Andrea Saemann:
anhand einer Performance mit vielen Falten

Andrea Saemann schreibt nach der Performance von Ruedi Schill und Monika Günther am 10.12.2014 im Kunstmuseum Luzern anlässlich der Vernissage ihrer Monografie «Performance Art Monika Günther Ruedi Schill» erschienen im Vexer Verlag St.Gallen 2014.

Der Saal ist lang, gestuhlt ist längs und weitere Stühle werden herbeigetragen. Der Zulauf ist gross. Ich stehe und grüsse Einzelne, bin ganz aufgeregt und kann erst nach der Ansprache der Museumsdirektorin Fanni Fetzer spontan den Entschluss fassen, mich zu setzen. Ich freue mich. Ich freue mich, dass Monika und Ruedi den Abschluss der Arbeit an ihrer ersten gemeinsamen Monografie mit einer Performance feiern, mit uns feiern.

18 Monate ist es her, dass sie mir von ihrem Beschluss erzählten, das Kuratorium für das Giswiler Festival übergeben zu wollen und ich sie gefragt hatte, wie sie die freiwerdende Zeit zu verwenden gedenken. Da tauchte für mich diese Monografie zum ersten Mal am Horizont auf. Es war ein langer Tag. Wir hatten uns Zeit geschenkt, um gemeinsam in alle Richtungen zu denken. Ich zog Kreise in mein Heft, begann mir die Schnittmengen ihrer gemeinsamen Erfahrungen vorzustellen, die Performances, der Unterricht und die Workshops, die Galerie Apropos, die weltweiten Begegnungen mit Leuten, die sie ihre Familie nennen. Viele von ihnen sitzen da, heute, im Kunstmuseum Luzern. Eine ehemalige Studentin aus Japan, andere Freunde aus Basel, Aargau, Zürich, Bern…

Monika links, zu Ruedi’s Rechten. So stehen sie nebeneinander, in einer gewissen Nähe zueinander und tragen beide auf ihren Händen einen rechteckigen, weissen Packen. Aus der Stadt dringen Gesänge, Weihnachtslieder. Ruedi beginnt, er teilt das weisse Bündel, schlägt es auf. Wie ein Buch. Ah, die Publikation. Ah, Papier zu einem Bündel gefaltet. Nun öffnet Monika das Ding und vergrössert ihre Handflächen zu weissen Rechtecken, verbunden im Falz. Die Lieder, Weihnachten, Seidenpapier. Schneit es bald weitere Geschenke? Es zeigen sich Rechtecke, Flächen, Falten und Blicke darauf.

Rewind, remember. Meine Gedanken schweifen zurück in die Reihe ihrer letzten Performances. Das immer gleiche Gegenüber im immer neuen Gewand. Ruedi und Monika mit Händen. Ruedi und Monika mit rotem Tuch. Ruedi und Monika mit Weg. Ruedi und Monika mit Weg vor Projektion. Projiziert: Ruedi und Monika im Profil. Live: Ruedi und Monika im Nebeneinander. Das Paar frontal zu uns, jeweils ihrem Objekt zugewandt. Heute: das weisse Seidenpapier. Monika Günther und Seidenpapier und Ruedi Schill und Seidenpapier. Das Paar mit Zwillingsobjekten? So haben sie gewählt und ich bin erneut bereit mit ihnen auf die Reise zu gehen und zu erleben, wie sie parallel zueinander dasselbe so anders machen.

Die Performance ist langsam, lässt Raum, entfaltet sich, breitet sich aus bis zur ganzen, papiernen Fläche. So weit, wie ihre Hände greifen können und grösser als der eigene Körper. Zum dahinter Verschwinden gross. Sind sie selbst das Geschenk, das eingepackt werden soll? Kann das Papier sie ganz fassen, ganz packen ins Buch? Plötzlich erscheint wie ein geschnürtes Paket in meinem Kopf der Satz: «Ruedi handelt, Monika hört hin.» Wenn zwei sich zeigen, beschäftigt mich die Differenz. Gedankenfutter. Was erkenne ich, wenn ich den Satz denke, ihnen zuschaue und innen denke? «What comes next?» scheint Ruedi zu fragen, sobald er das Papier bewegt. Und Monika «Oh, what is that?» und «Oh, what a lovely thing! What do you say? Just tell me your being.» und hält inne und horcht. So plauderts und fragts in mir. Die Urbedeutung von Hören sei Schöpfen lese ich später im Netz. Monika schöpft. Ruedi tut. Ruedi sucht. Monika findet. So scheint es mir und fragt gleich nach: Was ist es denn, was Ruedi in den Händen hält? Was ist es, was Ruedi findet, wenn er handelt? Wenn Ruedi nichts in den Händen hält, dann tanzt er. So habe ich ihn schon mal gefunden.

Dann beginnt Ruedi mit dem Ende. Er zieht das Papier in die Länge und dreht und knüllt. Und Monika greift das Volumen, verdichtet behutsam die seidene Luft zum Ballen in der Hand. Nicht auf der Hand liegt’s, sondern in der Hand. Fassbar geworden. Gefasst auch in Ruedi’s Händen. Und dann? Losgelassen die Ballen zu Boden gefallen links wie rechts schneller Entschluss entschieden geschieden und weg das Leben geht weiter an beiden Enden: Ruedi Monika hier / Monografie dort. Wow! Einfach los und vom Stapel gelassen.

→ siehe auch Text von Dorothea Rust über dieselbe Performance