Anna Robinigg:
Dorfpromenade

Anna Robinigg schreibt nach dem ersten Teil der Performances der International Performance Art Giswil am Samstag 09.09.2017, von 11 bis 18 Uhr.

Dem einen Fuß folgend, dann dem anderen. Stille unter den Schirmen. Weder die Ferse der vorne Gehenden noch die Pfütze treffen. Sich irgendwann aneinander reihen, Schirm an Haube an Schirm an Kapuze, die Füße im Wasser. Oder: Fast als ob die Füße im Wasser wären. Den Schirm gegen die heranblickende Kamera senken. Wer tritt hier auf?
Dann nebeneinander stehend den Hang teilen: Blick nach oben. Warten.
Kopfspiel I: Das Unten, das Hinter-Uns, nicht anfüllen mit Schatten, mit Blicken, mit Möglichkeiten.
Kopfspiel II: Über dem Horizont ein Auftauchen, ein Nach-oben-Wachsen eines Kopfes. Tierbild. Von unter den Schirmen und Kapuzen Augenblicke nach oben, wo Tier um Tier, wo Kopf um Kopf sich nach oben in das Grau des Himmels und dann menschenbeinstaksig ins Grün des Hanges hinunter schieben. Schauen. Gehen. Schauen.
Sprachspiel auf Schildern: Stummes Sprechen.
REWIND

Im Ohr den Regen, oder eine Erinnerung: Den Weg abgehen und zuerst das Tongebilde legen. Stimmenmosaik, über Steine kletternd, den Hang hinunter, von einer Geschichte zur nächsten hüpfend. Laut dort, wo sie von der anderen Seite der Straße fehlen.
Im Ohr den Regen und das Geräusch der Schilder.
Im Ohr den Regen, oder das Stimmengeflecht, das danach folgen wird: Das Verweben von Sprachen und Erinnerungen, Lebenswegen gedacht / ungedacht, das Verwobene wärmer als der Raum, trotz Fragezeichen. Oder das Geräusch des Raumes selbst, dunkel und sachte, und den Stimmen zuhören, die vielleicht keine sind, die ums Eck, hinter dem Eck, von etwas sprechen, was sie vielleicht nicht sind. Trotzdem Stimmwärme.
REPLAY

Stille. Auf den Schildern ein Schreien, ein Toben, ein Wildsein. Im Regen kontrollierte Menschenkörper, Bewegungsachtsamkeit, kein Unterbruch. Ablaufgenauigkeit: Selbst das Stolpern eingefügt in eine Rhythmisierung.
Auf den Schildern ein Buntsein, ein Auftreten, ein Stampfen, ein Viele-Sein. Im Regen Begegnungen in Weiß, Grau, Pastell, ein Wenige-Bleiben. Herdenrücksicht, Herdensichtbarkeit, trotz Hordenanspruch schildwärts.
REWIND

Im Aug vielleicht ein Regenrauschen, vielleicht eine Erinnerung, während Schild um Schild, Nachricht um Nachricht in den Hang gesetzt werden. Auf den Tönen dann das Bildgefüge aufbauen: Vom Geröll in den Wald, auf den Hügel, die Treppe hinunter auf die Straße vor die Geschäftsauslage, von einer Scheune zur zweiten, dann ins Grün des Hanges und das Dunkel des Gasthofs.
Es ist ein Gehen, ein Abgehen von Geschichten, und die Bewegung liegt nicht nur im Gehen, sondern in den Geschichten selbst: Die einen tröpfeln den Hang hinab und darüber hinaus, die Bewegungen verhalten, suchend, vorsichtig. Die anderen rasen auf Minitraktoren und Rollern durchs Dorf und werden dann erzählend in die Galaxie hinaus geworfen. Geschichten vom Weggehen, von Bewegung durch Sprache, vom Bleiben, vom Abgrenzen, vom Neu-Mischen und vom Neu-Sein.
REPLAY
RE-

9 International Performance Art Giswil 2017

Performances:
Martin Chramosta, Katharina Friese, Asad Hussain, Sara Koller, Nathalie Stirnimann, Stefan Stojanovic, Antoinette Abegg, Irina Lorez, Kinderschar, Michael Fehr, Peter Fritzenwallner, Daniel Kiefer, Beatrice Rast, Andrea Lustenberger, Erika Niederberger, Monika Peter, Klara Röthlin, Erika Ming, Lukas Egger, Fanni Futterknecht, Anastasia Chaguidouline, Jordis Fellmann, Monica Germann, Anastasija Kadisa, Beat Unternährer, Sula Zimmerberger, Kiritkumar Kotadia und Andrea Saemann