Andrea Saemann:
Louise Guerra an der Museumsnacht Basel

Andrea Saemann schreibt im Auftrag vom Kunstbulletin nach der performativen Projektion «Antibiografi, Chapter 12» von Louise Guerra am 22.01.2016 im Rahmen von «Space — Projekträume zu Gast» in der Schwarzwaldallee Basel.

Was mit einer freundlichen Einladung seitens der Museumsnacht begann, reichte die Schwarzwaldallee als Gastgeberin gleich weiter. So kam es, dass bei ‹Space – Projekträume zu Gast› das nomadische kuratorische Projekt deuxpiece eine Performance von Louise Guerra präsentierte. Andrea Saemann Zwischen Tischen, Fahnen und Publikationen sitze ich und sehe, wie die Kuratorinnen die Bühnenrückwand mit weissem Tuch verhängen und ein gefaltetes Stoffrechteck davor drapieren. Die Worte «Chapter 12 – Antibiografi – Louise Guerra, eine performative Projektion» leuchten auf und bleiben stehen.

Zwei Performerinnen beziehen Stellung in ihrem gemeinsamen Kleid, einem Kubus mit weissem Stoffdeckel und schwarzen, durch helle Karos gegliederten Wänden. Dort zeigt sich die Projektion, vorn auf dem Gewand und hinten an der Wand. Schlau verschwinden die Körper und bilden Raum, zeigen Übungen und üben Haltungen.

Die Ton-Bild-Schau hat längst begonnen. Aus den Lautsprechern klingt es, en français, in English, auf Deutsch. Wiederholt: Paris, New York, Gotthard, Tunis, Indochine. Wiederholt «strong», wiederholt «highlighted». Hier wird gelesen mit dem Leuchtstift in der Hand. Obwohl «die einschlägigen Akten verbrannt oder verschwunden sind», wird Geschichte durchwühlt. Das frühe 20., das ganze 19., und weiter hinten winken Marianne und die Revolution. Arm hoch, Fahne hoch und Farbe bekannt. Raumkörper aufgespannt. Die Performerinnen lassen Platz. Platz für eine Dritte, eine Fünfte, eine Achte. Keine Jalousie, sondern additives Finden und Binden in dieses weite Gewand. Po an Po, Rücken an Rücken. Schliesslich geht es um die freie Sicht auf die freie Schule. «How can one teach more. How can more teach one.» Ich erkenne alte Dokumente, Malateliers, Materialcollagen, Frauenporträts und farbige Muster. Louise zeigt sich als Lehrerin, Theaterleiterin, Reisende, Komponistin, Sopranistin und Freundin, denn Louise ist ein Kollektivsingular, wie die Geschichte, die alle Geschichten meint, wie Laub und Obst und Herde. Ja, Louise ist eine Herde. Eine verdeckte Herde von Schafen. Denn Sophie ist Louise. Sonja auch. Sie sind abstrakt und textil, sie kleiden sich in Geometrien. Schmutzig und sauber zugleich.

Und: Louise Guerra ist eine Louise im Krieg. Sie ist Anti. Nicht gegen das Leben, doch gegen «Biografi» und Verfestigung von Lebenserfahrung. Sie kämpft um Raum und Handlungsfreiheit, gegen Individualismus und Zuschreibung. So wie ihr Körper einen Gemeinschaftskörper aufspannt, so will ihr Ich sich nicht punktuell verorten. Denn Ich ist ein Raum, den Louise im Kollektivsingular weitet. Übrig bleiben: zwei Kuratorinnen im Gespräch, zwei Performerinnen ohne Namen und ein Publikum. «Der Täter sitzt im Publikum», meint Lorenz, einer der Gastgeber. «Bin ich Louise?»

↗ www.schwarzwaldallee.ch
↗ www.deuxpiece.com
↗ www.louiseguerra.ch

Erstpublikation des Textes im Kunstbulletin 04/2016, Performance im Blickfeld.