Angela Hausheer:
Must or Not

Angela Hausheer schreibt nach den Performances am Samstag 23.8.2015 anlässlich von Must or Not veranstaltet von PANCH (Performance Art Network CH) zu Gast im Kaskadenkondensator Basel.

Freitag. Must or not. Angela wird Sonntag kommen. Sie wird schreiben. Angela ist angekündigt. Ihr Tun auch.

In der Ankündigung von Must or Not hiess es: «Was wir schon immer machen wollten und noch nie gewagt haben: Erschreckendes, Vorlieben, Dauerbrenner und nie Gezeigtes in Performances. Sicher mit dabei: Nacktheit, Tiere, Geschrei, Materialuntersuchung und Klebeband. Gestandene PerformerInnen erproben und zeigen die Arbeiten, die sie beeindrucken, die sie immer schon machen wollten oder die sie in der Performance verfolgt haben.»

Sonntag. Angela ist früher da als die meisten Zuschauer. Im Foyer schreibt sie schon. Ich sehe wie sie schreibend denkt als ich sie begrüsse – voll da und voll schreibend. Ich begrüsse sie und bereite mich auf meine Performance vor – voll da und voll vorbereitend.

Wir stehen. Stehen im Raum. Wollt ihr reinkommen? Joëlle bewegt sich im Raum. Wir bewegen uns, suchen eine Konstellation, wie wir stehen (wollen). Sie geht und dann spricht sie: Der Perfomer hat die Balken eingesammelt und in die Hose gesteckt. Sie geht. Sie spricht von einer Idee, einer Erinnerung, un souvenir, un concept, quelque chose. Wenn ich schreibe, schaue ich nicht mehr, ich höre: eine gewölbte Platte aus Metall, sie war darunter, rouler en boule, diese Platte. Sie spricht von einer Erinnerung an eine Platte, einer Erfindung, einer Idee einer Platte und dass das so eine Idee ist. Mit wem spricht sie? Spricht sie mit uns? Mit sich? Mit Gedanken einer Platte? Fünf nackte Menschen erinnert und erfunden geformt mit beiden Armen im Raum.

Während meiner Performance beobachte ich kurz Angela, wie sie schreibt, während ich mich im Raum bewege und erzähle. Sa tête est penchée sur son carnet. Tout au bord. Je la vois qui écoute, de cette écoute attentive et tendue qui traduit en mots et veut laisser des traces sur le papier.

Schreibe ich, was ich sehe oder was ich höre? Sie spricht. Wir lachen. Sie geht. Sie atmet. Sie schaut. Ich schaue sie an, wie sie geht, die Hände, die Arme, wie sie spricht: Un point fixe. Das Gewicht auf ihrem rechten Bein, die Füsse. Sie spricht von quelque chose, von einem Körper, der sich bewegt und dass das immer passieren sollte. Ce mot «glamour». Sie geht. Sie steht. Sie spricht. In ihren Schuhen sind keine Schnürsenkel. Sie steht und geht und spricht: Linearität, lineare Logik, der man folgen kann. Sie steht auf einem Bein und hat sich immer wieder gefreut auf den nächsten Schritt, sagt sie und geht. Mit wem spricht sie? Sie schaut uns nicht an? Die Hände, die Arme formen Gesten der abwesenden Körper und ich höre: Sie haben wieder angefangen, wenn jemand einen Fehler gemacht hat. Sie geht. Jemand kommt rein und steht. Ich schaue sie auch nicht an. Ich schreibe.

Chris schlägt mit beiden Händen ein graues Buch auf, schaut hinein, schliesst es. Nicole neben ihr zieht ihre Mütze aus und legt sie auf den Boden, etwas weiter vorne im Raum. Nicole schaut Chris an. Chris öffnet wieder das graue Buch, schaut hinein, schaut uns an. In ihrem Gesicht ein minimaler mimischer Ausdruck. Nicole zieht die Turnschuhe aus. Grau sind sie wie das Buch, blau gestreifte, graue Socken zieht sie auch aus, die Mütze blau mit gelben Streifen, all dies liegt nun auf dem Boden vor ihr. Chris mit offenem grauen Buch stützt den Kopf in ihre rechte Hand. Nicole zieht die blaue Jeans aus, schmeisst sie auf den Boden, das T-Shirt schön zusammen gelegt daneben, steht sie in schwarzer Unterwäsche und schaut Chris an. Chris schaut ins Buch, schaut in Porträthaltung zu uns. Nicole zieht die Unterwäsche aus, die nun auf dem Boden liegt und steht nackt im Raum und schaut Chris an. Chris schaut ins graue Buch, in farbige Portait skizzen, die sie imitiert (hat), blättert und legt das Buch auf den Boden. Gemeinsam zurück an dem Ort, wo das Spiel von Ausziehen, Anschauen und Imitieren seinen Anfang nahm, stehen Chris und Nicole, die eine nackt, die andere angezogen, aber nun ohne graues Buch in den Händen, und bedanken und küssen sich.

Später sitzt Angela hinter mich, ganz nahe.

Andrea hat einen roten Faden in den Händen. Mirzlekid nimmt das eine Ende, Andrea gab es ihm und zieht das Rot durch den Raum, zieht die Schlarpen aus, nimmt ein Mikrofon und springt verkabelt mit Verstärker und Publikum auf einen Sockel vor dem Fenster. Sie bindet den Faden um ihren grossen Zeh und spricht: Locker lassen, er könne den roten Faden locker lassen und wieder anspannen oder doch eher locker lassen? Unauffällig soll er sein, der rote Faden, womit er ganz ins Zentrum rückt.

Und als Andrea mit ihrem hellblauen T-Shirt auf dem Kubus steht und Mirzlekid den roten Faden hält, höre ich wie Angelas schwarzer Filzstift auf dem weissen Papier quietscht.

Andrea dreht sich zum Fenster, uns zeigt sie ihren Rücken und fängt an zu sprechen. Einen Designerstuhl mit Armlehne sieht sie vor dem Fenster, Sitzfläche und unten die Beine. Symetrisch ist er. Ich schreibe wörtlich mit, was sie sagt und sieht und ich nicht sehen kann im Aussen, sehe im Innen sie, wie sie auf einem weissen Podest steht, der rote Faden immer noch schwebend im Raum, das schwarze Mikrofonkabel zum Verstärker, der auch auf einem weissen Podest steht wie sie. Das sehe ich. Sie: Jeansjäggli oben, Jeans unten, Gratis Stuhl und Jeans ist weg. In ihren Sprachraum hat sie mich wieder (r)eingenommen, in den Raum der Vorstellung, im Raum mit ihr suchen meine Augen nach Orientierung: rot, schwarz, weiss, Andrea in grauer Stretchinghose auf dem Podest, in hellblauem T-Shirt, mit nackten Füssen am Faden, Kabel in der Hand. Was sie wohl für eine Augenfarbe hat? Die Blätter am Baum vor dem Fenster höre ich und sehe, was sie sieht, ein paar Wassertropfen auf den Blättern. Sie hat sich gedreht und spricht (vielleicht) von einem Ellbogen, vom Spüren und vom Gehen, das Geräusche macht und vom Ellbogen. Sie auf dem Sockel will die Augen loslassen, den grossen Zeh am roten Faden, und spricht vom Ausatmen, das Mikrofon in den Händen atmet sie aus. Die Zuschauer lachen. Ich habe den Anfang verpasst und lachen noch mehr, als sie erzählt, dass gestern jemand in ihr ihre Mutter gesehen hat. Sie will mehr hellblau in der Welt, sagt sie, eine hellblaue Tasse gibt es schon und immer noch, sie hat sie geschenkt bekommen. Heisse Ohren hat sie, sagt sie, wo sie doch gar nicht hört. Aber spricht: Hellblau. Ein sicherer Wert für die Performance.

Zwei Holzböcke stehen an der Wand, greifen in den Raum hinein. Am Boden daneben ein kleines zerknittertes Papiersäckle. Stille. Mirzlekid betritt den Raum. In der Hand einen langen schmalen Holzkoffer, einem Instrumentenkoffer nicht unähnlich, steigt er vor den Holzböcken über ihn, setzt ihn auf sie und macht die Holzkofferklappen auf, so dass sich der Koffer nach vorne für uns gut sichtbar öffnet. Über die ganze Länge ist im Innenraum ein Metallstock aufgespannt. Aufgespiesst stecken Kartoffeln ausgeschlagen an ihm. Mirzlekid nimmt den Kartoffelstock aus der Kiste, führt ihn vor, reicht ihn in die Hände der Zuschauenden. Vorsichtig fassen die Hände den Stab, die Kartoffelhaut ist zum Teil schon verschrumpelt und bei leichtem Druck des Daumens spüre ich den Hohlraum, den Stock, die Haut spriesst in den Händen der Zuschauenden. Der Stab geht rundherum und zurück in die Hände des Performers, zurück in den Kasten, der Deckel zu. Mirzlekid nimmt einen kleinen Glasbehälter und einen Teller aus dem Papiersäckle, stellt den Teller rechts auf den Holzkoffer, eine Schale links. Alles hat seine Ordnung, seinen Platz, das Feuerzeug rechts bei der Schale links. Die Schale erklingt von seinen Daumenanschlägen. Stille. Er öffnet das Glas mit dem Rücken zu uns, zündet mit dem Feuerzeug eine Kohle an, legt sie auf den Teller, das Feuerzeug nun rechts daneben auf die Kartoffelstockkiste. Ein paar Kräuter aus dem kleinen Glasbehälter legt er auf die Kohle, seine Hände nun wieder bei der Schale, die er mit dem Daumen zum Klingen bringt. Stille. Auf der Kohle brennen weiter die Kräuter, der Geruch nimmt den Raum immer mehr ein. Stille. Mirzlekid greift den Henkel der Kiste und trägt sie aus dem Raum in den Vorraum, ruhig und bedacht, dass Schale und Teller nicht runterfallen. Später lese ich auf dem Glasbehälter: Kräutermischung: Wacholder, Beifuss und Ruchgras schützt, öffnet den Geist und zieht gute Energien an.

Gisela im Bikini. Musik. Computer. Beamerbild: Kein Signal. Ein Kleid an der Wand. Eine grosse Kerze. Gisela zündet sie an. Andrea wieder mit Mikro in der Hand, sitzend schaut sie zu, kommentiert, was für ein Täschchen Gisela hat und dass sie ja fast nackt ist. Katzenfutter, zwei Pakete, am Boden ein Heft mit Notizen, ein runder kleiner Spiegel, rote Farbe. Im Bild nun ein Signal: you tube. Gisela zieht die Brille aus. Nach Blick ins Heft zieht sie das Bikini aus, zieht das Kleid an, an ihrem Körper nun Plastikstreifen im Wechsel mit schwarzen Steifen, auf denen goldene ägyptische Figuren zu sehen sind. Dann streicht sie sich rote Farbe ins Gesicht. Rote Füsse. Rote Hände. Da geht etwas ab, kommentiert Andrea. Im Bild geht tatsächlich was ab, eine Rakete wird gezündet. Gisela hat rote Füsse, ein rotes Gesicht. Rote Hände, im Kleid Plastik. Die Rakete. Was ist Bild, was ist Handlung, was Kommentar, was Beschreibung? Immer wieder der Blick ins Heft auf dem Boden, was kommt als nächstes. Die Rakete wird gezündet. Andrea freut sich über das nackte Fudi von Gisela, dass es trocknen muss. Die Stöckelschuhe, die nicht da sind, das kennt Andrea auch. Und dann. Die Rakete ist gezündet, fliegt, die Kerze brennt immer noch. Gisela im Raum im Kleid schwingt rotgesichtig rot stöckelnd rote Hand(schuhe), schwingt die Arme, bis das Rot trocken ist. Dann zieht sie sie an, goldig schwarze Stöckelschuhe, wie ich sie in Georgien, Aserbaidschan und Russland nicht gesehen habe. China in den 70-iger Jahren, kommentiert Andrea in ihren Schlarpen auf einem Plastikstuhl. Die Kerze.
Cut.
Musik, Janis Joplin. Cry Baby Come on and cry, cry baby, cry baby, cry baby.
Cut.
Stöckelschuhe goldig. Im Bild Häuser, rennende Menschen. Der Mond ist aufgegangen. Hochhäuser. Gisela tanzt. Cry Baby Come on and cry, cry, cry. Andrea kommentiert nicht mehr, schaut, wie ich. So habe ich Gisela noch nie gesehen, wild, materiell ausufernd, eine einzige Überforderung an Reizen, ihr eigenes Performance-Tabu brechend, die Arme hoch, die Arme nach vorne, die Luft mit den roten Händen nach vorne schiebend, die Füsse rot in schwarz-goldiger-Plastikarchitektur steht sie da.
Cut.
Es ist so und denkt an Yves und Janet.
Cut.
Autos. Menschen. Stadt. Bildschirme.
Cut.
Gisela zieht das Kleid aus, ölt die nackte Haut mit ihren roten Händen ein.
Cut.
Los Angeles.
Cut
Die Kommentatorin.
Cut
Die Performerin blickt ins Skript und nimmt aus dem Koffer ein Paket Zucker, schüttet es sich über den Kopf, die blonden Haare.
Die Kommentatorin: Das sieht super aus.
Die Performerin reibt sich mit dem trockenen Katzenfutter ein, am Hintern und nimmt die Hundestellung ein.
Die Kommentatorin: Diä Bölleli, jetzt stinkt’s.
Die Performerin: Kann nicht jemand der Hund sein? (mehrmals)
Die Kommentatorin: Mmmh, ich bin froh, dass sie die Finger abputzt.
Cut
Neue Musik. Try (Just a little bit harder).
Janis singt, Gisela performt, Andrea kommentiert und fragt, ob das alles als Installation weiter stehen bleibt.
Cut
Flugzeug. Autos.
(Just a little bit harder)
Cut
Janis singt aus der Box, Andrea kommentiert aus der Box
Live
Alle klatschen.
Ich gehe zum Computer und schreibe mir den Namen des Filmes in mein Schreibheft:
KOYAANISQATSI und später wieder am Computer zuhause:
KOYAANISQATSI kommt aus der Hopi Sprache und meint:
1. Crazy life
2. life in turmoil
3. life out of balance
4. life disintegrating
5. a state of life that calls for another way of living…

Angela Hausheer, August 2015
Zum Text von Angela Hausheer schrieb Joëlle Valterio

Beteiligte:
Joëlle Valterio, Chris Regn, Nicole Boillat, Andrea Saemann, Mirzlekid, Gisela Hochuli und PANCH (PANCH ist ein Intereressen- und Fachverband für Performance und lädt ein, brennende Themen aufzugreifen. Die Schweiz ist reich an KünstlerInnen, die sich mit performativen Strategien befassen. Sie organisieren aktiv, reflektieren, sind für eine hohe Performancedichte verantwortlich, halten so Performance in der Schweiz zeitgemäss und machen sie sichtbar.)