Antonia Steger:
Fall oder Flug

Antonia Steger schreibt nach der Joint-Venture-Performance «The Step or Safety and Freedom / Die Stufe oder Sicherheit und Freiheit» der Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen und des Sicherheitsingenieurs und Arbeitsinspektors Udo Heinss (Amt für Wirtschaft und Arbeit, Kanton Zürich) am Samstag 16.07.2016 anlässlich der Manifesta 11 im Cabaret Voltaire Zürich.

«Halt!»

Aus Sicht des Sicherheitsingenieurs ist Treppenlaufen in Holzzoggeli Provokation. Udo Heinss trägt eine gelbe Leuchtweste und erklärt auf dem Podest im Cabaret Voltaire stehend: Fester Tritt und guter Halt sind das A und O, um sicher vorwärts zu kommen. Seine amtliche Aufgabe ist Prävention für die mehreren tausend Arbeitsun- und sogar Todes-Fälle beim Treppensteigen. Man denke nur an das Verhältnis von Stufentiefe und Stufenhöhe, welches falsch kalkuliert zum fatalen Straucheln (oder Tanzen im Drei-Viertel-Takt [siehe Link unten]) führt.

«Los!»

Bühnentreppauf und -treppab steigt die Gehkünstlerin Marie-Anne Lerjen. Die Holzzoggeli krachen. Stück für Stück fertigt sie auf der Bühne eine schiefe Treppen-Skulptur. Sie bläst alle Warnungen des Sicherheitsamtes in den Wind und poltert: «Nieder mit dem Aufstieg, freier Flug für alle!» Ihre Provokation erinnert daran: Gebrochene Knochen müssen nicht das Schlimmste sein. Menschen können auch ohne Bruchstelle existenziell versehrt werden, etwa wenn ihnen das Gehen in ihren eigenen Holzschuhen verboten wird. Denn auch den Träumenden gehört ein Recht, ihre Träume zu leben.

«Halt!» «Los!»

Der Sicherheitsingenieur erklärt in sachlichen Monologen, die Holzschuhträgerin hält mit literarischen Zitaten und Parolen dagegen, … und nun? Plötzlich begegnen sie sich von Angesicht zu Angesicht vor der hand- und schuhgezimmerten, schepsen Treppen-Skulptur. Es ist klar, diese Skulptur will bestiegen und die gefallenen Worte in Taten umgesetzt werden. Von beiden Seiten her steigen die beiden nun hoch, tapsen, und … straucheln sie? Fallen sie? Ein polternder Auftritt im Abtritt, ein Schritt ins Leere, wie wenn man im Dunkeln eine letzte Stufe vermutet – doch nein, beide bleiben sie zuoberst stehen, mit den Köpfen über der Bühnendecke.

«Haltlos!»

Das Straucheln ist für den einen die Gefahr eines Falls, für die andere die Verheissung eines Flugs. Die eine sucht nach dem, was der andere zu vermeiden versucht. Doch da stehen sie nun zuoberst auf der Treppen-Skulptur, auf wackligem Grund vereint. Ihr Atem fliegt noch von der Vehemenz ihres Kampfes, beseelt von ihrer gegensätzlichen Art von Leidenschaft. Und es entsteht ein kleiner Moment von Transzendenz. Ist eine Welt vorstellbar, in der beide ihr Ziel erreicht haben? Eine maximal sichere und maximal freie Welt? Und was dann?

Es wird weiter gehen. Dieser Moment der Einigung wird nur ein vorübergehender sein. Lebt der Sicherheitsingenieur selbst nach seinen aufgestellten Regeln? Wie sehr möchte die Demonstrantin tatsächlich aufprallen nach dem Moment, in dem sie fällt? Sprache kann es sich leisten, abstrakt zu sein. Handeln ist nie abstrakt, sondern immer bis zum Verzweifeln konkret. Darum wird da immer diese Lücke bleiben zwischen Sprache und Handeln, die uns auseinander- und wieder zusammentreibt. Diese Lücke macht es möglich, dass sich der Ingenieur und die Demonstrantin absurd darauf einigen können, etwa Treppen immer wieder mal mit den Händen zu gehen. Und dass doch beide ihre guten Gründe haben, dies nicht zu tun.

Dauer: 20 Minuten

↗ http://raumakte.ch/die-trampe/


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