Bernadett Settele:
Turbine 2016

Bernadett Settele schreibt im Auftrag von International Performance Art Giswil zu Performances des Festivals, insbesondere aber zu «Territorial» von Rita Marhaug am Samstag 10.9.2016.

Diese Halle eignet sich immer gut dafür, einen Rahmen abzugeben: Hier habe ich viele Performances gesehen, die später immer langsamer wurden und zu einem Bild schrumpften. Was aber nur betonen soll, dass sie schließlich zu etwas Bleibendem geworden sind. Gerade sind mir aus irgendeinem Buch zwei Postkarten entgegengefallen, auf denen die beiden Performerinnen Monika Günther und Ruedi Schill stehen, sogar: dastehen, die das Festival einst angefangen haben («künstlerische Leitung des Festivals seit 1998»); seit 2014, im dritten Jahr, leitet es Andrea Saemann. Eine Karte zeigt einen Parkplatz, eine die Turbinenhalle. Erinnere ich mich da recht?

Ausdifferenziert haben sich die Orte, und damit auch die Kontexte, die Farben, die Geschmäcker, die Atmosphären, wenn es auch viele doch in die Halle zurückdrängt. Bei meiner Ankunft dieses Jahr, 2016, einen Zug später als gemeint, begegnet mir und meinem Fast Walking Partner: eine Anzugfigur auf Wiesengrund (Darren Roshier). Stark im Gedächnis sodann: ein rosa S/M-Scampi auf Betoncarrée, zu dem ich später sicher noch mehr sagen werde (Rita Marhaug).
Farblich konträr assortiert, ich benutze das Schweizer Wort, kämen nun Karrée und Kreuz in die fette Wiese gesenst, an der steilen Hangkante neben der Halle: auf Holzbrettern mit schrägen Sohlen. Ein Paar, um den Hang rauf und runter zu gehen für die vertikalen Linien (so geht man nicht sensen), und eines für die horizontalen Querbalken, eine schwarze Gestalt auf grünem Grund (Sigmund Skard), statt weiß auf rot. Als er nachher seinen Rucksack auspackt, wird die Liebe zum Detail deutlich: Skard holt vier Holzschuhe heraus, zwei fürs Steigen (umgekehrt angezogen fürs Absteigen), zwei fürs Queren nach links (umgedreht fürs Queren nach rechts).
Aber zurück zu den Figuren. Last not least eine forsche Vermittlerin-Figur auf dem Betonboden in einer Halle, in eben dieser Halle, die sie erklärt; dahinter eine Rohrkonstruktion, davor Leitungen, die ins Land hinaus führen, und eigentlich ist ja die Kaverne nebenan, in den Berg gesprengt, die heute den Strom produziert, die Halle zu nichts nutze … eine laute Figur, mal klein, mal groß, die die Halle füllt, Druck erzeugt und uns, das Publikum, funktional macht (Angela Hausheer). Sie improvisierend, wir beobachtend, wie viele Leute die zuletzt weit in der Halle verstreuten Rohrstücke einsammeln und eine schräge Leitung bauen, eine Ebene, auf der die Energie, das Elektron, eine Murmel, hinausschiessen kann. Auf Nachfrage sortiert mir Hausheer aus dem sprachlichen Assoziationsfeld die vier Begriffe Kraft, Druck, Spannung und Energie heraus. Macht Sinn!

Und dann gibt’s die anderen, die sich einrichten und in sich ruhen / um sich (herum-)rennen, die jedenfalls, die eher ihre Rahmung selbst schaffen, als einen Rahmen zu thematisieren:
Die einen beiden machen, hin und her eilend, Feuer und Wasser auf der Brücke, M. (der eine) rupft Löwenzahn und qualmt damit herum, M. (die andere) schöpft Wasser vom Bach und erzeugt kunstvoll Wellen – und plantscht daher, dass es eine wahre Freude ist (Maya Minder, Milenko Lazic). Künstlerinnen-Kinder als Fans daneben; Bauerskinder hinterm Gatter blickend.
Die andere, im Environment mit heiß und kalt auf Wolldecken, samt Verteilung von Flaschenwasser und kunsthandwerklicher Animation (Simone Rüssli): geht herum, bezieht, rollt aus, sammelt ein. Schaut auf uns herunter von Leitern. Hingelegt vor Kühlschränken, lauschen wir einem Loop: Wellengerausche. Sehen sie den Kühlschrank schlämmen mit Ton. Gehören irgendwie da hin … wohin? Hören wir die Widmung, den Sahrauis.
Der Animator im Anzug, der unsere stimmlichen Äußerungen auf seine Gesten abstimmt, uns abrichtet (Hans Christian van Nijkerk). Ein Baum auf Gummistiefeln, kugeliges Grün mit raschem Schritt, von weitem, von nahem, ein Anblick auf dem Weg zur Halle (Irina Lorez).

Damit wären alle benannt außer Anne-Liis Kogan (Anne-Liis Kogan), deren biografische Erzählung, vorgelesen, mit live Loopgerät und medialer Übersetzung in Zusammenfassung durch eine Schreiberin (Barbara Naegelin) ich nicht einordnen konnte. Ich deute sie nicht als Thematisierung des Problematischseins von Übersetzungen, aber genau dies wurde klar. Ein hartes Leben? Wenn so viele Worte gemacht werden, versagt die Mitschrift.

Beeindruckt hat mich Rita Marhaug. Marhaug saß lange in einem engen durchsichtigen Kostüm wie eine übergroße Garnele in einem Betonbecken, das wie ein Überlaufbecken schien – überwuchert mit Pflanzen. Wir als Publikum schauten von oben, wie sie saß … wie sie schließlich aufstand und sich in Pumps die schräge Rampe hinaufquälte. Die Strumpfhose zerriss. Ein Zischen hörte ich, das sie nie ausstieß, als sie gebückt wie ein Wolf zwischen uns hindurchglitt, ja, -schlich, ängstlich und drohend. Uns wie eine komische Zwergenfigur bedeutete mitzukommen in die Halle. Wo sie die Kappe abnahm, die das Komischste von allem ist: eine Kappe mit Nähten/Wülsten, rosa wie der Rest des Kostüms, und in meiner Erinnerung eben ein bisschen Richtung Fetisch weisend, obwohl sie rosa war. Keine Augenlöcher, oder doch? Marhaug hat Tätowierungen auf dem Rücken wie die geschwungenen Schalllöcher eines Cellos – wo hört die Performance, diese Performance, auf, wie weit reicht Kunst ins Leben hinein – und woher kenne ich dieses Tattoo, von Man Ray? Wieso berührt es mich so, das zu sehen?
Noch weiter darüber nachgedacht. Was Rita Marhaug zudem macht, ist, Formen anzunehmen, die in Bezug zu sie umgebenden Formen stehen: gewinkelt im Carrée, gebogen zum Kreis, wenn sie dann gebückt geht, diagonal beim Aufsteigen. Dieser Körper zudem (oh, ich habe meine Probleme mit vergeschlechtlichten Körpern) bringt mich dazu, lang zu überlegen, ob er Thema werden soll, und doch: Der Körper, wie Marhaug ihn bearbeitet hat und ihn uns zu sehen gibt, ist rund, aber auch eckig, gerade und gebeugt, mit Geschlecht und queer, klein, zudem, und auch wieder nicht. Über Körper oder Frauen wurde genug geschrieben – und doch: Das ist hier etwas anderes. Zuletzt nimmt er die Form eines Dreiecks an: Strumpflos stellt sie die Beine weit auseinander … Territorial heißt sie, die Performance.

→ siehe auch Texte von Elias Kirsche, Alisa Kronberger und Marshall Maihofer über dieselben Performances

9 Monika Günther und Ruedi Schill
9 Rita Marhaug