Ariane Tanner:
The Gathering – die Zusammenkunft

Ariane Tanner schreibt nach der Performance «The Gathering – die Zusammenkunft» am Samstag 6.6.2015 von 13.30 bis 16.30 Uhr auf dem Waisenhausplatz in Bern.

Was habt ihr mitgebracht auf den Platz? Euch selbst, vielleicht Holz und Material, ein Zitat zum Baum und zum Wald. Genau, wir erinnern uns: einzeln und brüderlich zugleich.

Hier aber kaum Bäume, bloss zwei, schüchtern wachsend, von Holzgestellen umzäunt, spärlicher Schutz. Den Schattenwurf des «Ora-et-labora»-Gebäudes hatten gerade noch Holzscheite nachgezeichnet, sie liegen bereits wieder an der Sonne. Füsse im kühlenden Wasserstrahl des Oppenheimbrunnens und ein rücklings ausgestreckter Körper auf dem heissen Asphalt. Ein Haufen Holzspäne und Geschäftigkeit mit abgewickelten Fäden. Ein mitgebrachter Stuhl richtet sich nach der Szenerie aus, ein halbhoher Pfeiler lädt zu Kontemplation ein, die quer über den Platz verlaufende Betonfuge wird zur langsam abgeschrittenen Fluchtlinie. Aus den Gebäudeschatten rechts und links des Platzes wird herausgeschaut, beim Brunnen zu zweit in die Lüfte. (Die Mikrophonstimme vom Marktplatz kündigt euphorisch an: «Live-Musik!»)

Fortbewegung mit drei Wasserkübeln. Aufgestaute Zehen an Kübelwänden. Eine dunkle, verdampfende Spur hinterlassend. Hände im rinnenden Brunnenwasser. Gräser, abgepflückt. Blumen, in die orangen Socken gesteckt. Eine Holzmaske am Hinterkopf. Ein bretterbeladenes Wägelchen auf der Betonfuge geht einem weissen Gewand hinterher. («Zigi-Zagi-Zigi-Zagi-Hoi-Hoi-Hoi!» dröhnt’s von der anderen Strassenseite herüber. Kollektive Marktplatz-Ekstase bei über 30° am Samstagnachmittag in Bern?!) Und raus aus den Kübeln, einen gepackt und weg. Ein Kopf unter dem Wasserstrahl, auf der anderen Seite des Brunnens Füsse im Nassen. Andere Füsse stehen jetzt da, wo dieser Gebäudeschatten ist, diese, wenn man genau hinsieht, unkonturierte Kante, diese ausfransende, wandernde Grenze zwischen Hell und Dunkel. («Hoh-eh-ho-o!» Zum Mitsingen fürs Publikum. Eine Stimme antwortet.) War’s ein Kuss auf die Maske; nein? Holz antwortet nicht. Oder doch? – Touch wood! – Auf dem Holzweg sein. Etwas auf dem Kerbholz oder viel Holz vor der Hütte haben. – Und: Wie man in den Wald hineinruft…, gell, merk‘ dir das…, so schallt’s auch wieder heraus. Gartenhandschuhe im Sommerrock. Der Zwirn, in die Luft gehalten. Geschliffenes Holz. Ein feuchtes Tuch, ein Kopfstand darauf, Blumen in Sockenhaltern kommen so der Sonne näher. Ein Schädel, gerieben am Boden. Eine Baumstütze frisch gebürstet. Ein verlassenes Picknick-Köfferchen. («Du hast mich tausendmal verletzt!…» Es lebe der Schlager.) Eine rote Umhängetasche wird spazieren getragen.

Wie ist dieser Brunnen eigentlich? Was ist er? Aus Stein? Aus Metall? Aus Rost? Überwachsen mit Gras, vermoost? Was ist es: ein moosgewordener Metallbrunnen oder ein allmählich sich versteinernder Rostgrashaufen? – Ein Fels in der Brandung. Aber Schwemmholz. – Wie ein eherner Block. Aber aus weichem Holz geschnitzt.

Balance gesucht. Mit der Maske. Sitzend auf Holzscheiten. Bretter, auf dem Kopf getragen. Aufgeschichtete Scheite. Gehen in Kesseln. Die Maske ist kaum mehr vor dem Gesicht. («Oh läck du mir, oh läck du mir, oh läck du mir am Tschööpli!») Eine Schnur hinter dem Nacken durch, die Arme ausgetreckt, die Hände halten die auf beiden Seiten herabhängende Schnur. Es fehlen bloss die Wassereimer links und rechts. Und fast durchsichtige Fäden werden weiterhin abgewickelt rund um den Holzspanhaufen, die Enden auf dem Boden festgeklebt. Eine Maske wird feilgeboten innerhalb eines abgesteckten Holzscheit-Zirkels. Sie knallt auf den Boden. Die dicke Nase weist Richtung «Gymnasium». Nackte Füsse auf dem Asphalt, ein Rennen. Zu heiss. (Da fällt auf: die Musik hat aufgehört.) Und was ist diese Linie quer über den Platz? Eine Wasserrinne? – Eine Dehnungsnut. Weisses Gewand, weisser Rucksack wie ein übergrosser Turnbeutel, bis zu den Kniekehlen herunterhängend, oben lugen Äste heraus, stundenlang getragen. Schrittchen für Schrittchen. Fotographieren der Szene mit dem Fotographen, der fotographiert wird, was die Fotographin fotographisch festhält. Die Bretter sind festgezurrt mit Spannern, am Bein, am Kopf. Ein anderer Kopf im Wasserkübel. Ein Picknick im Spagat beim Brunnen, die Schuhe auf der Zeitung. Ein Span wär’s noch gewesen, auf die Holzscheite drauf, der Turm bricht aber ein, der Span hängt noch wie eine leere Drohung in der Luft. Heuschnupfen allenthalben. Zwischen den Beinen ein Scheit. Drei andere werden weitergereicht. Erfolgreiches Stöckchenschiessen. Acht mit drei Versuchen. Die Holzscheite gehören auch unters fremde T-Shirt und unter die Hosenaufschläge. Dann ein Wälzen auf dem Boden, ein Knacken im Gebälk. Der Apfel muss auf den Kopf während dem wiederaufgenommenen Gehen auf der Linie. Ein Wägelchen wird ebenda wieder entlanggezogen, gleichzeitig Bretter auf dem Kopf balanciert, eine Maske nähert sich von der anderen Seite auf derselben Furt. Der Spagat zeigt sich dem Brunnen. Ordentlich aufgeschichtetes Holz vor dem «Ora-et-labora-Gebäude». Ein Passant: «Das isch aber nöd zum Grilliere.» Die Scheite unter den Kleidern kommen, als wär’s eine hölzerne Geburt, auf dem Asphalt zur Welt. Die rote Tasche spaziert weiter umher.

Ein brennendes Feuer, dazu mehr Holz, aus dem Ärmel geschüttelt. Ein Apfel ist an seinem Bestimmungsort angekommen, am Ende der Linie, beim schwarzen Mann, die Füsse im blauen Kübel, er isst den Apfel auf. Beim Brunnen eine WC-Bürste, ein Lappen, ein türkises Tuch, transparentes Klebeband, ein Badekleid, zwei Seile, eins dicker, eins dünner, eine grüne Stola, eine blaue Mütze, eine Pflanze, ein Starbucks-Becher, leer, darin ein Zweig. Papierblumen kommen zum Gartenbeet hinzu, ein Gesteck im Badekleid. Was ist mit diesen Schnüren? Sind sie fest, sind sie stark? Sind sie eigentlich da, um etwas zusammenzuhalten oder auseinanderzunehmen? Also: einen Holzspan gegriffen, am Ende des feinen Fadens festgemacht, dann den Span auf den Haufen gelegt, den Faden abgewickelt, mit einem Stück Klebeband auf dem Boden festgeklebt. Kleine Stücke Klebebands auf dem Boden, ausstrahlend vom Holzspäne-Haufen. Noch ein Span aus der Holzkiste gegriffen, noch einmal den Faden festgemacht, noch einmal ausgelegt. Ein Netz von fast durchsichtigen Fäden, darin sich andere verfangen. Unsichtbare Bande.

Wann ist ein Kollektiv? Wenn’s jemand bemerkt hat? Wenn es zwei Leute finden, oder eher 3? Kann ein Kollektiv einseitig definiert werden?

Fast ausgezogene Brunnennymphe, Tasche umgehängt mit «Self»-Aufschrift. Der Fotograph, der Voyeur. Die Weissgewandete wird geschützt vom schwarzen Mann durch ein Segel. Passant: «Hat das etwas mit Mythos zu tun?» Holz zu Mund zu Mund zu Holz. Ein Lappen, schwarz-weiss-Fotographie, übergossen. Auf zwei senkrecht aufgestellte Hölzer stehen wollen. («Eis – zwöi – drü!» Wird von nebenan die nächste Show angezählt.) Krachende Hölzer.
Diese Linie. Am Ende derselben, in der Verlängerung: Eine Postkarte vielleicht, eine mit einem Feuerzeug beschwerte Zehnernote, Tabakbeutel, eine grössere, eine kleinere Münze. Es ist die gesichtslos Kniende und der Mann, erhobener Arm, die Hand könnte ein Messer halten, sie atmet schwer unter dem Stoff. Aber es ist ein Holzstab, ein Putzlappen darüber gelegt, er spendet ihr Schatten, während das Feuer schmaucht. Verbrannte Fusssohlen. Ein liegender Körper unter der Sitzbank. Selfies von quatschenden jungen Frauen mit Bankunterlage.

Der Wald – Kollektivsingular. Viele auf einmal. Der Wald als ein Ganzes oder doch eher als etwas aus einzelnen Teilen Zusammengesetztes? Bleibt der Baum der gleiche oder wird er im Wald zu etwas Anderem? Additiv oder total? Ab wann ist Wald?

Das Wesentliche geschieht an den Rändern. Da, wo noch nicht entschieden ist zwischen Wiese, Buschwerk und Hochstamm. Da, wo’s mal schattig, mal sonnig ist, mal höhere, mal niedere Vegetation hat. Es ist die Zone des nicht eindeutig Zugeordneten, des Vereinzelten, der lokalen Symbiosen und des kurzzeitigen Ressourcenaustauschs. Das Wichtigste passiert im Gestrüpp. Hier findet das Wandeln an der Grenze zwischen eigenem und kollektivem Raum statt, der momenthaften Verbindungen und der Ausflüge in beide Richtungen. Eine Übergangszone. Nicht fixe Grenze, nicht Linie und doch Trennung. Am Waldrand. Hört hier etwas auf (das Individuelle) oder fängt hier etwas an (das Kollektive)? Oder auch umgekehrt. War das nun ein Beginn oder ein Schluss?

26. Juni 2015
Ariane Tanner, Historikerin und Texterin
Regensbergstrasse 54, 8050 Zürich
ariane.tanner@gmail.com

«The Gathering – die Zusammenkunft»
Formen kollaborativer Performancepraxis, eine Kooperation von PANCH mit Kollabor (Angela Hausheer, Mirzlekid, Irene Maag, Isabel Rohner) und The Gathering (Gisela Hochuli, Dominik Lipp) mit folgenden PerformerInnen: Glynis Ackermann, Claudia Bucher, Simone Etter, Fabienne Gallina-Baron, Angela Hausheer, Gisela Hochuli, Monica Klingler, Irena Kulka, Dominik Lipp, Irene Maag, Mirzlekid, Isabel Rohner, Francesco Spedicato.