Andrea Saemann:
Shit

Andrea Saemann schreibt nach der Performance «Death Asshole Rave Video» von Jeremy Wade am Mittwoch 17.06.2015 anlässlich des Performance Projektes der Liste 2015 kuratiert von Eva Birkenstock im Jungen Theater Basel.

Meine Notizen beginnen, wo er sich auszieht und ich von seinem zugetexteten Körper überrascht werde. Ich lese die Tatoos und will mir sie merken. Vor dem Schreiben kommt das Lesen. Trust auf die Brust. Participate an der untersten Rippe.

Hat er gesungen? Hat er gesprochen? Zu Beginn liegt er im Weg. Um ihn, die Linie eines Sarges. Ein Toter kommentiert. Die hereinkommenden Leute steigen über ihn oder umgehen ihn. Sie bleiben wortlos. Er bleibt liegen.

When we were innocent
We made an agreement
Without knowing
What it would breed

Time to break this contract
Time to cut our losses
Time to die

So erklärt er mir den Sarg. Oder war er weiss geschminkt? Zurück zum Körper. Er hat sich wohl gewendet und gibt den Rücken frei.

HOOKER
HEALER
MIDWIFE

Darunter zeichne ich, denn es ist eine Zeichnung von 6 Kuben von Donald Judd, wie sie übereinander hängen. Im Museum an der Wand. Bei Jeremy Wade tun sie es auf seinem rechten Oberschenkel. Während er von den little crumbs in der bread line spricht, die prekäre Künstler ängstlich aufpicken. Nicht dass es persönlich wäre, nein strukturell. Wie Hänsel und Gretel. Biopolitisch nennt er es. Und dann kommt das Scheissen und Gott oben und please make this not happen. So unterwegs und you shit diese kleine warme Information doch dort hinten in die Hose rein. Let go. Dieses Jahr mehr loslassen. Martha Stuart. Das Scheissen beim Sterben. Mrs Wheeler’s health class sagt, alte Homos brauchen Windeln. Das hat er im TV gesehen, irgendwann in der Jugend. Doing Asskegels right now. We have to keep it in shape. Diese Kegels. Mr Freelancer precarious artist spiralt in alle Richtungen.

Ich weiss, beim Scheissen war das Gelächter gross und das Publikum entspannt. Ich wusste nicht, wohin die Worte zielen, ob sie Pfeile sind. Ein Grundtonus von Aggression war da. Aber beim Scheissen habe ich Tränen gelacht. Losgelassen eben und Zähne gezeigt.

Er macht ein Solo. Google mal unhappiness. Rigidness of mind kommt da. Wretchedness of mind. Was heisst wretched? Je isolierter wir daherkommen, dafür gibt es keine Grenzen. Wer fickt mich? bleibt als Frage. It’s fucking hard to meet people. Nach Intimität fragt er. Unhaltbar, in Auflösung begriffen, unzuverlässig, super fast. Und so sind wir alle alleine und tot und das Ding ist tot. The thing. Dieses Ding ist tot. Präsenz ist tot, weil wir in der Zukunft leben.

Danach erzählt er Witze. Schlimme Witze. Politisch unkorrekte Witze. Über Babies gemischt mit Schwarz und Zynismus und dann wird es still. Ich erinnere mich an das Scheissen und wie ich da gelacht habe und jetzt kommen diese Witze und alles ist tot. Dead. When nothing is true, everything is possible. Every fucking scenario has become true.

Ab Band kommt Applaus. Das Mikrofon auf dem Ständer fällt zu Boden. Es geht weiter und ich schreibe nicht mehr, ich habe genug nach den Babies. Ein bisschen genug. Denn es geht weiter. Zum Schluss meint er, have a nice day somewhere else. Nicht hier. Nicht bei mir. Und wir verlassen das Theater.

→ siehe auch Text von Romy Rüegger über dieselbe Performance