Bettina Landl:
When Species meet. Eine Annäherung

Bettina Landl schreibt zur Performance «Octopus» von Alex Deutinger, Marta Navaridas und Christoph Szalay, aufgeführt im Forum Stadtpark in Graz vom 9.-15.10.2018.

«You enter a world you cannot judge by the rules you have learned», heißt es im Booklet zur Performance «Octopus», die Anfang Oktober an sechs Abenden im Forum Stadtpark in Graz stattfand.

Auf einem Bühnenelement, das einem Podest ähnlich als Plattform dient, räkeln sich Alex Deutinger, Marta Navaridas und Christoph Szalay, bieten sich Ausstellungsobjekten gleich, ihrem Publikum an, sind Symbol für das zum Gegenstand der Betrachtung gemachte Wesen des Oktopus. «Dear, have you ever tasted with your entire body? Have you ever felt three hearts beat at once? Dear, has anyone ever told you that we’re in this together?» Die Besucher*innen finden sich im Halbdunkel vor einem weißen Textil wieder, worauf für mehrere Minuten Unterwasseraufnahmen aus dem Meer gezeigt werden, in dem neben Seegras und aufgewirbeltem Sand auch Körper zu sehen sind, in Stoffe gehüllt, durch das Wasser gleitend. Der gesamte Raum wird vom Musiker Stephan Sperlich live bespielt. Es ist eine scheinbar andere Welt, die sich hier herausbildet, in der sich die Frage nach dem Menschsein stellt, nach fremden oder vielleicht uralten Wahrnehmungsweisen, nach Allianzen. «Disorientation is the key. Embrace being lost.» lautet die Losung. «You feel nausea, vertigo, dizziness. You want to throw up? Don’t panic. Nothing’s going to happen. You are just not accustomed yet to this world.» Hinter dem Vorhang ist vor dem Vorhang. In sphärisches Licht getaucht, zeichnet sich Stoffliches ab, etwas sich Transformierendes, das auf die Beschaffenheit dieser unvertrauten Welt hindeutet, unserer Welt. Es empfiehlt sich die Ausbildung anderer Eigenschaften, differenzierterer Merkmale, ein Annähern, Berühren, Eindringen, Ausufern. «It’s only mystery.» Ikonenhafte Bildausschnitte, Einstellungen, Positionen, Assimilationen. Ich und du, wir sind viele. Wir sind eins. Wir atmen Wasser. Es ist die Verkörperung des «Anderen», wenn Deutinger, Navaridas und Szalay schwimmen, schweben, schwerelos, im Urmeer, in dem sich die ganze Welt im Zustand des Noch-Nicht-Seins befand, der prima materia also, aus dem all das Entstandene hervorgehen sollte. Rudimente sind Haut, Oberflächen, Empfindsamkeit, sinnliche Ordnung.

Der Vorhang als Schleier, als Symbol der Offenbarung. Ein Körper, der mit Tinte bemalt wird. Flächen, Klänge, ein Anrühren, (Über-)Winden, (Be-)Greifen. Das Tier als Metapher. Es sind Konstruktionen, Lebensräume, Lebensformen, Organe, – ein Wechsel der Perspektive(n) also, Organismus, Symbiose, Faszination, ein Arbeiten mit, zu, über und durch, wobei Sprache nicht mehr als Ausdrucks- bzw. Kommunikationsmittel dienlich ist. Es ist vielmehr ein Fühlen, Einfühlen, und die Vorstellung von Freiheit, deren Begrenzungen, denn irgendwo ist immer eine Grenze oder Übergang oder Berührung, ein Zusammenführen, Dialog, eine Begegnung.

Es glänzt, wenn Deutinger «covered in gold» von einer «great revolution» singt, er Bildmotive provoziert, die an die Kreuzabnahme Jesu erinnern und damit die Bedeutung eines Schicksalsmotivs bemüht. Die Komposition des Stücks, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, das Licht, die Spiegelungen, das Wasser, all das kann ebenso als Sujet der Evolution, der (menschlichen) Existenz überhaupt gelesen werden. «Octopus» ist Phänomenologie, ein Tanz, eine Bewegung, eine freundliche Einladung «to change everything», ein Mikro- und Makrokosmos zugleich, dessen Vereinigung, eine Aussage, Ansage, Haltung.

Die Performance wird dominiert von der Bildebene, während die Textebene auf ein Minimum reduziert ist. Die Körper verweisen auf ein transversales vegetatives Selbst. Ihr Geschlecht spielt keine Rolle – sie sind Hybride, biomorphe Masse. Die Dramaturgie entspricht einem Mäandern, ist ein Heranführen, ein Werben fluider Formen. Sie verschränken sich flexibel. Jede Geste ist eine Setzung. Behutsam werden Haltungen eingenommen, um sich sogleich wieder weiterzuentwickeln. Nichts ist fest, alles ist flüssig. Es ist ein Betasten, Erforschen, letztlich eine Wesensschau, bildgewordenes Manifest, das daran appelliert, das sogenannte «Kinship»- Verhältnis als Grundlage politisch-aktivistischer Strategien zu bestimmen: «Making kin and making kind (as category, care, relatives without ties by birth, lateral relatives, lots of other echoes) stretch the imagination and can change the story». Es geht um die Entwicklung solcher Strategien und Netzwerke zur Veränderung menschlicher, kapitalistischer, planetenumspannender Auswirkungen der Globalisierung und dessen Erfordernis neuer Begrifflichkeiten. Es ist der Gedanke Donna Haraways, der das utopisch anmutende Chthulucene beschreibt und dem Projekt als Referenz gilt: «Maybe, but only maybe, and only with intense commitment and collaborative work and play with other terrains, flourishing for rich multispecies assemblages that include people will be possible».

Wir sind «covered in darkness», umgeben von Raum, wir sind Raum. Ein neuer Existenzialismus also? Zumindest die Frage: Wie leben? Spurlos, vage, transsubjektiv, transzendent, transeunt. Wir sind Figuren, Gebilde, Gestalten, Sinnbilder, Vorbilder, Fetisch. Lasst uns der Einsamkeit ein Ende machen. Wir sind metaphysische Wesenheiten, Zustände, utopische Körper, Sinnlichkeit, konkrete Poesie. «Think of relief, revealing, unveiling, unraveling, la rêve, other skies, other stories, other skies tell other stories, desire, someone, love.» Wir sind getauft. Unverhüllt steht die Wahrheit vor uns: Posthumanismus, Postmaterialismus, Metamorphose. Das Anvertrauen an den Traum, den Augenblick, das Leben, weil wir uns im Fallen gegenseitig halten. «Someday there will only be water, water, water, and we shall be floating.»

Concept and Performance: Alex Deutinger, Marta Navaridas, Christoph Szalay
Underwater Cinematographer: Txema Vega Villate
Video Director and Editor: Mikel Yarza
Costumes & Stage: Sarah Sternat
Music: Stephan Sperlich
Light: Svetlana Schwin
Sound Design: Stefan Ehgartner
Video documentation and trailer: Ulrich Reiterer
Production and Tour Management: Sophie Schmeiser
Production: PERFORMANCEINITIATIVE 22
Underwater Equipment Support: Txema Vega / Underwater Film Service (txemavega.com)
Supported by: Kulturamt der Stadt Graz, Kultur Land Steiermark, Bundeskanzleramt Österreich, Theaterland Steiermark, Forum Stadtpark, Theater im Bahnhof
Thanks to: VCR and Monitoring: Streaming on Set (streamingonset.com), Theater Im Bahnhof, Monika Klengel, Jacob Baningan

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