Bernadett Settele:
Leseglocke für ApresPerf

Bernadett Settele schreibt im Auftrag von ApresPerf einen Text zu Texten zu Performancekunst, aus Anlass der performativen Präsentation «Leseglocke» von ApresPerf im Kunstmuseum Luzern am 16.9.2015.

«Es interessiert die stattgefundene Performance und es interessiert die Position der – im Nachhinein schreibenden – Zeugenschaft.» stammt von www.apresperf.ch

«You can’t be not affected.» sagte mal Judith Butler, mündlich.

Ich sage: Being affected braucht der Äußerung nicht entgegenstehen.

Ziel dieser öffentlichen Rede ist, im Überschwang die Seite Apresperf zu feiern, auf der seit zwei Jahren textliche Äußerungen über Performance zu finden sind. Der Text, mein Text wäre also: aussagekräftig! Jedes Wort wohlgesetzt. … oder er wäre barock! Ausufernd. Welches von beiden träfe es mehr?
Let’s try. Fangen wir mit einer analytischen Frage an. Sind Performances etwas, das echt und präsent, etwas, das temporär wirklich vorhanden ist – sind Performances ein «Ding»? Kann ich sie bezeugen? Oder muss ich stattdessen erst einmal über die Konstruktion dieses Dings sprechen, über den Diskurs, der es ausmacht, und die Prozeduren, die das Ding «Performance» erzeugen? Etwas bezeugen heißt: Da war etwas, echt. Dazu braucht es eigentlich nicht viele Worte. Es war. Ich war dabei.
Manche lesen Kunst, oder hier, Performance, gern als Ansammlung von Metaphern, als ein Bild für etwas aus Körper, Handlung, Material, Zeit und Raum, das dechiffrierbar ist und etwas zu bedeuten hat, wenn auch nicht etwas, das so ganz leicht in Sprache zu fassen ist – es könnte ja auch etwas Neues und noch Ungefühltes, Ungesehenes, Ungesagtes sein. Da ist auf Apresperf ja oft ein gar ausführliches und ausschweifendes Bezeugen. Vielleicht müssten wir hier auch über Metaphern reden. Die Metapher ist das Bild, das nichts mit dem Ursprung zu tun haben braucht, eine Ersetzung des echten Lebens, des Erlebten. Wenn die Performance eine Metapher ist, was wäre dann der Text – zumal, wenn er bildlich-verspielt ist? Die Metapher einer Metapher?
Metonymie ist das Gegenstück zur Metapher. Eine Metonymie gilt als Ersetzung des Ganzen durch einen Teil, oder besser: Die Fortschreibung von etwas mittels eines Teils, einer Auswahl aus diesem Etwas. Dabei verschiebt sich was, und es bleibt auch selten bei der einen Verschiebung. Eine metonymische Verschiebung schiebt und schiebt und schiebt … wie im Traum … wie im Begehren. Eine Fluchtlinie, ein Blitz.
Auch Zitieren heißt etwas zu verschieben. Mein Text könnte aus Zitaten bestehen.

Aber weiter im «Ausloten des Raums Performance – Text», wie Monica Klinglers Statement auf Apresperf vorschlägt. Mein nächstes Zitat: «Lacan sieht in der metonymischen Wort-für-Wort-Verknüpfung die grundlegende Möglichkeit des Subjekts, in der Sprache etwas ganz anderes zu sagen als das, was scheinbar zu Gebote steht.» (Gudrun Pagel: Jacques Lacan, Hamburg: Junius 2012, S. 46). Na also. Hier wird doch das Schreiben produktiv. Und mit noch einem Zitat fort- bzw. weitersprechend füge ich noch eine Definition der Metonymie an: «Der Verlust des ursprünglichen Objekts, das sodann von einer unendlichen Reihe von Ersatzobjekten vertreten wird – von einer unendlichen Metonymie des Begehrens.» (Claire Nioche und Johannes Kleinbeck: Der Körper, der in der ‚Sprache wohnt’. Anmerkungen zum Affekt zwischen Psychoanalyse und Phänomenologie, RISS 83, 2015, S. 79). Den Autor*innen dient dies allerdings zugleich zur Hinterlegung des Gedankens, dass kein Begehren durch den Akt (!) ganz erfüllt wird. Führt also die Beschreibung vom Ereignis weg oder geradewegs zu einer Rekonstruktion des Ereignisses hin? Ist die Beschreibung eine Fluchtlinie aus Ersetzungen des Gesehenen, die durch das eigene Begehren immer weiter fortgetragen wird, sodass sie etwas Neues erzeugt? Oder soll die Beschreibung das Alte sichern? Bezeuge ich etwas, das war, oder entferne ich mich davon?
Beschreibungen des Ereignisses, die dieses mythologisieren, treten durchaus auch in dekonstruktivistischen und phänomenologischen Kontexten auf, meint Nina Tecklenburg in ihrem Text Telling Performance. Und sie gibt einige Beispiele. Obwohl, füge ich an, ich diese Theorierichtungen ja dafür liebe, dass sie betonen, es müsse halt und könne eben nur rekonstruiert werden, weil da eben kein (authentisches) «Ding» vorher da und überhaupt gegeben sei. (Nina Tecklenburg: Telling Performance, in: Fischer-Lichte/Czirak/Jost/Richarz/Tecklenburg (Hgg.): Die Aufführung. Diskurs, Macht, Analyse, München: Fink 2012, hier S. 179). Ein Ereignis wäre also ungesichert und unsicherbar, und es wäre singulär, das heißt: nicht wiederholbar und doch auf etwas allzu Bekanntes verweisend, wohlgemerkt. Und ich frage Dich, uns, Apresperf: Wie entkommen wir der Mythologisierung im Nacherzählen, wie entkommen wir einem Nacherzählen, das einer ursprünglichen Erfahrung nachhängt, einer wirklich stattgefunden habenden Performance, und dem wirklichen Sinn, den sie für mich, für Dich, für uns gehabt haben mag? Sind Performances überhaupt beschreibbar? Und um welchen Preis? Wer oder was spielt dabei alles mit? Es gibt diejenigen, die sagen, über Performance kann eine_ nicht reden, das müsse man fühlen. Da geh’ ich doch lieber mit dem linguistic turn, auch wenn wir baden gehen. Die Kulturwissenschaft muss über Kunst reden, um sich ihrer zu versichern, auch wenn sie nur scheitern kann. Das weiß sie.
Mit seiner Neuinterpretation des Unbewussten als sprachförmig Strukturiertes verleiht Jacques Lacan der Psychoanalyse eine linguistisch fundierte wissenschaftliche Form, habe ich mal gehört (Pagel 2012:47). Mit Hilfe so eines Unbewussten kann ich all jenen Theorien entgegentreten, die es mir als das Reich des Instinktiven, Animalischen, Irrationalen oder Archetypischen definieren. Oder denen, die finden, die archetypische Performance sei nicht in Sprache verklausulierbar. Doch, ist sie, aber dabei verändert sie sich. Es wird etwas anderes aus ihr als das, was sie vorher nicht war (sic, weil wir nicht wissen, was sie vorher war).
Das heißt, im Unbewussten des sprechenden Subjekts gibt’s jetzt Regeln, da gibt’s Mechanismen, die wirken. Und die aber, auch das ist wichtig, nicht kausal oder linear wirken. Eher so wie die Metonymie: sie wirken fort. Und ich beziehe das auch auf Apresperf. Wenn das Unbewusste linguistisch strukturiert ist, und Sprache der einzige Weg, eine narrative Version des Selbst zu geben, dann gilt das, scheint mir, auch für das Sprechen und Schreiben über die Performancekunst. Es wirkt fort. Nicht heim oder hier.

Einzig, was genau dabei passiert, wenn wir uns erinnern, ist nicht klar. Wie sich etwa sprachliche mit bildlichen Anteilen vermengen und eben jene Verschiebungen erzeugen, die aussagekräftiger sind als die Beschreibung selber, zumal Arten von Beschreibung, die zu sehr am Video oder am Text kleben, oder die gar akribisch alles Gesagte, alles Getane, alles Gesehene aufzählen.
Erinnern wir uns bildlich? Vergessen wir unbewusst? Verschieben wir sprachlich? Schreiben wir nur in der Sprache, oder auch im Bild? Schreiben wir auch das hin, was wir weglassen, und ist das Weggelassene eigentlich das Wichtigere? Wer liest von zwischen den Zeilen das heraus, was verschoben wurde?
Es scheint, dass ein endloser Fluss von Verschiebungen möglich ist, aus dem jede Nacherzählung und jeder Text auszuwählen bzw. ausgewählt hat. Es gibt jedenfalls Text, den Performances erzeugen, auch jene, über die gar nichts geschrieben wurde. Und wir nehmen an, dass dieser Text mit dem Unbewussten der Zeugin* zu tun hat … ohne dass wir das so ganz genau erschließen könnten. «Lacan» sagt Pagel, könne «auch jenen hermeneutischen Verfahren Paroli bieten, die qua Verstehen und Erklären hinter der Oberflächenstruktur einen ursprünglichen Sinn zu finden glauben.» (Pagel 2012:47) Wäre also nur plausibel, dass ich den ursprünglichen Sinn Deiner Performance nicht finden werde, liebes Gegenüber, liebe Performerin, liebes Kollektiv, liebe Situation, und dass Du nicht den Sinn meiner Performance-Erfahrung erschließen kannst, von der Du hier liest. Denn ich habe verworfen, um die Peinlichkeit zu vermeiden, und ich habe verschoben, um das, was ich an mir selbst nicht wissen will und nicht wissen kann, zu umrunden.

Wir schreiben alle um den Brei herum, einen Brei zudem, den es – so – gar nicht gibt.

Bernadett Settele, Februar 2016/Oktober 2016.


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