Andres Bosshard:
Il Surmeir dal Punt Nairs

Andres Bosshard schreibt auf Einladung der Kuratorinnen anlässlich des Performancetages ÜBER/BRÜCKEN am Samstag, 13. Juni 2020 bei Nairs im Unterengadin einen künstlerischen Echo-Beitrag, der sich den imaginären Erscheinungen und Geistern verpflichtet, die ihn in Nairs und unmittelbar danach besucht und heimgesucht haben.

Bericht einer traumwandlerischen Berg- und Talfahrt

Im Autozug in den Vereinatunnel einfahrend, begann mein Subaru schon nach wenigen Augenblicken unruhig über der Lücke zweier Verladeplattformen hin und her zu taumeln. Verunsichert zog ich mir meine Atemmaske übers Gesicht, denn das Alpentram fuhr immer schneller. Im Zeitlupentempo sprang ich über schwarze Löcher, während auf Betonplatten der Autobahnbaustelle Berlin Friedrichshain Kohlezeichnungen von einer schrägen Passerelle erschienen. Ihr borstiges Holzlattengestrüpp attackierte in Chur das Planta Haus, das Christian Ratti in spaziergangswissenschaftlichem Handumdrehen in 12 Wetterhäuschen verwandelte und im Nationalpark der Erinnerung an das verlorene Paradies im Unterengandin versteckte. Da stehen sie nun im Echowald «ob der Mauer», wo Felsvorsprünge alle Rufe in Surmeir zurückschallen lassen. Nachts dürfen hier keine Fahrzeuge mehr fahren, da öfters bei Unfällen in Wildwechseln flüchtiger Wortgeister Nachtmahre erschienen, in den Föhnwind gerieten und dann das Unterland heimsuchten.

Vom Flüelapass her tastete die Abendröte mit zarten Rosenfingern den Bergkämmen entlang. Schwefelgeruch stieg aus dem milchigen Inn und alle Brücken wurden hochgeklappt, oder umgebogen und plötzlich schwangen sie synchron von unsichtbaren Windmühlenflügeln hochgehoben, himmelwärts und entschwanden spurlos ins Sternbild der grossen Passarella, das sich nun deutlich am sternenübersäten Nachthimmel abzeichnete. Ein Rudel verstörter St. Nepomuke sprang ins Unterholz und geriet völlig verwirrt auf die Finnenbahn unterhalb Vulpera. Die desorientierten Heiligen stürzten, fielen übereinander her, rappelten sich wieder hoch und beteten im Chor: «I miss my Swiss Miss and my Swiss Miss misses me.» Umgehend wurden sie vom plötzlich unsichtbar gewordenen DARTS-Kollektiv mit I-Pads eingefangen und in die Scheune von Chasellas unter die Motorhaube des dort sommerschlafenden Schneemobils gesperrt.

Im daraus aufsteigenden Klangdampf aus leisem Blötterle-Geschnarche rematerialisierte sich das Cyberteam aus dem 21. Jahrhundert, um von nun an gemeinsam mit den greisen Brückenheiligen aus spätrömischen Zeiten allnächtlich im Platzcafé vor der Chasa Ajüz unerfüllbare Wunschpunsche remixen zu müssen. Zu meiner Überraschung beruhigten innere Nachbilder des Sitzplans, von Olivia Abächerli gleichsam in Sgrafittobändern entlang verschiedener Hausfassaden eingraviert, meine, von Nachwehen eines veritablen Sonnenstichs aufgebrachten Geister und rettete mich aus meinem akut überschiessenden Traumwirbel.

Beruhigt schlief ich gegen 1 Uhr früh wieder ein. Die als special guest eingeladene Muezzina aus dem oberen Muotathal gab mit Rauchzeichen von der Kirchturmspitze aus, das Startsignal zum high noon des leicht verspäteten Chalandamarz del Artists da Turitch. Zwei einheimische Heimkehrerinnen ganz in Schwarz gingen im akustischen Sweet Spot der Dorfarena in Stellung und zogen mit leicht wippendem Hüftschwung gekonnt ihre Rollkoffer einmal quer über das altehrwürdige Kopfsteinpflaster, als die mit den Echos von fernem Krähen- und Hahnenrufen zauberhaft mäandernden Vokalismen von Bettina Diel und Rahel Kraft über den Dächern zu kreisen begannen. Jemand rempelte mich an: «Macht ihr da dieses Theater?». Ein Wohnmobil stoppte: «Entschuldigung, wo finde ich einen Campingplatz?» Ich bekam einen goldgelben Apfel. Eine grosse Videokamera musste schnell weggeschoben werden, damit die beiden Ladies in Black wie Turmuhrfiguren ihren rituellen Kreis um Munt Baseglia ziehen und schliesslich zum ersten Mal in ihrem Leben, in den Friedhof von Scuol gelangen konnten. Es schlug viertel vor Zwölf. Für geschäftige Sterbliche unsichtbar, entstieg der weisse Ritter seinem Sarkophag und ritt unter praller Sonne endlos langsam durch eine von Maulbeerbäumen gesäumten Allee unserer phantasmagorischen Gemeindeversammlung voraus zum tosenden Inn hinunter. Als Gegenzauber gegen Unglück, Verwirrung und Weltuntergang trugen wir fast alle ein rohes Ei in einem weissen Baumwollsäckchen aus Antonia Ernis Händen um den Hals. Ab und zu erschienen uns schemenhaft taubstumme Suburbanistinnen in freizügigem Bergwanderlook. Sie setzten sich geistesabwesend auf eine der wenigen halböffentlichen Bänke und rezitierten in Gebärdensprache das Credo der Ästhetischen Fürsorge des Architekturlehrstuhls der Universität Liechtenstein.

Das Gelände fiel jäh ab und zwischen zurückweichenden Baumästen schob sich eine fein strukturierte Holzkonstruktion ins Blickfeld. Stolz erhob sich die helle Erscheinung mit ihren präzis geführten Linien über einem roh geformten Felsen. Ortreport nahm damit den ganzen Raum über dem ständig wirbelnden Wasser in Besitz. Modellhaft zu einem Brückenschlag ansetzend, wandte sich die Skulptur jedoch ab und verweigerte kategorisch jegliche Funktionalität. Scheu geworden wich nun auch Punt Tulai und verschwand dann plötzlich aus Raum und Zeit. In der offenen Leere hing für einige Augenblicke noch ein verwaistes Kletterseil, das mit seinen Karabinerhaken eine Hängematte über dem offenen Feuer des Tosens mit Gegenschallwirbeln prekär in der Schwebe hielt. Rahel Krafts whitespace entzog den Eisenträgern alle magnetischen Kräfte und sie stürzte jäh, unhörbar murmelnd, in ihren roten Teppich gewickelt, in die zeitlose Weite des Flusses und wurde schnell Richtung Plan Tulai weggespült.

Der Dream Stream begann nun dauernd zu knistern, es rauschte und knackte heftig in meiner roten Rohrleitung. Irgendwo in einer Wiese sirrten rätoromanische Wortfetzen, ihr Funkfeuer folgte unnatürlich starren Leitlinien und zielte haarscharf an mir vorbei. Jörg Köppl peilte mit stehenden Loops Echolote in die von dünnästigen Arven abgesteckte Arena von Vulpera. Schallasche fiel in das verwahrloste Steinbett einer ausgetrockneten Teichanlage. Das Traumbildpanorama hatte plötzlich grosse Lücken… Weisse Kunststoffzylinder…Hände hantierten mit Zündkapseln…Langsam, professionell, eingeübt, zielstrebig…Mehrere Timer wurden gestellt…Sprengkörper gesetzt…Brandbeschleuniger. Mein Timecode raste, die Timeline stoppte. Abbruch. Try it again. Zwei Sekunden prasselnder Nachtregen. Grell blendende Abendsonne. Nebelrauch. Schwarze Schlacke.

Um Jahre gealtert fand ich mich wieder unten am Inn. Ich schien zu wissen, wohin ich mich wandte. Es ging flussaufwärts. Asi Föcker schlang scheinriesig allen Winden vertrauend ihr rotes Haarband um die winzige Wolke der schnell am Himmel ziehenden Punt d’En.

Nur eine Handbreit weiter, auf der seit dreissig Jahren zerfallenden Bergstrasse nach Vulpera, wurde Mistery Woman von einem Schwarzlichtblitz getroffen und schleuderte, bereits aus dem Jenseits, ihre letzten Episignale über das Gelände genau auf den Kaminstummel an der nord-östlichen Ecke der Fundaziun Nairs.

Ich folgte dem steten Rauschen des Inns und gelangte mit wenigen Schritten in eine kühle Halle mit grossem Kreuzgewölbe. Dort setzte ich mich mitten in ein wartendes Publikum auf die letzte Stufe der Steintreppe und konnte erleichtert durchatmen. Ein lautloses Festmahl wurde uns bereitet, Geschenkschachteln geöffnet, hin und her gereicht, langsam ruhig, vorwärts, rückwärts woben zwei weitgereiste Kammerdiener während einer halben Stunde lautlos vor meinen Augen meinen Traumteppich. Dann standen sie sich lange diagonal im Raum gegenüber, zogen schliesslich ihre weissen Karabukistäbe und warteten reglos auf den nächsten Atemzug der Zeit. Hshshshhhh.
Sanft erwachte ich in meiner überaus stillen Dachwohnung. Es dämmerte gerade, auf dem alten Holztisch vor mir lag auseinandergefaltet die Originalzeichnung «erster Versuch zum Brückenthema» von Porte Rouge vom 24.5.2020, unterschrieben von Christoph Ranzenhofer und Joa Iselin.

Zum Anlass:
ÜBER/BRÜCKEN
kuratiert von Angela Hausheer und Julia Wolf
im öffentlichen Raum zwischen Chasa Ajüz (Scuol), Vulpera, Fundaziun Nairs (Nairs)
Beteiligte Künstler*innen: Olivia Abächerli, Bettina Diel, Antonia Erni, Asi Föcker, Claudia Grimm, Jörg Köppl, Rahel Kraft, Ortreport (Fabian Jaggi/Katrin Murbach), Porte Rouge (Joa Iselin/Christoph Ranzenhofer), Christian Ratti

Zur Autorschaft:
Andres Bosshard, Künstler, Zürich
andresbosshard(at)bluewin.ch
9 www.soundcity.ws