaft brodelt und jederzeit und überall an die Oberfläche ausbrechen kann. Meinungen, Hass und politisches Handeln entstehen gemeinsam. Es geht um das «Wir». Wir wurden in der Performance angesprochen, wir sind Teil dieser Gemeinschaft, wir handeln und wir müssen aktiv werden. Alle sind politisch in dem Sinne, dass jede und jeder Einfluss auf seine Nachbarn, seine Familie, seine Stadt hat.

Teilhabe: «Politisches Denken ist repräsentativ in dem Sinne, daß das Denken anderer immer präsent ist. Eine Meinung bilde ich mir, indem ich eine bestimmte Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachte, indem ich mir die Standpunkte der Abwesenden vergegenwärtige und sie so mit repräsentiere. […] Je mehr solche Standorte ich in meinen eigenen Überlegungen in Rechnung stellen kann, und je besser ich mir vorstellen kann, was ich denken und fühlen würde, wenn ich an der Stelle derer wäre, die dort stehen, desto besser ausgebildet ist dieses Vermögen der Einsicht […] und desto qualifizierter wird schließlich das Ergebniß meiner Überlegungen, meine Meinung sein.» 1)
Die Philosophin und Historikerin des 20. Jahrhunderts, Hannah Arendt, macht in diesem Zitat klar, dass Politik eine Aufgabe der Gemeinschaft ist. Meinungen bilden sich nicht allein und politisches Handeln ist keine Sache von Einzelkämpfern (auch wenn es gegenwärtig vielerorts so zu sein scheint). Nein, Politik ist Partizipation und Teilhabe. Ihr Raum ist die gemeinsame Öffentlichkeit.
Wir verlassen die Performance, bleiben aber im Raum und tun das, was man als einen ersten Schritt sehen kann: Wir tauschen uns im Gespräch miteinander aus und sprechen gemeinsam über Lösungen. Wie überwinden wir Alltagsrassismus? Wer muss aktiv werden? Die anwesenden Künstler*innen machen deutlich, dass sie mit Initiativen wie AARC («Artists Against Racism Collaborative») handeln wollen, aber schnell wird klar, dass es nicht bei der Kunst als Sprachrohr von Positionen aufhören darf. Wir brauchen den «Standort» von Anderen für eine «qualifizierte Meinung», wie Arendt sagt. Wir brauchen den Austausch für Empathie und die Fähigkeit, unser Gegenüber zu akzeptieren und wertzuschätzen. So jedenfalls der Konsens der Gesprächsgruppe aus Künstler*innen, Performer*innen und Teilnehmer*innen. Alle tragen ihren Teil dazu bei mit Nachbarschaftshilfe, Zivilcourage, dem Aussprechen von Tatsachen und Solidarität. Ein Anfang ist das Erinnern an die Opfer und ihre Namen: #saytheirnames.

1) Arendt, Hannah: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München: Piper, 52019, S. 61–62.

Datum: 26.08.2020
Beteiligte: Çiğdem Üçüncü und Steffi Weismann
Titel: «Scherben»
Ort: Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten, Berlin-Moabit
Anlass: Gruppenausstellung «bis hierher und nicht weiter. this far and no further», 17.07. – 31.08.2020
Kuratiert von Ulrike Riebel, Karen Scheper und Veronika Witte