Alisa Kronberger:
Vom Hier und Jetzt in Giswil

Alisa Kronberger schreibt im Auftrag von International Performance Art Giswil zu den Performances des Festivals am Samstag 10.9.2016 in Giswil.

Giswil empfängt mich mit traumhafter Bergkulisse und verspricht wärmste Spätsommertage. Ich schaue mich um, ob sich noch andere Leute am Bahnsteig umsehen. Leute, die sich wie ich in einer Schweizer Idylle wiederfinden, um auf ein internationales Performance-Kunst Festival zu gehen. Leider nein. Etwas einsam und ausgestorben am Bahnsteig, der Abend doch so lebendig, gesellig und vergnügt.

Nach nächsten Morgen: die Verabredung zum «swimming» mit einigen Performancekünstlern, Chris Regn und Andrea Saemann. Das gemeinsame Schwimmen in einem traumhaften See mit gigantischem Naturszenario um uns herum wird zur abkühlenden Ouvertüre, zum erfrischendem Intro des Performance-Tages. Wir atmen durch und freuen uns, sind gespannt.
Alle Besucher treffen sich am Bahnhof in Giswil, wo Andrea alle begrüßt, die sich gemeinsam auf den Weg zu den einzelnen Performances machen werden; darunter ich mit meinem Notizheft. Andrea gab mir die Freiheit, meine ganz eigene Form des Berichtens über die Performances am Tag der Resonanz zu finden. Diese Freiheit gibt mir Zuversicht und das Gefühl, dass es kein Richtig und kein Falsch des Präsentierens gibt. Dennoch tilgt die Zuversicht nicht meine Nervosität, meine (An)Gespanntheit. Es geht los. Wir folgen Andrea Richtung Turbinenhalle.

#1 Irina Lorenz
Wir kehren um die Ecke des Hotels Krone. Die Leute bleiben stehen, eine Frau hinter mir ruft: «Wir folgen einem wilden Baum!» und zeigt auf eine Wiese. Die Leute bleiben weiterhin stehen. Verunsicherung. Der Performancekünstler Hans Christian aus Norwegen wird als Kenner, als Involvierter identifiziert: «You know what to do!» sagt die Frau zu Hans Christian in vertrauensvoller Zuversicht, er würde wissen, was nun zu tun ist. Sollen wir dem Baum folgen? Wir folgen ihm oder vielmehr ihr: Stiefel bis zu den Knien, schmale Beine, ein Rock und dann eine prächtige Baumkrone, ein «Gstrüpli», wie die Frau neben mir das Baumwesen bezeichnet. Wir folgen also dem Baum mit Beinen in sicherer Distanz. Ein paar Leute machen Fotos mit ihren Smartphones. Das «Gstrüpli» fängt an zu laufen und ich denke mir: Wir könnten sie einholen, wenn wir alle jetzt loslaufen. Zu spät. Keine Chance. Sie ist zu schnell.
Das Baumwesen kommt vom Weg ab, steigt in die saftig-grüne Wiese. Werden die Leute ihr folgen, frage ich mich. Hans Christian folgt ihr und pirscht sich langsam und vorsichtig an sie heran. Eine zweite mutige Frau wagt eine Annäherung. Alle drei halten voneinander Sicherheitsabstand.

#2 Darren Roshier
Ein adretter, junger Mann mit weißem Hemd bahnt sich mit einem länglichen Koffer den Weg durch die Zuschauer in die Wiese. Das «Gstrüpli» steht nun im Hintergrund und allen ist klar, dass nun eine neue Performance beginnt. Der Performer Darren Roshier wirkt etwas angespannt und baut mit geradezu inszeniert wirkender Gelassenheit ein kleines Stativ mit seinem Smartphone auf. Mit Blick auf den Bildschirm wird uns, den Zuschauern, klar: Er filmt seine eigene Show und ist Protagonist seiner eigenen medialen Inszenierung. Das Publikum teilt sich in ein wir, hier und jetzt, und ein sie, imaginär und zukünftig. Videodokumentation und Liveness treffen aufeinander. Der Performer erklärt, er möchte Dinge nicht wieder und wieder und wieder tun. «Immer die gleichen Performances», beklagt er sein eigenes Schaffen. Ein Einsteinzitat, dann imitiert er eine Schwimmbewegung und erklärt, das morgendliche Schwimmen sei für ihn ein wichtiges Wieder-und-wieder-und-wieder, ein Ritual, eine Routine. Ich denke an unseren Seeausflug heute Morgen, bevor ich mich gedanklich wieder im Hier und Jetzt der Performance wiederfinde.
Die Leute um mich herum lachen und lassen sich von der unterhaltsamen Darbietung anstecken. Er baut ein Flipchart auf und dann beginnt sein pseudowissenschaftlicher Vortrag. «Was heißt Systematisierung?» Flip. «Hier und Jetzt als Outcome.» Flip. «Was heißt Performance?», Flip. «Kunst hinterfragt die Rahmung.» Flip. Eine Grafik nach der anderen, die uns durch Kunsttheorie und philosophische Reflexion schicken soll? Wow! Das ist zu schnell. Die Sonne brutzelt auf mein und in meinem Gehirn. Ich schaue nach rechts und das Tattoo auf dem Nacken von Rita Marhaug zeigt den Schriftzug «Brain Pain».
Ich hinterfrage das Gesagte: Das Hier und Jetzt als wichtigste Voraussetzung der Performance-Kunst? Aber negiert doch nicht gerade die Videoaufzeichnung des Smartphones dieses Hier und Jetzt? Die aufnehmende Kamera versichert uns der Tatsache, dass die Performance ebenso für eine imaginäre, zukünftige Zuschauerschaft gedacht ist. Werden diese Zuschauer somit keine Performance sehen? Oder befinden sie sich im Moment des Sehens lediglich in einer anderen Dimension des Hier und Jetzt?
Er adressiert nun direkt die «Internet-Zuschauer», wie er sie nennt; richtet seinen Blick direkt in die Handykamera und zeigt mit dem Finger in die Linse. Und so wechselt er wieder (und wieder und wieder) die Rahmung seiner Performance.

#3 Sigmund Skard
Gemähte Linien an einem Hang bilden ein Rechteck im Grünen. Der Performer Sigmund Skard trägt lange dunkle Kleidung und einen Rucksack, an dem eine lange Sense befestigt ist. In seinen Händen hält er eine kleine Sense, mit der er sich innerhalb des Rechtecks den Hang hinauf «senst». An seinem Gesäß erkenne ich von Weitem eine Sitzhocker-Klettergurt-Konstruktion; ein «Melkhocker», wie mir später eine junge Zuschauerin erklärt. Unermüdlich folgt er seiner Sense in monotonen Bewegungen. In sich gekehrt, schwitzend, konzentriert, angestrengt – irgendwie lustig, absurd.
Einige Leute und ich sind froh, Schatten unter einer Hütte gefunden zu haben, von der aus wir dem so sinnlos wirkenden Schaffen zuschauen. Ein Bauer oder ein seltsamer, einsamer Tourist, der dem harten bäuerlichen Leben von damals nachzuspüren versucht? Sigmund mäht eine Form in die Wiese am Hang. Was soll das sein? Ein Buchstabe? Ein Zeichen? Wann macht er endlich Pause? Wann setzt er sich endlich auf seinen Melkhocker? Er hält inne – hört er nun auf? Nein, er macht weiter. Sinnloses Mähen, sinnloses Schwitzen. Ich nähere mich dem Rechteck gemeinsam mit zwei weiteren Zuschauern und erkenne Sigmunds Schuhe, die mich an ein großes Stück Schweizer Käse aus Holz erinnern. Wir fragen uns, ob er die Sense richtig hält und imitieren seine Bewegung. Ein junger Mann bringt Sigmund schließlich Wasser.
Die kollektive Aufmerksam kehrt sich zunehmend vom Performance-Geschehen hin zu Gesprächen unterhalb der im Schatten gelegenen Hütte. Dieser ganze Aufwand, dieser ganze Schweiß – für nichts!?
Schließlich hat er sein Werk vollendet: ein Kreuz im Rechteck. Einige Zuschauer nicken sich zustimmend zu: «Die Schweizer Nationalflagge.» Die Leute applaudieren.

#4 Rita Marhaug
Die Zuschauer nähern sich einem Graben neben der Turbinenhalle. Dort drin sitzt eine Frau mit hautfarbenen Highheels, hautfarbenem Kleid und hautfarbener Maske. Sie erinnert mich an eine Schnecke: die Form der Maske und ihr leicht eingerollter Körper. Wie ein verängstigtes Wesen in einer anderen Welt blickt sie zu uns Zuschauern nach oben. Die kleinen Löcher in der Maske auf Augenhöhe verraten mir, dass sie uns sieht. Vorsichtig, verkrampft, unbeholfen und wie ein Tier klettert sie über eine Art Hühnerleiter aus dem Graben. Irgendwie alles grotesk. Mein sinnhaftes Verstehen gerät ins Stocken. Was macht sie da bloß?
Die Performerin Rita Marhaug bahnt sich den Weg durch die Zuschauer in Richtung Turbinenhalle. Ich kann ihr Schnaufen durch die Maske hören. Ein bisschen gruselig.
Wir, die Zuschauer, verstehen ihre Geste als Einladung, ihr zu folgen. «Kommt, kommt!», sagen ihre Hände. Wir nähern uns. Es wird sehr still. Sie zieht ihre Highheels und Feinstrumpfhose aus. Auch wenn es eigentlich eine Geste der Befreiung von etwas Einengendem darstellt, macht sich in mir ein gegenteiliges Gefühl breit. Ich fühle mich unwohl. Ihre Strumpfhose hält ihrem Zug nach unten stand und schneidet und gräbt sich teils in ihre Oberschenkel. Das muss unangenehm sein. Die leicht betretenen Zuschauer halten Sicherheitsabstand.
Sie öffnet die roten, großen Türen der Turbinenhalle. «Kommt, kommt!» sagen ihre Hände erneut. Entlang des hellen, leeren Saals. «Kommt, Kommt!» Sie bleibt stehen und blickt uns durch ihre Maske eindringlich an, mustert uns langsam. Mit beiden Händen packt sie ihre Maske und zieht sie schmerzlich über ihren Kopf, ihr Körper zittert, sie schmeißt die Maske auf den Boden. Klatsch. Der Raum füllt sich mit Spannung, mit Energie. Ihre Muskeln scheinen mit dieser Spannung zu korrespondieren. Nun sieht es aus, als würde sie auf der Toilette sitzen. Skurril. Wieder Betretenheit bei den Zuschauern. Sie schließt die Augen, beinahe genussvoll und einige Zuschauer lachen beschämt. Sie bleibt, verharrt, hält aus. Die Spannung entlädt sich im plötzlichen Spucken der Performerin auf den Boden. Sie spuckt aggressiv, läuft aus dem Raum und hinterlässt uns mit offenen Fragen. Ich denke: Wie schräg und doch überraschend, wie überraschend schräg.

#5 Angela Hausheer
Wir, die Zuschauer, sitzen in der Turbinenhalle auf Bänken einander gegenüber. Wir warten. Dann kommt Angela Hausheer den langgezogenen Raum der Halle entlang auf uns zu. Sie trägt ein Bündel Metallrohre von unterschiedlicher Länge. Zwischen uns kommt sie zum Stehen und löst die Trageschnüre, welche die Rohre zusammenhalten. Vorsichtig, leise. Unerwartet beginnen die Rohre mit einem unerträglich lauten Metall-auf-Beton-Geräusch auf dem Boden entlang zu schlittern. So viel Energie von 0 auf 100. Die Zuschauer folgen jeder Bewegung der Performerin, jedem entlanggleitenden Metallrohr. Klang oder Geräusch? Ist das Musik? Ist das ein Spiel?
Ihre Stimme baut sich laut über uns auf. Angela Hausheer spricht vom Untergrund, vom Boden und der festen Verankerung am Boden. Gedanklich und erklärend bohrt sie sich vom Boden in die Tiefe. Sie ist laut, schreit fast; ist rauschend und bedrohlich wie ein Fluss. «Der Untergrund ist das Werk. Über mir ein See», erklärt sie und lacht schrill. Alle ihre Erklärungen werden begleitet von konzentrierten, theatralen Zeigegesten. Ein Kraftfeld entsteht zwischen ihrer Stimme, ihren Gesten und uns, den Zuschauern.
Die Rohre am Boden bilden eine Form. Ein Pfeil? Nein. Ich suche nach Bedeutung. Soll es eine Wasserleitung darstellen? Die Performerin beginnt in eines der Rohre zu blasen, ihre Knie am Boden. Didgeridooklänge gehen über in ein lautes, schrilles, Schreien. So viel Energie von 0 auf 100.
«Druck!», ruft sie und baut diesen in ihrem Körper auf, voller Anspannung und scheinbar vollen Lungenflügeln. Mit zwei Rohren in der Hand baut sie schließlich Druck ab. Sie bläst abwechselnd durch die Rohre – links, rechts – und schreitet ans Ende der Turbinenhalle. Sie bleibt stehen und schreit. Erinnert mich an einen archaischen Urschrei, wie der Schrei einer Göttin, laut, schrill, durchdringend, dann zart, feenhaft. Eine Zuschauerin schließt die Augen, ein Mann tut ihr gleich. Die Performerin schreitet an uns vorbei zum anderen Ende der Halle und öffnet die roten Tore. Befreiende Schreie in die Weite.
«Die Spannung ist nicht immer dieselbe» erklärt sie und ich denke mir, dass sie Recht hat. Als sie geschrien hat, lag bei weitem mehr Spannung in der Luft. Sie spricht von Transformation und ich denke an die Spannung, die in ihrer Stimme lag, an die Spannung im Raum. Sie spricht von elektrischer Spannung und zeigt den Zuschauern einen kleinen Gegenstand in ihren Händen, den sie als Elektron identifiziert. Sie öffnet das Fenster, geht hinaus und klettert von außen bis zum Fensterbrett. Die Zuschauer werden nun aufgefordert eine «gerade Kurve» mit den Rohren zu bilden. Zunächst noch etwas zögerlich greifen einige Zuschauer nach den Rohren und folgen dem Spiel, der Herausforderung, das Elektron durch die Rohre in die Zentralschweiz zu schicken. Immer mehr wollen Teil des Projekts sein und halten die Rohre – angefangen bei Angela – zu einer «geraden Kurve» zusammen. Das Elektron findet seinen Weg durch das Gemeinschaftsprojekt der Rohrbahn. Die Leute applaudieren für das Elektron, dann für Angela Hausheer.
Für mich bildete sich in Angelas Performance ein Zirkulationsraum aus zwischen Spannung und Entspannung, Energieaufbau und Energieverlust, Kraft und Getragenheit.

#6 Maya Minder und Milenko Lazic
Der Schauplatz: Die Brücke vor der Turbinenhalle auf der ein junger Mann Feuer macht. In der Hocke sitzend beugt er sich über das kleine Häufchen an Ästen, aus dem heraus es zu rauchen beginnt. Wir nähern uns der Brücke; ein Kind nähert sich dem rauchenden Ästehaufen, woraufhin eine Frau (die Mutter?) das Kind zu sich ruft. Ein Lagerfeuer? Unbeirrt vom Publikum konzentriert sich der Mann auf sein Feuer. Eine Frau mit Anzug huscht von einer Seite der Brücke zur anderen, als wolle sie sich ducken, um den Zuschauern nicht den Blick auf das Feuer zu versperren. Ist sie Zuschauerin oder Teil der Performance? Der Übergang ist fließend. Der junge Mann holt einen Büschel Gras und wirft ihn ins Feuer. Die junge Frau holt Wasser im Fluss mit einem Kübel. Löschwasser? Nein. Sie kippt das Wasser in eine Tonne, das Feuer qualmt. Sie geht zum Fluss, holt erneut Wasser, die Tonne füllt sich, sie muss husten. Die Frau, der Mann, jede/r geht seiner Arbeit nach, unbeeindruckt der Arbeit des jeweils anderen, ohne jeglichen Dialog. Komisch, langweilig.
Sie geht zur Wassertonne. Wäscht sie sich? Nein, sie trommelt aggressiv auf die Wasseroberfläche. Es spritzt und das mühsam am Leben gehaltene Feuer droht ausgelöscht zu werden. Wieder holt sie Wasser und trommelt. Ihre schlagenden Handflächen sind wütend, nicht so ihr Blick. Der bleibt nichtssagend und leer. Geht es hier um Rollenklischees, frage ich mich. Er macht Feuer, sie wäscht? Sehr seltsam alles. Soll hier eine «Brücke geschlagen» werden zwischen Gegensätzen? Mann und Frau? Wasser und Feuer? Meine Suche nach Bedeutung endet in einem Wust aus Fragezeichen.

#7 Simone Rüssli
In der Turbinenhalle stehen einige mit Decken bekleidete Kühlschränke, eine Malerleiter, Stühle im Kreis drum rum. Eine Bühne? Simone Rüssli beginnt mit einem «local poem», wie sie erklärt. Sie liest vor, ich verstehe kein Wort. Sie breitet Decken aus, eine nach der anderen und lädt die Zuschauer ein, sich darauf zu setzen. Viele folgen ihrer Einladung. Wie eine gemütliche Liegewiese. Einige Leute lächeln sich fragend an. Was passiert nun? Die mit Decken verhangenen Kühlschränke werden ent-deckt und die Bedeckung zum Teil der Liegewiese. Ein Kontrast: Die Kühle der Kühlschränke und die sich langsam entwickelnde Gemütlichkeit, Wärme. Eine Kabeltrommel verspricht Strom am gewünschten Ort. Ein Smartphone wird angeschlossen, das Rauschen von Wasser ist zu hören. Die Liegewiese, das Meeresrauschen werden zu Indizien: Soll hier eine Urlaubsatmosphäre geschaffen werden? Ein imaginierter, entfernter Ort der Entspannung? Simone legt sich mit auf die Decken und schließt die Augen. Viele verstehen das als Einladung ihr gleich zu tun. Neben mir flüstert mir ein Mann zu, er möchte sich nun auch am liebsten dazulegen. Ich lächle und nicke. Einige der Zuschauer auf den Stühlen schließen nun ebenso die Augen und geben sich dem «elektronischen» Meeresrauchen und der meditativen Atmosphäre hin. Die Performerin steht auf, öffnet den Kühlschrank, trinkt aus einer Wasserflasche, verteilt Wasserflaschen an die Zuschauer. Sie steigt auf eine Malerleiter, blickt zu den Zuschauern herab, steigt wieder hinunter, bleibt stumm. Sie geht zum Kühlschrank, nimmt einen Plastikbehälter heraus. Sie mischt, knetet und formt den Inhalt mit ihrer Hand. Ist das Ton? Lehm? Sie formt Ei-große Klumpen und wirft sie auf den Boden. Batz. Batz. Was soll das alles? Eine Zuschauerin wagt einen näheren Blick. Was ist das für ein Material? Was hat es für eine Textur? Wie fühlt es sich an? Neugierde breitet sich aus. Man spürt es regelrecht. Simone beginnt kleine Türmchen aus den zähen Lehmbrocken am Boden zu formen. Figuren? Sie ist fertig, sie schmiert den flüssigen Lehmrest an die Tür eines Kühlschranks. Nun ist mir alles zu viel. Es dauert, es ist sinnlos, befremdlich, skurril und ich verstehe nichts. Braune Schlieren ziehen sich über die Oberfläche der Kühlschranktür. Sie öffnet den Kühlschrank und nimmt eine Plastiktüte heraus. Ein «Plastiktütenrohr»? Sie klettert erneut auf die Leiter und wirft Glasgefäße durch das Plastiktütenrohr. Es klirrt, es ist laut. Das Plastiktütenrohr ist ein Plastiksack. Er wird zurück in den Kühlschrank gepackt. Sie spricht Schweizerdeutsch, ich verstehe wieder kein Wort. Einige Zuschauer halten sich die Handflächen als Hörhilfe hinter die Ohrmuschel. Simone rückt einen der Kühlschränke zur Seite, Äpfel kullern heraus, ein Biss in einen Apfel. Ein Mann tritt auf die «Bühne» der Liegewiese und reicht der Performerin eine halbvolle Bierflasche. Sie nimmt auch davon einen Schluck. Am Ende erklärt Simone die politische Dimension der Performance. Wieder erlaubt die Akustik kein Verstehen.

#8 Hans Christian van Nijkerk
«Tempo, Tempo!» ruft Hans Christian van Nijkerk den Besuchern zu, die sich gemächlich von ihrer Zwischenpause verabschieden und sich von ihren Sitzbänken erheben. Hans Christian steht auf einer Anhöhe vor der Turbinenhalle, entsprechend seines Auftretens als einer, der wisse wo es langgeht, über uns, erhoben. Mit erhobenem Zeigefinger macht Hans Christian seine Erwartungen gegenüber dem Publikum deutlich: Seid konzentriert, gebt 100%, nein mehr als 100%. Eine Art Trainingsprogramm startet mit einem Zwanzig-Sekunden-Schläfchen. Die Zuschauer lachen. Das hektische, unterhaltsame Auftreten von Hans Christian verstärkt eine ansteckende Motiviertheit bei den Zuschauern, den unsinnigen, ironischen Anweisungen des Trainers zu folgen. Es macht Spaß mitzumachen, involviert zu sein, aufgeweckt zu werden. Die Zeit wird gestoppt: Hose aus, Sporthose darunter, Laufschuhe an. Wieder Lachen.
Ein kurzer, kräftiger Pfiff in eine Trainingspfeife: «Folgt mir!» Wir folgen Hans Christan in die Turbinenhalle. An der Wand wird ein Testbild projiziert und ich frage mich, was es in diesem Kontext zu bedeuten hat. Hans Christian erinnert mich an einen hyperaktiven Judo-Trainer oder einen nicht ernst zu nehmenden Dirigenten. Witzig, ansteckend. Nun die Projektion eines Tennismatchs mit schriftlichen Instruktionen, wie man Tennis spielt. Ein Voice-Over liest die Instruktionen vor, Hans Christian imitiert die Bewegungen eines Tennisschlags. Das gleiche mit einem Rock-Star-Konzert, mit einer Performance, mit einer Vernissage: Projizierte Bilder, Instruktionen, Imitationen durch Hans Christian. Alles öffentliche Ereignisse, denen gesellschaftliche Konventionen, Regeln, Gesten, Bewegungsabläufe zugrunde liegen. Wir wissen von diesen Konventionen und Verhaltensregeln und befolgen sie meist unhinterfragt. «So auch hier und jetzt», denke ich. Alles geht so schnell: die Bilder an der Wand, die Stimme aus dem Off, Hans Christans Bewegungen. Meine Sinne geben sich geschlagen. Aus Scharfsinn wird diffuser Sinnesmatsch, meine Unfähigkeit mich auf Eines zu konzentrieren überkommt mich. Lese ich den projizierten Text? Folge ich den Bewegtbildern? Höre ich auf die Stimme aus dem Off? Konzentrierte ich mich auf Hans Christians Bewegungen? Eine Alltagserfahrung in einer digitalisierten, massenmedial durchzogenen, konsumorientierten Welt? Der Erfahrungsraum der Performance wird zum Reflexionsraum. Soll ich den Anweisungen folgen? Macht es Sinn, den Anweisungen zu folgen? Die Absurdität der Verhaltensregeln wird auf die Spitze getrieben. Wir applaudieren, weil uns gesagt wird, wir sollen applaudieren, weil die Menschen im Bild auch applaudieren. Wir hinterfragen es nicht. Das gemeinsame Tun, das Es-tun-ja-Alle ist ansteckend. Eine Art unsichtbare Macht wird spürbar, mein Spaß verkehrt sich in Nachdenklichkeit.

#9 Anne-Liis Kogan
Es wird still. Die Zuschauer nehmen auf Stühlen Platz, die die Begrenzungslinie der «Bühne» markieren. Am hinteren Ende der Turbinenhalle sitzt Anne-Liis links auf einem Stuhl in einem rotem Kleid, einer traditionellen Frauenbekleidung, wie es scheint. In Ihren Händen hält sie ein Mikrophon und ein Blatt Papier. Auf die hintere Wand wird ein zugeschlagenes Buch an die Wand projiziert, eine Lesebrille darauf, zwei Stifte daneben. Wendet man den Blick nach rechts: ein zugeschlagenes Buch auf einem Tisch, eine Lesebrille darauf, zwei Stifte daneben, eine Kamera, die aufzeichnet. Der Verdacht ist stark: Eine direkte Bildübertragung an die Wand. Am Tisch sitzt eine schweigende Frau mit gefalteten Händen im Schoß. Anne-Liis beginnt zu lesen. Eine Sprache, die ich nicht verstehe. Ihre Stimme füllt den Raum. Eine Geschichte? Ein Tagebucheintrag? Wie gerne ich wissen würde, was sie sagt. Sie beginnt erneut vorzulesen – nun englisch, von vorne. Endlich verstehe ich, doch es fällt schwer zu verstehen. Ihre Stimme überlagert sich mit der aufgezeichneten Stimme aus dem ersten Lesedurchgang. Echoartig verschwimmt ihre Sprache mit der schwebenden Sprache aus dem Nichts, der Aufzeichnung. Ein Klang, fast wie eine Melodie. Das Buch wird geöffnet und zeigt seine leeren, weißen Seiten. Die Frau am Tisch beginnt fragmentarisch auf deutsch das festzuhalten, was sie vom Vorgelesenen versteht. Die Blicke der Zuschauer folgen der projizierten Niederschrift. Man hört Englisch und sich überlagernde, fremde Sprachen. Im Stimmengewirr bahnt sich für mich eine Traurigkeit und Ernsthaftigkeit den Weg in mein Befinden. Die Geste des Schreibens ist eine Geste des Festhalten-Wollens einer Schicksalsgeschichte einer Frau. Wer ist sie, die durch Anne-Liis spricht, die erzählt? Ein Mann neben mir gähnt und erntet einen strengen Blick seiner Sitznachbarin. Als wolle sie sagen, dass sein Gähnen nicht angebracht sei. Der vergrößerte Blick auf das Buch an der Wand ist ein intimer Blick, ein Blick in ein Tagebuch? In ein tragisches Fragment einer Biographie? Voyeuristisch, denke ich – und so schwer, beklemmend, geisterhaft. Als würde der Geist jener fremden Frau über uns schweben. Die Stimmen verstummen und das Buch klappt zu. Als würde das über uns schwebende, tragische Erleben einer Frau an einem entfernten Ort, zu einer anderen Zeit im Zuschlagen des Buches endgültig eingefangen, festgehalten und so seiner Vergänglichkeit beraubt worden sein.

#10 Darren Roshier
Es ist dunkel draußen geworden. Das herdenhafte Weiterziehen der Zuschauer von einem Performance-Ort zum nächsten wird langsamer, träger. Als wären die Klappstühle schwerer geworden, ziehen wir von einem Ende der Turbinenhalle zum anderen. Dort baut Darren noch einmal sein Smartphone-Stativ und sein Flipchart auf, noch einmal reflektiert er über das, was Performance sei, über das Wieder-und-wieder-des-Immergleichen. Im Akt der Wiederholung sinniert er über Wiederholung. Witzig, irgendwie raffiniert. Etwas müde gewordenes Schmunzeln um mich herum.

Auch ich bin müde geworden und mache mich auf den Weg durch den späten Abend zurück zum Hotel. Ich denke über die Eindrücke des heutigen Tages nach. All diese waren Eindrücke des Moments, im Hier und Jetzt, wovon auch Darren gesprochen hatte. Ephemer, flüchtig. Schon auf dem Weg zum Hotel denke ich darüber nach, dass die Perspektive des Danachs nun eine andere ist als die des Hier und Jetzt. Auch wenn dieser Blickwinkel im Zeichen des Nach-Wirkens unumgänglich ist, wollte dieser Bericht dennoch den Versuch wagen, sich dem Erleben des Moments zuzuwenden.

→ siehe auch Texte von Elias Kirsche, Marshall Maihofer und Bernadett Settele über dieselben Performances